Näher an sich selbst

Trompeter Chris Ryan Williams interpretiert Musik konsequent als Teil unserer Umwelt

Mit »Odu: Vibration II« (AKP Recordings) hat der New Yorker Komponist und Produzent Chris Ryan Williams ein Album geschaffen, das sich schnellen Kategorisierungen entzieht.
Zwischen improvisierter Arbeit mit Blechblasinstrumenten, elektronischen Klangräumen und einer Reflexion über Wahrnehmung, Raum und Körper entsteht eine Musik, die von den Hörer:innen im wahrsten Sinne erfahren werden möchte. Ausgangspunkt für Williams ist ein Prozess des Entwirrens — ein Aufbrechen und Neuordnen von Eindrücken, ­Erinnerungen und klanglichen Möglichkeiten. Er agiert zwischen konkreter Erfahrung und abstrakter Reflexion: reale Höhlenerlebnisse, philosophische Modelle wie Platons Höhlengleichnis, panafrikanische Perspektiven und die ­urbane Klangwelt New Yorks ­greifen ineinander. 
Im Gespräch wird schnell klar, dass dieses Album weniger als abgeschlossenes Werk gedacht ist, sondern als Zwischenstand eines offenen künstlerischen Prozesses — einer Suche, die sich ebenso im Inneren wie in der physischen Welt fortsetzt.

Ich habe mich in den letzten Wochen intensiv mit deinem Werk und vor allem dem aktuellen Album »Odu: Vibration II« beschäftigt. Du sprichst hinsichtlich deines Schaffensprozesse von »Entwirren«. Findet dieser Prozess ausschließlich in der Musik statt oder beschreibt er auch eine Veränderung in dir selbst?

Chris Ryan Williams: Ich glaube nicht unbedingt, dass die Musik ein direktes Spiegelbild dieses Prozesses ist. Für mich ist sie eher ein Nebenprodukt davon. Dieses Entwirren findet tatsächlich in mir selbst statt. »Odu: Vibration II« ist mein erster Versuch, so etwas wie ein Universum zu erschaffen, das viele verschiedene Ideen aufnehmen kann — Dinge, die ich in meinem Leben verarbeite. Es geht darum, Eindrücke festzuhalten, die ich sammle, während ich in New York lebe und diesen unglaublichen Musiker:innen begegne. Ich habe das Gefühl, dass ich Dinge abtrage, die meiner Wahrnehmung auferlegt wurden, um zu einem Kern vorzudringen, zu etwas Wahrhaftigerem. Das ist gleichzeitig etwas sehr Kosmisches und etwas sehr Inneres. Bei diesem Album ging es darum, in eine Art Höhle hinabzusteigen, unter die Oberfläche zu schauen, Dinge auseinanderzunehmen — und daraus auf der anderen Seite etwas Neues entstehen zu lassen, statt einfach linear von A nach B zu gehen.

Oft sind die Höhlen, von denen du sprichst aber metaphorisch zu verstehen, oder? Du warst ja vor dem aktuellen Album noch nie in einer echten Höhle, das kam erst später.

Genau. Inzwischen ist es also wörtlich. Es ist lustig, weil oft ­darüber geschrieben wird, als wäre es nur eine Metapher — und ja, das war es in gewisser ­Weise auch. Aber ich meinte immer echte Höhlen. Während der Entstehung hatte ich einfach ­keine Zeit, tatsächlich eine zu besuchen. Ich musste schon etwas präsentieren, hatte eine Performance-Zusage — also war das gewissermaßen eine »Vor-Höhle«. Ich habe versucht, mir das vor­zustellen, mich hineinzuversetzen. Gleichzeitig habe ich viel ­gelesen — über Wissenssysteme, darüber, was wir im Westen als »Fakt« verstehen. Natürlich spielte auch Platons Höhlengleichnis eine Rolle, aber ich habe parallel Texte gelesen, die das aus panafrikanischen Perspektiven hinterfragen. Irgendwann dachte ich: Ich sollte wirklich mal in eine Höhle gehen. (lacht) Also habe ich es gemacht. Kurz nach der Veröffentlichung war ich in Puerto Rico in einer Höhle. Meine Frau ist Puertoricanerin, daher gibt es da eine Verbindung. Und wir fahren bald wieder hin. Diese Orte sind unglaublich. Man steigt in eine Dunkelheit hinab, die wir im ­Alltag kaum kennen. Geräusche verhalten sich dort völlig ­anders, Echos kommen anders zurück. Das ist extrem spannend, wenn man darüber nachdenkt, wie wir Realität konstruieren. In einer Höhle betritt man eine andere ­Realität.

In einer Höhle betritt man eine andere RealitätChris Ryan Williams

Machst du dort Aufnahmen oder geht es eher um das Erleben? 

Ich mache Feldaufnahmen. Auf diesem Album sind noch keine, weil es vorher entstanden ist, aber künftig werde ich sie nutzen. Ich habe Impulsantworten auf­genommen, Hall eingefangen — und auch die riesigen Insekten. Ehrlich gesagt habe ich ziemlich Angst davor. (lacht) Ein Teil des Projektes ist auch, mich dieser Angst zu stellen.

Beim Hören hatte ich stark das Gefühl, mich in einem Raum zu orientieren, der sich ständig verändert. Fast wie in einer unbekannten Umgebung.

Ich möchte, dass die Leute aktiv zuhören, suchen, sich orientieren. Ich habe kein Interesse an Musik, die einfach nur passiv konsumiert wird. Wie würdest du das Album einordnen? Viele nennen es Ambient, was ich irgendwie lustig finde.

