Der Putz bröckelt, Graffiti überzieht die Fassade, und dann hat neulich auch noch jemand dem Heiligen Rochus den Pilgerstab aus der Hand gerissen. Doch die Rochuskapelle, Wahrzeichen von Bickendorf, ältestes Gebäude im Veedel und sogar im ganzen Bezirk Ehrenfeld, steht trotzig weiter an ihrem Platz, vor sich die Venloer Straße, hinter sich einen Parkplatz und das Coloria-Hochhaus, auch als Westcenter bekannt — das Entrée von Bickendorf. Mittwochs und samstags, wenn Markt ist, kommt der Küster und öffnet das Kapellchen. Manchmal zündet dann jemand eine Kerze an oder betet zum Heiligen Rochus, Nothelfer gegen die Pest und Patron der kranken Haustiere.
Peter Bruckmann zeigt auf die bekritzelte Seitenwand. »Es ist ein Jammer«, sagt der Vorsitzende der Bickendorfer Interessengemeinschaft. Seit 15 Jahren schon drängt man bei der IG darauf, dass die Kapelle endlich saniert wird, startete vergangenes Jahr auch eine Petition, doch vergebens. »Wir hören von der Kirche, dass sie erst tätig werden will, wenn der Rochusplatz umgestaltet ist«, berichtet Bruckmann. Dass der Rochusplatz mehr sein könnte als ein asphaltierter Parkplatz, ist immer wieder mal Thema in Bickendorf.
Dass der Rochusplatz mehr sein könnte als ein asphaltierter Parkplatz, ist immer mal wieder Thema in Bickendorf
Anfang der 90er Jahre wurde die U-Bahn gebaut, 2010 das Rochusbad abgerissen. Seither »befindet sich die Freifläche in einem provisorischen Zustand und besitzt keine Aufenthaltsqualität«, wie die Stadtverwaltung es in einer Vorlage selbst formuliert. Die Stadt hat Entwürfe vorgelegt, wie der Platz einmal aussehen könnte, mit Bouleplatz unter Bäumen, Sitzbänken und einem Brunnen. Ende 2023 erteilte man den Baubeschluss. Doch von Arbeiten ist bisher nichts zu sehen.
Manche eignen sich den Platz nun auf ihre Weise an. Unter einer alten Kastanie neben der Kapelle hat eine Frau auf einem Klappstuhl Platz genommen und Waren aller Art auf Tüchern zum Verkauf ausgebreitet: Babyschuhe, Wasserkocher, Zahncreme. Über einem Einkaufswagen hängen Jacken, und sogar abgestellte Fahrräder und E-Scooter werden zum Kleiderständer für Jacken und Röcke. Die Frau isst ein Brötchen und genießt die Frühlingssonne. Sobald sich ein Passant nähert, preist sie freundlich die Vorzüge ihrer Ware an.
Manchmal, erzählt Peter Bruckmann, hängen die »fliegenden Händler« ihre Artikel auch an der Kapelle auf. Bruckmann seufzt. »Das Ordnungsamt schreitet nicht ein, weil die Fläche der Kirche gehöre«, sagt er. Und die Kirche tue ebenfalls nichts. Im vergangenen Jahr lud die IG wegen der Rochuskapelle zu einer Pressekonferenz, auch Ratspolitiker wie der damalige Bürgermeister Ralph Elster (CDU) kamen und empörten sich über deren Zustand. Spontan beschlossen die Anwesenden, einen Förderverein zu gründen. »Denn wir wollen nicht nur, dass die Kapelle saniert wird, sie soll auch genutzt werden«, sagt Bruckmann, zum Beispiel für Kunstausstellungen. Doch der Förderverein ist bis heute nicht gegründet, weil ein wichtiges Mitglied fehle, so Bruckmann. »Trotz mehrfacher Nachfrage hat die Kirche bis heute keinen Vertreter benannt.« Inzwischen haben sich zwei weitere Frauen zu der Verkäuferin gesellt, auch sie haben Klappstühle mitgebracht. Als Bruckmann sich verabschiedet hat, zeigen sie auf die Kapelle, und die Verkäuferin fragt: »Wann wird sie endlich schön gemacht?«







