Eine Musikkassette, aus dem Istanbuler Plattenladen Deform Music am vorletzten Abend eines längeren Aufenthalts in der Stadt auf Empfehlung mitgenommen, sollte über die letzten zwei Jahre zum Auto-Repeat-Klassiker im Hause des Autors werden. Die Rede ist von »Musiki«, dem Debütalbum und zugleich der einzigen Veröffentlichung von Ahmet Sinan Hatipoğlu. Es ist ein Album, das sich jeglicher Kategorisierung entzieht und die eigene gleich auf dem Cover trägt, auf dem groß und stolz steht: »Anatolian New Age«.
Wenn man eine Sache im Leben irgendwann erkannt hat, dann, dass nichts zufällig passiert, alles hat seinen tieferen Sinn. Und so wunderte es kaum, dass bei meinem nächsten Istanbul-Besuch wie von geheimnisvoller Hand eingefädelt plötzlich eine Bekannte mit der Tochter von Hatipoğlu befreundet ist — und gerne dabei hilft, ein Interview zu arrangieren, für den Künstler das erste in diesem Jahrhundert.
Und so begebe ich mich tatsächlich an einem warmen Frühlingstag auf die asiatische Seite von Istanbul nach Kadıköy, in jenes Viertel, das den Nährboden für »Musiki« gebildet hat — und in dem Hatipoğlu heute mit seiner Frau lebt.
Wir tauchen sofort in den Dialog über »Musiki« ein, dieses traumhafte Album, das mit jedem Auflegen wächst, wie es nur mit den größten aller Veröffentlichungen gelingen kann. Wer denkt, ich übertreibe, der höre nur das erste Stück, »Yirmi Beşinci Kısım«, in dem Hatipoğlu uns sofort in den Bann seiner Stimme zieht. Man klebt geradezu an den wunderbar mystischen türkischen Worten, die aus seinem Mund kommen und selbst auf Deutsch ihren Speer in unsere Herzen zu stechen wissen: »... Ich bin kein Fremder, ich bin ein Kapitän / Öffne die Tür, Suna Su / Ich wurde durch den großen Regen nass / Hast du Wein, Suna Su? / Wir werden den Morgen finden, oder? ...«
Die Zeit steht still, das Leben auch, wenn man der Musik von Ahmet Sinan Hatipoğlu zuhört. Es verwundert nicht, dass sie nie wirklich weg war — nur, dass es so lange dauerte, bis sie wieder so richtig präsent ist. Wie so oft ist es nicht der Künstler selbst, der sein Werk ans Licht pusht, die Tochter regte ein Remastering und ein Bandcamp-Release an.
Aber zurück nach Kadıköy, ins Epizentrum der Genese von »Musiki«. Hatipoğlu lebt hier seit 35 Jahren. »Es war damals ein wichtiger Ort kulturell«, erzählt er, »wir haben als Kinder hier Musik gehört, wir haben auf der Straße Musik gemacht.« Schon in dieser frühen Erinnerung klingt etwas an, das sich durch sein gesamtes Denken zieht: Musik als sozialer Raum, aber auch als ein Raum der Selbstbeobachtung — und der Abgrenzung von anderen.
Was später »Musiki« werden sollte, entstand aus einer Haltung, die sich kaum von der künstlerischen Strenge des Protagonisten trennen lässt. Hatipoğlu beschreibt sich als jemanden, der Musik nicht einfach macht, sondern sich ihr aussetzt. »Da sind zwei Menschen«, sagt er, »ich und mein Selbst. Einer spielt, singt und schafft, der andere hört zu. Die beiden kämpfen miteinander.« In dieser Formulierung liegt die gesamte Spannung seines Werkes: Musik nicht als Ausdruck einer Einheit, sondern als permanenter innerer Konflikt.
Vielleicht erklärt sich daraus auch die radikale Konsequenz, mit der er nach Fertigstellung des Albums reagierte. »Als ich mein Album 1993 fertiggestellt habe, dachte ich: Okay, ich habe es geschafft. Ich mag es. Es ist perfekt. Was kommt jetzt?«
Diese Frage bleibt bis heute unbeantwortet — sie markierte einen Bruch in der Vita von Hatipoğlu. Denn was folgt auf Perfektion, wenn Perfektion nicht als Ideal, sondern als Abschluss verstanden wird? Die Konsequenz für ihn war ein radikaler Rückzug. Er verschob seine Energie und auch Leidenschaft auf andere Disziplinen: Architektur, Malerei. »Ich habe später noch ein paar Instrumentalstücke gemacht, aber meine Verbindung zur Musik ging eine Zeit lang verloren«, sagt er nüchtern. Aber die Wahrheit kauert hinter einer anderen, fast schon nebenbei transportierten Selbsterkenntnis des Musikers: »Ich wollte nie auf einer Bühne stehen. Die Bühne ist Show.«
In dieser Abgrenzung steckt kein Anti-Performance-Reflex, sondern eine klare ästhetische Entscheidung. Musik, so wie er sie versteht, ist ein prozesshaftes Wesen, das sich gegen die Manifestierung der Bühne verwehrt. Deshalb auch seine beiläufig wirkende, aber zentrale Setzung: »Demos sind immer besser, weil es dort keine Mathematik gibt, nur Gefühl.« Auch dieser Satz ist kein romantischer Gegenentwurf zum Produktionsprozess an sich, sondern eine präzise Diagnose eines für Hatipoğlu so bedeutsamen Übergangs: vom offenen Zustand der Musik in die sie bindende Struktur, vom intuitiven Moment in die kalkulierte Form, die der Markt und die Hörer:innen erwarten.
