Pionier aus Verzweiflung

Vor vierzig Jahren starb Gerd Schreiber an Aids. Er war der erste HIV-Positive, mit dem die Kölner Aidshilfe in Kontakt kam

Die Anzeige findet sich in der Dezemberausgabe der Stadtrevue von 1984, in den Kleinanzeigen auf Seite 105. Dort sucht ein 44-Jähriger einen netten Freund für gemeinsame Unternehmungen, in der Anzeige darunter eine Frau einen geistvollen Partner. Dazwischen die Überschrift »AIDS-Verdacht AIDS-krank?« und folgender Text: »Betroffener Mann, 28, sucht Menschen, die auch mit AIDS konfrontiert sind. Vielleicht schaffen wir’s ­gemeinsam besser, damit klarzukommen!«

Der Verfasser der Anzeige ist Gerd Schreiber, zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 28 Jahre alt. Vermutlich wurde er kurz zuvor positiv auf HIV getestet, damals noch als Humanes-T-Zell-Leukämie-Virus III (HTLV-III) bezeichnet. Erst seit kurzem gibt es die Möglichkeit, sich testen zu lassen. Die Krankheit verbreitet sich vor allem unter Männern, die mit anderen Männern Sex haben. 

Seit Juli 1983 ist immerhin ein Infoblatt mit dem Titel »Aids-Informationen« erhältlich, Herausgeber ist die Hautklinik der Universität zu Köln in Zusammenarbeit mit dem Sozialwerk der Gay Liberation Front, in der sich Teile der Community seit 1971 politisch organisieren. Gleichzeitig wird in der Klinik eine Sprechstunde angeboten.

Auch andernorts formiert sich Selbsthilfe. Es gibt den »MS Panther«, einen 1974 gegründeten Lederfetisch-Verein, der wegen seiner Karnevalsbälle bekannt ist. Auch die Vereinsmitglieder betrifft Aids, und die Hemmschwelle, darüber zu reden, scheint geringer als in anderen Kontexten. »Die Lederszene besaß einiges, das der Schwulenbewegung zu dieser Zeit fehlte«, zitiert eine ­Publikation anlässlich des 30-jährigen Bestehens des ­Vereins den Aidshilfe-Mitbegründer Rainer Jarchow. »Sie hatte Vereine, die bundesweit und europaweit zusammengeschlossen waren. Keine andere Szene hatte eine vergleichbare Infrastruktur.«

In die Politik und Verwaltung gelangt das Thema ­unter anderem durch Michael Schneidewind, der seit 1984 für die Grünen im Rat der Stadt sitzt. Bei seinen ­Besuchen in New York bekommt er eine Vorstellung von den Auswirkungen der »Schwulenseuche«. Während des Rückflugs aus den USA überlegt Schneidewind, wie er die Dringlichkeit des Themas deutlich machen kann. »Damals war ich Fraktionsgeschäftsführer, und als ich zurückkam, bin ich sofort zu Oberstadtdirektor Kurt Rossa gegangen«, erinnert er sich. »Wir konnten uns gut leiden, und ich habe gesagt: Das geht nicht nur uns schwule Männer etwa an, das wird alle betreffen — auch Ihre ­Kinder.« Kurze Zeit später steht das Thema erstmals auf der Tagesordnung des Gesundheitsausschusses.

Anfangs ist man aber auch in links-alternativen ­Kreisen zögerlich. Wie in der schwulen Community wird die Frage gestellt, ob es sich bei der Aufregung um Aids nicht vielleicht um eine imperialistische Strategie der Unterdrückung handele. Es gibt noch kaum Wissen über Zusammenhänge und Übertragungswege von Aids, ­stattdessen machen Verschwörungstheorien die Runde, nach denen das Virus aus einem US-amerikanischen Militärlabor stamme. Die Tageszeitung taz veröffentlicht noch 1987 ein Interview mit dem Ostberliner Biologen und Stasi-Informanten Jakob Segal unter der Überschrift »Aids. Man-Made in USA«. 

In dieser Gemengelage erhält Gerd Schreiber seine Diagnose. Da befindet er sich schon im Vollbild Aids. Drei Jahre nach der Erstbeschreibung der Krankheit gibt es noch keine Behandlungsmöglichkeiten. Die Medizin ist machtlos, das fortgeschrittene Stadium bedeutet den sicheren Tod. In jenen frühen Jahren der Krise gibt es kein Leben mit HIV, es gibt nur Sterben an Aids.

