Natur in Anführungs­zeichen

Dorothee Elmiger schickt eine Expedition auf den Spuren eines Theatermachers in den Regenwald

Das Taschenlampenlicht »habe ­ihnen die blinde Schwärze, die fürchterliche Weite, die sie ansonsten umgeben habe, noch stärker vor Augen geführt.« Dunkel wie Ruß steht der panamaische Regenwald nachts um die Schriftstellerin, die Teil einer vom »Theatermacher« engagierten Gruppe ist, mit der dieser den Fall zweier verschollener Holländerinnen für ein Stück rekonstruieren will.

Exkursionen führen den Tross in den Regenwald, aber einen Plot bemüht Dorothee Elmiger kaum. Stattdessen installiert sie ein rhizomatisches Erzählen, das »die Verstrickungen, Verbindungen, das Synchrone und scheinbar Zufällige« zeigen will. In Binnengeschichten berichten und hören die Figuren von larmoyanten, neurechten deutschen Auswanderern in der südamerikanischen »Wildnis«, von grapschenden lebensgroßen Micky-Maus-Figuren am Times Square, von einem Stall trächtiger Ziegen, die quasi-biblisch nicht mehr aufhören, ihre Jungen zu gebären, von Rohheit und Ursprünglichkeit. An einer realistischen Figurenzeichnung ist Elmiger weiterhin kaum interessiert. Das Personal bleibt überwiegend namenlos, heißt »die Produktionsassistentin« oder »die Schweizerin«, die psychosoziale Sättigung und das Identifikationspotenzial der Figuren bleiben dürftig.

Reglose Echsen im Zimmer, sintflutartiger Regen, eine faulende Wunde am Handgelenk der Schriftstellerin. Dann verliert sie auf einer Exkursion den Anschluss, auf sich allein gestellt möglicherweise vor einer »Zukunft, in der man ihr Telefon am Ufer eines Bachs zwischen Wurzeln finden würde«, wie jenes der beiden Holländerinnen. Ob es sich »um Vorarbeiten für das Stück gehandelt habe oder ob sie sich (…) bereits mittendrin befunden hätten«, ob diese über 160 Seiten beinahe vollständig im Konjunktiv erzählte Geschichte glaubwürdig ist, daran sät der ­Roman Zweifel.

»Die Holländerinnen« inszeniert die Natur als eine vom Menschen gemachte Bedrohung, verwüstet von United-Fruit-Plantagenwirtschaft, verklärt von europäischen Kulturschaffenden, die einem »Theatermacher« hinterherstolpern, der die »Dialektik der Aufklärung« wie eine sich selbsterfüllende Prophezeiung immer messianischer rezitiert. Nicht länger souverän tappt der Mensch durch diese Natur, und Dorothee Elmiger evoziert seine existenzielle Desorientierung sperrig, aber ungemein effektstark und literarisch radikal.

Dorothee Elmiger: »Die Holländerinnen«, Hanser, 161 Seiten, 23 Euro
Fr 22.5., King Georg, 21 Uhr

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