Ich wollte nie auf einer Bühne stehen. Die Bühne ist Show
Ahmet Sinan Hatipoğlu
Interessant ist dabei, wie sehr Hatipoğlu seine musikalische Praxis mit dem architektonischen Denken seiner zweiten Liebe und Profession verschränkt. »In der Architektur lernt man, was Schönheit ist und wie sie durch Gestaltung entsteht«, sagt er. Begriffe wie Rhythmus, Dominanz, Kontrast werden bei ihm nicht metaphorisch verwendet, sondern strukturell. Musik ist für ihn kein Ausdruck, sondern ein Entwurf — eine Form von Raum, der sich in der Zeit entfaltet. Und doch bleibt da eine Spannung zwischen Kontrolle und Auflösung. Denn während Architektur Stabilität verlangt, sucht Musik bei ihm immer wieder das Moment der Erosion. »Ich arbeite durch Improvisation«, sagt er, »ich weiß nicht einmal genau, ob das, was entsteht, überhaupt ein Song ist.«
Vielleicht ist deshalb auch seine Distanz zur Musikszene seiner Heimatstadt Istanbul so konsequent. »Ich habe nie das Gefühl gehabt, Teil einer Community zu sein«, sagt er. Selbst die Erinnerungen an gemeinsame Sessions wirken eher wie temporäre Zustände als wie Zugehörigkeit: »Wir haben gespielt wie verrückt, aber wir haben nicht gesprochen.« Kommunikation findet bei ihm generell nicht über Sprache statt, sondern über Klang, betont Hatipoğlu — und dreht sich weg, wenn man nachfragen will, da man den wortfreudigen Menschen vor sich nicht mit dieser Setzung verbunden bekommt.
Diese eigenwillige Selbstwahrnehmung zieht sich durch sein gesamtes Verhältnis zur Musik. »Ich bin kein guter Musiker«, sagt er überraschend offen. Was will man darauf antworten? Zum einen hört man das wirklich nicht. Zum anderen spielt es aber auch generell keine Rolle — wer will schon sehr guten Musikerinnen zuhören, wie sie sehr gut spielen? Während ich noch darüber sinne, was es ist, das mich so tief in »Musiki« hineingezogen hat, legt Hatipoğlu immer weiter nach in seiner eigenwilligen Konstruktion der Welt: »Ich habe irgendwann aufgehört, Musik zu hören, um nicht beeinflusst zu werden«, sagt er. Ein radikaler Schritt, der weniger Verweigerung als Reinigung gewesen sei. Erst Jahre später sei das Hören zurückgekehrt. Gleichzeitig ist da eine fast schmerzhafte Reflexion über Intensität. »Musik enthält eine so intensive Erregung — sie kann dich fast töten«, sagt er. Darin liegt eine Erklärung für seinen Rückzug: »Deshalb habe ich die Musik verlassen. Ich wurde so aufgeregt, dass ich das Gefühl hatte, ich müsste sterben.« Musik als Überforderung, nicht als Ausdruck.
Dass er später in seinem Leben die Malerei als neue, dritte Liebe zulassen konnte, liegt wohl an ihrer die Welt (für ihn) verlangsamenden, ihn beruhigenden Wirkung. »In der Malerei habe ich noch nicht gefunden, was ich in der Musik gefunden habe«, sagt er — und meint damit, dass Musik für ihn ein einzigartig radikaler Ort bleibt, dessen Gravitation er sich nur punktuell aussetzen kann.
Am Ende bleibt ein Satz, der sich wie ein Schlüssel durch das gesamte Denken von Hatipoğlu zieht: »Wenn etwas nicht beschrieben werden kann, hilft Musik, Gefühle auszudrücken, die Worte nicht erfassen können.« In der Tat wirkt »Musiki« bis heute so intensiv, weil die Songs nichts endgültig erklären, aber viele Spuren legen, ganz so wie das Leben uns selten die absolute Wahrheit gewährt, oft aber ein Gefühl dafür schenkt, wo wir wieso stehen und was auf uns noch wartet.
Wofür wir »Musiki« aber am meisten umarmen sollten, ist die Erinnerung, die das Album in sich trägt: dass ein Werk einfach nicht endet, wenn wir es nur eng genug in unsere Obhut nehmen.