Darüber hinaus ist nicht viel über den jungen schwulen Mann bekannt. Dem Vernehmen nach stammt Gerd Schreiber aus einer frommen Familie im Bergischen Land und arbeitet als Pressereferent bei der Bundesgeschäftsstelle des Arbeiter-Samariter-Bunds in Köln. Wie für ­viele schwule Männer seiner Generation bedeutet die Anonymität der Großstadt bei gleichzeitiger Anbindung an die sogenannte Subkultur wohl auch für ihn ein Stück Freiheit. Als er die Anzeige aufgibt, ist die erste Liberalisierung des Sexualstrafrechts schon fünfzehn Jahre alt, doch die gesellschaftliche Realität hinkt der Gesetzgebung hinterher. Als sich 1987 in einer Folge der Fernsehserie »Die Lindenstraße« zwei Männer küssen, verweigert der Bayerische Rundfunk die Wiederholung der Sendung. HIV-positive Menschen werden ausgegrenzt, die Politik spekuliert über die Möglichkeit, Aidskranke in Lagern zu internieren.

Aber 1985 ist auch das Jahr, in dem Bundespräsident Richard von Weizsäcker seine Rede »Zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft« hält. Zum ersten Mal ist im Bundestag auch die Rede von homosexuellen ­Opfern der Nazi-Diktatur. Rund vierzig Unionsabgeordnete bleiben der Gedenkveranstaltung aus Protest fern.

In Köln schlägt Jan Leidel, neuer Leiter des Gesundheitsamts, eine andere Richtung ein. 1986 stellt er Rainer Jarchow als bundesweit ersten Berater für Menschen mit HIV und AIDS ein, gefolgt von Michael Zgonjanin und Bernt Ide, die gemeinsam die sogenannte Kölner Linie entwickeln: statt auf Stigmatisierung und Ausgrenzung wie etwa in Bayern setzt man auf Kooperation mit der 1985 gegründeten Aidshilfe und den etablierten Strukturen schwulen Alltags wie etwa Kneipen, Saunen und Bars. Als Gerd Schreiber im Dezember 1984 seine Klein­anzeige in der Stadtrevue aufgibt, gibt es noch keinen ­Verein. Wohl aber eine Gruppe schwuler Männer, die den Ernst der Lage begreift.

»Aids war wie ein Sturm, der am Horizont steht«, erinnert sich Prosper Schücking, Gründungsmitglied der Kölner Aidshilfe. »Es fängt schon an, ein bisschen zu regnen, und ein Wind kommt auf, und man weiß, es wird ganz Schreckliches kommen, und man versucht sich irgendwie vorzubereiten.« In diesen Vorbereitungen stößt man auf Schreibers Kleinanzeige. »Einerseits hatten wir in Deutschland schon die politische Hetze gegen Schwule als Krankheitsträger«, so Schücking. »Aber wir kannten halt niemanden, der Aids hatte oder positiv war.«

Man nimmt Kontakt mit Gerd Schreiber auf, trifft sich im Schutz einer Privatwohnung an der Mittelstraße. Bereits in einem Protokoll vom 14. Dezember 1984 findet sich der Name Gerd Schreiber. Er ist Teil der Arbeitsgruppe, die das Thema Selbsthilfe voranbringen soll. Im Januar 1985 werden Aufgaben verteilt: Gerd Schreiber ist dafür zuständig, Kontakt zur Evangelischen Studentengemeinde aufzunehmen und Anzeigen in schwulen Magazinen wie Du & Ich, Don und Adonis zu schalten.

In jenen frühen ­Jahren der Krise gibt es kein Leben mit HIV, es gibt nur ­Sterben an Aids

In dieser frühen Phase bis April 1985 bleibt Schreiber der einzige HIV-Positive, allein mit den Beratern. Selbsthilfetreffen werden beworben, aber nur zögerlich in ­Anspruch genommen. Zu groß ist die Angst vor Stigmatisierung, zumal die Anzeichen der durch das Virus aus­gelösten Krankheiten oft deutlich sichtbar sind.

