Post-Punk-Styler in der Jägerhütte

Die Kölner Band Grenzkontrolle verleiht der Neo-NDW eine ganz neue Ästhetik

Manchmal ist bereits der erste Schuss ein Treffer: Als Grenzkon­trolle vor gut einem Jahr — nur weni­ge Monate nach ihrer Gründung — das Video zu ihrer ersten Single »Revolution« auf TikTok hochgeladen hatten, entfachte sofort ein kleiner Hype. »Das Handy brummte nonstop«, erinnert sich Sänger Don L. Gaspár Ali, »es war schon eine Riesenüberraschung, dass das so Anklang findet. Andererseits wunderten wir uns auch nicht wirk­lich, da unsere Themen jeden einzelnen Menschen be­treffen«. »Revolution« ist ein Post-Punk-­Song in Reinkultur: Die Lo-fi-­Gitar­re schrubbt zwei Akkorde im Achteltakt, Bass und Schlagzeug folgen stumpf hinterher. Ein Soundfunda­ment, das direkt an den NDW-Klassiker »Eisbär« von Grauzone erinnert. Bloß, dass sich Don nicht in Eskapismus übt, sondern uns die Weltlage entgegenbellt: »Die Ampel ist aus und im Nahen Osten tobt die Revolution … du wählst Hellblau, die Faschos applaudieren, auf den Hass kann ich nur mit Hass reagieren …« Bääm, das sitzt! 

Der Sound ist das eine, der Look das andere. Hier brechen Grenzkontrolle mit der Erwartungshaltung. Würde diese Musik von vier kartoffeldeutschen Typen in Jeans und Hoody gespielt, wäre der Impact nicht halb so groß. Grenzkontrolle hingegen sind echte Styler und wirken eher wie eine Hipster-Funkband aus New York als wie eine Neo-NDW-Band aus Köln. Verdammt, sehen die gut aus! Beim Interview im Café Central, bei dem auch Gitarrist Kodia Funk und Schlagzeugerin Roza Rot anwesend sind (Bassist Schuttland bleibt im Hintergrund), meint man, den FinalistInnen von Heidi Klums Germany’s Next Topmodel gegenüber zu sitzen. Hinzu kommt der Dresscode der Band: Schwarze ­Designer-Anzüge mit Vintage-Krawatten, schicke Haute-Couture-Mäntel, im Kontrast dazu rot gefärbte Mohawk-Frisuren oder Ban­danas. »Wir merken schon, dass die Leute uns prozessieren müssen«, bestätigt Don. »Das, was sie sehen und das, was sie hören, ist in den ersten Minuten oftmals nicht zusammen zu kriegen. Uns ist bewusst, dass wir alle Stereotypen sprengen. Aber das zeigt auch, dass da wieder Raum ist für mehr.«

Nach dem Überraschungserfolg mit der ersten Single musste es schnell gehen: Einerseits feilten sie an der Musik, veröffentlichten weitere Singles, andererseits ging es ihnen darum, Strukturen zu schaffen. Eine gute Bookingagentur, die die Band direkt auf Tour quer durch die Republik schickte, wurde schnell gefunden, und es wurde ein eigenes Label gegründet, »damit wir verstehen, wie die Dinge laufen, um nicht nur dabei zu sein und andere Leute entscheiden zu lassen, auch weil wir wissen, wie absurd das Ganze ist und wie schnell das vorbei sein kann«, so Don.  Roza rekapituliert: »Wir haben die Band gegründet und standen dann ein halbes Jahr später schon auf der Bühne, als man davon eigentlich nur hätte träumen können. Das war anfangs schon sehr unprofessionell, denn wir mussten erstmal in diese Rolle reinwachsen. Was andere Bands in zehn Jahren an Wissen aufbauen können, mussten wir in sehr kurzer Zeit lernen.«

Dass Style, Optik und Performance bei Grenzkontrolle wichtig sind, ist schnell zu spüren. Allerdings handelt es sich dabei nicht um von außen aufgestülpte Marketingtools, sondern um Aspekte, die die einzelnen Mitglieder ohnehin verkörpern. Gitarrist Kodia arbeitet auch als professioneller Tänzer und Performer, Sänger Don war bereits als Stylist für Awardshows und Musikvideos tätig. Wohl auch ein Grund, weshalb sich Grenz­kon­trol­le bei ihren Music-Clips nicht lumpen lassen. Während andere zeitgenössische Acts auf die Macht von Spotify-Playlisten und schnell gebastelten Social-Media-Reels vertrauen, sind die Videos von Grenzkontrolle kleine Kunstwerke, so wie der aktuelle Clip zu »Tür«, in dem die Band ihre interkulturelle Appearance mit einer ultradeutschen Trachten- und Jägerhüttenästhetik clashen lässt.