Ich würde sagen: Es ist Ambient im wörtlichen Sinn — es erschafft eine Umgebung. Aber nicht im typischen, »entspannten« Sinn, es ist eher Environment Music.

Das gefällt mir: Environment Music.

Man spürt, dass du die Zeit nachträglich neu anordnest.

Absolut. Ich habe die Musik live gespielt, war danach in der Höhle und habe sie dann erst abgemischt. Dieser Ablauf hat das Ergebnis stark geprägt. Ursprünglich war es eine Live-Erfahrung, jetzt existiert es als Studioalbum.

Wie bist du mit diesem künstlerischen Übergang umgegangen — von Improvisation zu detaillierter Nachbearbeitung?

Ich habe mich definitiv im Prozess verloren, manchmal. (lacht) Beim Abmischen habe ich mit Kevin Ramsay gearbeitet, der bei der ursprünglichen Performance dabei war. Das war extrem hilfreich, weil er wusste, wie sich die Musik im Raum angefühlt hatte. Und ich brauchte eine Deadline — sonst hätte ich ewig weitergemacht.

Dein Weg in die Elektronik begann ja eher aus der einer spezifischen Lebenssituation heraus und nicht unbedingt aus künstlerischer Motivation.

Genau. Während der Pandemie war es eher pragmatisch: niemand verfügbar, also mache ich es selbst. Dann hat sich das mit meinem Interesse an elektronischer Musik verbunden — Flying Lotus, Brainfeeder, später auch so unterschiedliche Künstler wie George Lewis oder Autechre. Ich habe festegestellt, dass Elektronik mir erlaubt, ausgedehntere Klanggesten zu entwickeln — etwas, das mit der Trompete allein schwierig ist. Irgendwann wollte ich beides zusammenführen. Jetzt ist meine Musik wieder sehr trompetenzentriert, auch wenn der Klang erweitert ist.

Beim Abmischen hast du auch neue Ebenen hinzugefügt, oder?

Ja, definitiv. Ich wollte den Klang breiter und tiefer machen, gerade fürs Hören über Kopfhörer. Ich habe Synthesizer und Feldaufnahmen ergänzt. Ein schönes Detail: Die Aufnahme am Anfang von »Waning« stammt von KMRU. Ich hatte sie vor Jahren heruntergeladen und vergessen. Als ich sie wiederfand, passte sie perfekt. Später schrieb er mir, wie sehr ihm die Platte gefällt — das war ein schöner Zufall.

Du hast mal gesagt: »Je tiefer man geht, desto mehr sind die Dämonen die eigenen.« Was meinst du damit?

Es geht um Gedanken und Empfindungen, die auftauchen, wenn visuelle Reize wegfallen. Wir sind so visuell geprägt. In der Dunkelheit, wenn nur Klang, Berührung und Geruch bleiben, kommt man näher an sich selbst. Und irgendwann merkt man: Das, was in einem selbst ist, ist gar nicht so unterschiedlich von dem der anderen. Klang kann diese oberflächlichen Unterschiede ­auflösen.

Du arbeitest mit vielen Anleihen aus Philosophie, Film, Musiktraditionen: beispielsweise die Filme von Apichatpong Weerasethakul, die Traditionen der Dreihornmusik, die Höhlengleichnisse, die Schriften von Marimba Ani. Aber du willst keine verkopfte Musik, sondern wünschst dir eine körperliche Reaktion deiner Hörer:innen.

Genau. Am Ende soll alles wieder zum Körper zurückführen. Musik kommt aus dem Inneren und bringt dich zum Schwingen. Ich möchte, dass auch Menschen etwas fühlen können, die diese Referenzen gar nicht kennen.

Wie wichtig ist dabei dein alltägliches Umfeld für deine Arbeit?

Sehr. Seit ich in New York lebe, hat sich meine Musik verändert. Diese gemeinsame Erfahrung im öffentlichen Raum — im Bus, in der U-Bahn — ist wichtig. Meine Nachbarschaft ist stark karibisch geprägt, überall sind Geräusche, Musik, Stimmen. Das prägt mich enorm.

Mach mit: Gemeinsam sichern wir unabhängigen Journalismus für Köln!
→ Ja, ich abonniere die Stadtrevue!
→ Ja, ich erwerbe einen Anteil der Stadtrevue-Genossenschaft!


Tagnacht – Kölns Gastro-Guide. Essen, Trinken, Ausgehen in Köln: alle Küchen, alle Veedel! Hol dir ein Abo und erhalte als Prämie die tagnacht 2025/26 gratis dazu. 

Stadtrevue abonnieren →

Alle Prämien ansehen →

Unsere Magazine

tagnacht – Kölns Gastro-Guide: Essen, Trinken, Ein­kaufen, alle Küchen, alle Veedel, die besten Adressen der Stadt. 
ansehen / bestellen →


Raum 5 – Der Design Guide für Köln/Bonn: Neues und Schönes, Porträts und Tipps sowie 300 Design-Adressen. 
ansehen / bestellen →


alma — Das Kölnmagazin für Studis: Alles, was wichtig ist für den Durch­blick an der Uni und das Leben in der Stadt.
ansehen / bestellen →


kurzundklein – Ein ganzes Jahr Köln mit Kindern: Akti­vi­täten und Aus­flüge, Familien­politik, Stadt­leben, Adressen. 
ansehen / bestellen →


weiter! — Aus- und Weiter­bil­dung in Köln und der Region: Der Pocket-Guide mit rund 200 Adressen und vielen nütz­lichen Infos.
ansehen / bestellen →