Die Mehrheitsgesellschaft reagiert weiterhin mit ­eisiger Kälte auf die Pandemie, die vor allem Männer trifft, die mit anderen Männern Sex haben. An allen Fronten verschärft das geringe Wissen die Angst. In diesem Klima gibt der 28-Jährige seine Anzeige auf. Gerd Schreiber zieht sich nicht, wie andere HIV-Positive, ins Private zurück. Stattdessen macht er einen Schritt nach vorne. Es gibt noch keine Strukturen, die ihn mit Beratung und Hilfestellung hätten auffangen können. Er ist allein und auf sich gestellt, und das will er ändern. Gerd Schreiber wird der erste HIV-Positive sein, mit dem die sich in Gründung befindliche Gruppe in Kontakt kommt, und er wird der erste sein, den der Verein bis zum Tod begleiten wird. 

»Er war ein schmaler und zarter Mann«, erinnert sich Prosper Schücking von der Aids-Hilfe. »Nicht jemand, der Selbstbewusstsein oder Stärke ausstrahlte, sondern eher eine entschlossene Verzweiflung.« Am 4. September 1985, weniger als ein Jahr nach seinem Inserat, stirbt Gerd Schreiber, vermutlich in der Uniklinik, an den Folgen von Aids. Nach seinem Tod schreibt eine Mitarbeiterin des ­Arbeiter-Samariter-Bunds im Auftrag von 48 Kolleginnen und Kollegen einen Brief an die Deutsche Aidshilfe Köln, wie der Verein sich damals noch nennt. »Wir haben im Kollegenkreis gesammelt, waren aber der Ansicht, daß wir keinen Kranz davon kaufen sollten«, heißt es in dem Schreiben, »sondern den gesammelten Betrag der Deutschen Aids-Hilfe zur Verfügung stellen sollten.« Im Brief befindet sich ein Scheck in Höhe von 305 D-Mark. Des Weiteren bittet die Verfasserin um die Zusendung von ­Infomaterial zu Aids. »Wir stellten nämlich allgemein fest, daß wir zwar die vielfältigen Informationen der ­Regenbogen-Presse kennen, aber im Grunde so gut wie nichts richtig wissen.«

Vierzig Jahre später ist Gerd Schreiber außerhalb ­eines engen Zirkels von Mitstreitern und Zeitzeugen so gut wie vollständig in Vergessenheit geraten. Nach ihm ist kein Platz benannt, es gibt keinen Gedenkstein und auch sonst keine Widmung, die an ihn und seinen Mut erinnert. Der Kampf gegen Aids aber hat sich verändert. Derzeit umfassen die Aufgaben der Aidshilfe Köln etwa Beratung, Testangebote für HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen, außerdem Prävention, Aufklärung in Schulen, betreutes Wohnen für Menschen mit HIV und Behinderung, spezielle Angebote für queere Geflüchtete oder Drogengebrauchende.

Geschäftsführer Oliver Schubert warnt vor Mittel­kürzungen durch die Stadt und das Land. »Die Aidshilfe ist in vielen Bereichen bereits unterfinanziert. Weitere ­Kürzungsszenarien stehen im Raum, sodass wir in Zukunft wahrscheinlich Angebote einschränken müssen. Das wird die adäquate Versorgung unmöglich machen«, so Schubert. »Vorurteile werden steigen und HIV-positive Menschen werden wieder mehr Diskriminierung erfahren.«

Das gilt nicht nur für Köln. Die USA haben unter ­Donald Trump bei globalen Hilfsprogrammen zur Bekämpfung von Aids und der allgemeinen Entwicklungshilfe erheblich gekürzt. Prognosen der Bundesregierung warnen vor bis zu 6,6 Mio. zusätzlichen HIV-Infektionen und 4,2 Mio. Todesfällen bis 2029, falls die Ausfälle nicht kompensiert werden. Bei der Aidshilfe Köln bekommt man erste Folgen bereits zu spüren. »Erst vor kurzem hat eine bei uns angebundene Frau einen minderjährigen, ihr nahestehenden Angehörigen aufgrund der ­Aussetzung des Familiennachzugs und dem Ausfall der HIV-Versorgung verloren«, berichtet Oliver Schubert. ­»Er verstarb an Aids. Solche Fälle werden sich häufen.« 

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