»Es ist immer die Frage, wo man hinwill. Was ist der eigene Anspruch. Wir machen diesen ganzen Aufwand, der länger dauert, nicht immer lukrativ ist, aber dafür merken wir, was es für einen Effekt hat«, bemerkt Don. Und Roza findet: »Allein der Kunst ­wegen zahlt es sich schon aus.«

»Tür« ist Teil einer jüngst veröffentlichten 3-Track-EP, die Grenz­kontrolle gemeinsam mit der Produzenten-Koryphäe Moses Schnei­der (Tocotronic, Beatstakes) und dem Kölner Studio-Shootingstar Luis Müller-Wallraf aufgenommen haben. Hier ist eine deutliche musikalische Weiterentwicklung zu spüren: Die Grooves sind weniger statisch, die Gitarre klingt regelrecht funky, die gesamte Produk­tion zwar immer noch minimalistisch, aber deutlich slicker. 

Uns ist bewusst, dass wir alle Stereotypen sprengen. Aber das zeigt auch, dass da wieder Raum ist für mehr
Don L. Gaspár Ali

»Es ist immer eine Bereicherung, wenn man mit Menschen arbeitet, die Erfahrung mitbringen«, bekräftigt Kodia. »Ich spiel jetzt seit fünf Jahren Gitarre, habe erst in der Corona-Zeit aus Langeweile damit begonnen, und habe nun gewisse Techniken gelernt, was ich alles mit meiner Gitarre machen kann.« Auch Roza kann das bestätigen: »Wir wollten neue Schubladen aufmachen, neue Styles. Als die ersten Songs produziert worden sind, hatten wir gerade mal ein paar Wochen zusammengearbeitet, nach einem Jahr können wir sagen, dass wir als Band gut zusammengeschweißt sind.«

»Schwerer Druck auf meiner Brust, wohin mit meinem Frust, auf das Leben hab ich manchmal keine Lust«, sprechsingt Don in Falco-hafter Manier im EP-Opener »Neumarkt«. »Es ist schwierig, das auszusprechen, weil man direkt denkt, da will jemand sich was antun, aber es ist ein normales Gefühl, das jeder von uns kennt«, ist der Sänger sich sicher. Ohnehin geht es ihm lyrisch um mehr, als einfach nur die eigene Wut rauszulassen: »Das mit  der Wut hab ich eigentlich hinter mir. Das kostet ja auch sehr viel Energie. Ich habe meine Höllen durchlebt und es geht nun primär darum, zu erfassen, welche Facetten eine bestimmte Erfahrung haben kann. Das find ich nur heraus, wenn ich mein Umfeld beobachte, und merke, da ist ein bestimmtes Gefühl, da lohnt es sich, weiter reinzugehen. Man muss schon eine gewisse Gleichgültigkeit haben, um so einen Text schreiben zu können.«

Grenzkontrolle legen Wert darauf, eine Kölner Band zu sein und trotz weltläufigerer Ambitionen vor allem ihre Heimatstadt so richtig zu erreichen: »Alles, was wir machen, machen wir in Kölscher Manier«, sagt Don und liefert die Erklärung gleich mit: »Dass wir bei aller Skurri­lität, den Spaß am Leben nicht verlieren, das ist das, was Köln schon immer draufhatte: Wir werden immer einen Weg finden zu feiern.« Roza greift für das Schlusswort sogar noch ein bisschen tiefer in die Gefühlskiste: »Wie Köln sich nach den Trümmern des 2. Weltkriegs aufgebaut hat, das war so ein Miteinander, schon immer.«

Aktuelle Veröffentlichung: »Piraten« (Bodenlos Records / Universal)
Nächstes Konzert in Köln: Sa 10.10., Gebäude 9

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