Pionierin mit Boxhandschuhen

Christina Kubisch hat Performance- und Videokunstgeschichte mitgeschrieben. Für das Feld der Klangkunst und der Soundinstallation hat sie Pionierinnenarbeit geleistet. Eine Schau im Ludwig Forum Aachen ordnet ihre künstlerische Karriere ein

Allen Zumutungen und Unzuverlässigkeiten der Deutschen Bahn zum Trotz stand Aachen in den letzten Jahren hoch im Kurs bei den Kunstinteressierten aus dem Umland, Düsseldorf und Köln. Seit 2021 lieferte die jüngst nach Hannover gewechselte Direktorin des Ludwig Forum Eva Birkenstock schlagende Argumente und gute Gründe für einen Ausflug in die Kaiserstadt: Belkis Ayón, Katalin Ladik, Rune Mields, Amy Sillman — Birkenstock und ihr Team boten spektakulär Raum für Künstlerinnen, die von der hiesigen Kunstwelt sträflich übersehen oder vergessen worden waren, denen nicht die Aufmerksamkeit zuteil wurde, die ihnen zustand.

Diese Art der Um- und Neu­bewertung bedeutender Oeuvre wurde Aushängeschild des Museums im Aachener Nordviertel. Die Ausstellungen drehten sich stets um die biografischen Eigenheiten des weiblichen Kunstschaffens, vor allem an seinen progressiven Rändern, und führten vor Auge, wie das Geschlecht und auch die Auseinandersetzung mit diesem das Werk, sogleich auch die Rezeption prägten. Diese »Rezeption« reichte vom Berufsverbot in Jugoslawien für die dissidente Katalin Ladik bis zur Abwertung der Werke als »Frauenkunst«.

Diese Geringschätzung wurde in den 1970er Jahren auch Christina Kubisch entgegengebracht, die aktuell im Forum zu sehen und zu hören ist. Freilich, nicht alle Kritiker*innen waren so ignorant, viele zeigten sich begeistert vom frischen Wind für den die 1948 in Bremen geborene Kubisch stand. Doch die Holzköpfe, die oftmals am lautesten blöken, die hatten sie und weitere progressive Zeitgenoss*innen auf dem Kieker. Dabei stieß beson­ders auf, dass Kubischs Praxis grundlegend und von Beginn an genre- und gattungsübergreifend angelegt war. Damit folgte sie dem Rat ihres Mentors, dem Informel-Maler und Professor an der Akademie in Stuttgart K.R.H. Sonderborg: »Mach dein eigenes Ding!«

Das war Ende der 1960er Jahre. Sie brach die Zelte ab und zog nach Hamburg, um Musik zu studieren. In den Folgejahren verschlägt es sie nach Graz, neben dem Studium der Komposition, Flöte und Piano, machte sie einen Abstecher in den Hochschul-Jazz. 1972 siedelte sie nach Zürich über, wo sie parallel am Konservatorium und an der Kunstschule studierte. Zwischendrin spielte sie nicht nur mit Udo Lindenberg in einer Band, sondern orientierte sich an den revolutionären Lehren John Cages und weiterer Zeitgenoss*innen, für die Musik und Kunst in eins fielen, und entwickelte Interesse an dem rasanten Fortschritt in der Recordingtechnik. Dieses Zusammenfallen von neuer synthetischer Geräuschwelten und Recordingtechnik, die Möglichkeit, voraufgenommene Sounds und Klänge (Field Recordings, Sampling etc.) in das eigene Werk einzubinden, wurde zum Urknallmoment der Musikwelt.

Kubisch mittenmang: 1974 entsteht die komplexe Minimal Music-Komposition »Identikit«, die fünf Pianisten an ein Klavier setzt und ihnen über Kopfhörer voraufgenommene Spielanweisungen liefert. 1975 folgten die »Emergency Solos«, die Kubisch diesmal selbst als Performerin in den Mittelpunkt des Geschehens bringt. Die versierte Flötistin spielt mehrere Stücke auf ihrem Instrument mit Fingerhüten, Boxhandschuhen oder in Stoff eingewickelt. Die Grenzen zwischen noch sehr junger Performancekunst, Komposition und Happening nivellierte sie. Nur ein Grund, warum die Kuratorin der Schau »The Emergence of Sound«, Miriam Schmidt, dieses Werk und seine Dokumentation zentral in den ersten großen Raum stellt.

Kubisch nimmt für die installative Kunst und die Sound­installation eine ­absolute Pionier­innenrolle ein

Der andere Grund: Die Dokumentation befindet sich im Bestand des Museums, das auf der Sammlung des Ehepaars Ludwig und ihrer in Aachen angesiedelten »Neue Galerie« — heute das Ludwig Forum — beruht. »Es verwundert nicht, dass Kubisch in den 70er Jahren im Kontext der ›Frauenkunst‹ wahrgenommen wird«, schreibt Bernd Schulz 1996 im Katalog »Zwischenräume«. Er resümiert: »Es saßen doch gerade die Künstlerinnen der großen Emanzipationsbewegung innerhalb der Künste zwischen den Stühlen. Zum einen mussten sie sich als Teil der Avantgardebewegung als Minderheit gerade auch innerhalb dieser ›Szene‹ durchsetzen, zugleich mussten sie aber auch ­darauf achten, nicht in eine Schub­lade gesteckt zu werden, die das neue diskriminierende Etikett ›weibliche Ästhetik‹ trägt.«

Für Kubisch Zeitgenossinnen wie Marina Abramović und Ulrike Rosenbach, mit denen sie 1975 gemeinsam zum Salzburger Festival »Frauen — Kunst — Neue Tendenzen« eingeladen wurde, war die Antwort auf dieses Dilemma eine oftmals ironische, andermal gewaltvolle Auseinandersetzung mit sich und dem eigenen Körper. Kubisch betont heute wie damals die Unterschiedlichkeit zwischen den Ansätzen: »Für viele Performancekünstlerinnen, nicht nur für die beiden, war der eigene Körper, diese gesamte Körperlichkeit, zentral und Verhandlungsfläche«, sagt sie im Gespräch. Sie habe das schon früh anders empfunden. Die exponierte Stellung habe ihr widerstrebt. Auf Nachfrage bestätigt sie, dass sie da eher wie eine Komponistin denke, die in der Regel ihr Werk durch andere aufführen lässt. Das Publikum sollte lieber »aktiv bei der Aufführung beteiligt sein und diese individuell immer in neuen Variationen erfahren können«.

Sie selbst erweitert ihre Formen­sprache um das Medium ­Video, insbesondere durch ihre Zusammenarbeit mit dem Videokünstler Fabrizio Plessi, mit dem sie einige Zeit privat und professionell ein Tandem gebildet hat, woraufhin sie nach Mailand übersiedelte und dort elektronische Musik und Komposition studierte. Schnell wird in Aachen, besonders über historische Zeugnisse wie Ephemera vermittelt, klar, dass es einen unbändi­gen Drang gab, die faszinierenden Welten der Physik und der Technik zu verstehen und sich diese anzueignen. Wissen, dass ihr ab den frü­hen 1980er Jahren den Zugang zur (Klang-)Installation ermöglicht.

Während Kubisch zwar Video- und Performancekunstgeschichte mitgeschrieben hat, nimmt sie für installative Kunst im Allgemeinen und für die Soundinstallation im Speziellen eine absolute Pionierinnenrolle ein. Über die nächsten zwei Jahrzehnte prägt sie dieses neue künstlerische Feld, entwickelt eine eigene Grammatik, die in-situ-Installation, Technik und vorgefundene Natur, etwa in Höhlen, aber auch in verlassenen Gefängnissen, zusammenbringt. Viele davon ephemer und vergänglich, zeit- und ortsgebunden entwickelt. »The Emergence of Sound« schließt mit zwei aktuelleren Arbeiten, die eine erstreckt sich über zwei Räume, die andere begrüßt uns bereits in der großen zentralen Halle des Museums, welches mit dieser Aus­stellung zumindest andeutet, das es auch in den kommenden Jahren und unter der neuen Direktorin Rebekka Seubert mit solchen Wiederentdeckungs-Schauen plant.

»The Emergence of Sound«, Ludwig Forum Aachen, Jülicher Str. 97–109, bis 20.9., Di–Mi 13–17 Uhr, Do 10–20 Uhr, Fr–So 10–17 Uhr

Mach mit: Gemeinsam sichern wir unabhängigen Journalismus für Köln!
→ Ja, ich abonniere die Stadtrevue!
→ Ja, ich erwerbe einen Anteil der Stadtrevue-Genossenschaft!


Tagnacht – Kölns Gastro-Guide. Essen, Trinken, Ausgehen in Köln: alle Küchen, alle Veedel! Hol dir ein Abo und erhalte als Prämie die tagnacht 2025/26 gratis dazu. 

Stadtrevue abonnieren →

Alle Prämien ansehen →

Unsere Magazine

tagnacht – Kölns Gastro-Guide: Essen, Trinken, Ein­kaufen, alle Küchen, alle Veedel, die besten Adressen der Stadt. 
ansehen / bestellen →


Raum 5 – Der Design Guide für Köln/Bonn: Neues und Schönes, Porträts und Tipps sowie 300 Design-Adressen. 
ansehen / bestellen →


alma — Das Kölnmagazin für Studis: Alles, was wichtig ist für den Durch­blick an der Uni und das Leben in der Stadt.
ansehen / bestellen →


kurzundklein – Ein ganzes Jahr Köln mit Kindern: Akti­vi­täten und Aus­flüge, Familien­politik, Stadt­leben, Adressen. 
ansehen / bestellen →


weiter! — Aus- und Weiter­bil­dung in Köln und der Region: Der Pocket-Guide mit rund 200 Adressen und vielen nütz­lichen Infos.
ansehen / bestellen →