Bewegte Jahre liegen hinter dem Theater der Keller. Der Anfang dieser aufreibende Zeit lässt sich vielleicht bereits auf das Jahr 2019 datieren, als die traditionsreiche Bühne ihr Zuhause in der Südstadt verlor. Jahrzehntelang hatte das Ensemble in einer alten Villa an der Kleingedankstraße am Rande des Volksgartens gespielt, einst eine Entbindungsklinik, ein Ort mit knarzenden Böden und Geschichten in den Wänden. Dann kam die Kündigung. Theater und Schauspielschule zogen gemeinsam in die Werkshalle der TanzFaktur in Deutz. Eine Übergangslösung, improvisiert, behelfsmäßig, aber mit dem festen Willen, weiterzumachen.
Doch die Unruhe hielt an. 2021 erschütterte der sogenannte Wackerhagen-Skandal die Institution. Der damalige Vorsitzende des Trägervereins, Ulrich Wackerhagen, hatte Spendengelder in Höhe von 135.000 Euro für private Zwecke entfremdet — ein tiefer Einschnitt für ein Haus, das mit knappen Mitteln Kunst produziert. Das Amtsgericht Köln verurteilte Wackerhagen zu neun Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung. Kurz darauf folgte die nächste Zäsur: die fristlose Kündigung des langjährigen Leiters Heinz Simon Keller. Offiziell war von wirtschaftlichen Gründen die Rede, in einer Pressemitteilung hieß es vage, es habe Verstöße gegen die Compliance-Regeln gegeben. Über die genauen Umstände schwieg man. Ein neues Team, bestehend aus der Dramaturgin Ulrike Janssen, dem Leiter der Schauspielschule Michael Meichßner und der Betriebsleiterin Anja Getz, übernahm die Führung. Als Interims-Leitung will das Trio das Theater seitdem wieder in ruhigere Fahrwasser führen.
Und jetzt, mehr als 70 Jahre nach seiner Gründung, also der Umzug des ältesten Privattheaters Kölns in eine neue Spielstätte: in die ehemalige Klosterkirche Heilig Kreuz an der Lindenstraße 45. Hier, mitten in der Stadt, wo einst Gebete gesprochen wurden, soll künftig gespielt, geprobt und erzählt werden. Die Dominikanerprovinz des Heiligen Albert in Deutschland und Österreich und der Theaterverein unterzeichneten einen Erbpachtvertrag über 60 Jahre, mit der Option auf zwei Verlängerungen um jeweils zehn Jahre. »Tradition bedeutet für uns, weiterzugeben, was trägt, und loszulassen, was seine Zeit hatte«, sagte Pater Gottfried Michelbrand, Prior des Konvents Heilig Kreuz, bei der Vorstellung des Projekts. »Kunst und Glaube haben mehr gemeinsam, als man denkt. Beides sucht den Menschen, will berühren und inspirieren.«
Mehr als ein Jahr lang hatten die Dominikaner und der Verein an diesem Vorhaben gearbeitet. Wenn alles nach Plan läuft, soll die ehemalige Kirche zur Spielzeit 2027/2028 als neuer Spielort des Theaters der Keller eröffnet werden. Bis dahin muss jedoch noch umgebaut werden: Entstehen soll eine neue Hauptbühne mit 199 Plätzen, eine Laborbühne für etwa 100 Zuschauer:innen und dazu zwei Probebühnen. Rund 1,5 Mio. Euro kalkuliert der Verein für diesen Umbau. Beauftragt wurde damit das Architekt:innen-Duo Barbara und Walter Thiess. Zudem soll ein ehrenamtlicher Bauausschuss die Bauarbeiten begleiten. Wie das finanziert wird? Auf der Pressekonferenz sprach man von Fördermitteln, die bereits von Stadt, Land, dem Landschaftsverband Rheinland (LVR) und mehreren Stiftungen zugesagt wurden. Auch erste private Förderzusagen lägen vor.
Eines steht aber jetzt schon für die Leitung des Theaters der Keller fest: Unter sich bleiben möchte man hier nicht. Die neue, sakrale Spielstätte soll weit mehr sein als eine Heimat für das hauseigene Ensemble. »Wir wollen hier Akteure der freien Szene aktiv einbinden«, sagte der Vereinsvorsitzender und CDU-Ratspolitiker Ralph Elster bei der Pressekonferenz. Gerade in Zeiten knapper öffentlicher Budgets und wirtschaftlicher Unsicherheit wolle man einen Ort in der Stadt schaffen, an dem Kräfte gebündelt und Kooperationen ermöglicht werden. Die Off-Theater-Szene Kölns, die derzeit mehr denn je mit Fördermittelkürzungen und fehlenden Spielorten zu kämpfen hat, dürfte diese neue Perspektive guttun.
Kunst und Glaube haben mehr gemeinsam, als man denkt. Beides sucht den Menschen, will berühren und inspirierenPater Gottfried Michelbrand
Und so reiht sich die Neueröffnung nach vielen Rückschlägen ein in die Geschichte des Theaters der Keller, eine, die seit jeher von Beharrlichkeit geprägt ist. 1955 wurde das Theater von dem Schauspieler:innen-Paar Marianne Jentgens und Heinz Opfinger gegründet. In einem ehemaligen Luftschutzbunker in Lindenthal eröffnete man damals mit einer Inszenierung von Jean-Paul Sartres »Geschlossene Gesellschaft«. Die private, mittlerweile renommierte Schauspielschule betrieb das Theater damals schon als eigene Ausbildungsstätte, bekannte Namen wie Heiner Lauterbach, Till Schweiger und Annette Frier stehen auf der Liste der ehemaligen Schüler:innen.
Und wie steht es um die Geschichte der ehemaligen Klosterkirche? Auch sie hat einiges zu erzählen. Denn bereits 1221 kamen die Dominikaner nach Köln und gründeten im Kloster Heilig Kreuz 1248 das »Studium Generale«, eine der ältesten Universitäten nördlich der Alpen. Zu den Lehrenden gehörten Albertus Magnus und Thomas von Aquin. Nach der Auflösung des Klosters während der französischen Besatzung kehrte der Orden 1898 zurück und errichtete an der Lindenstraße eine neogotische Kirche, die 1904 vollendet wurde. Der Bau wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, 1952 wieder eingeweiht und diente den Dominikanern fast sieben Jahrzehnte als geistliches Zentrum. Erst 2021 verließ die Gemeinschaft den Ort — aus baulichen Gründen, aber auch, weil sich ihre Aufgaben verlagert hatten.
Hier also, wo früher Weihrauch in den Raum stieg, wird künftig Licht aus den Scheinwerfern fallen: Bei der Pressekonferenz sprach man beinahe pathetisch von der spirituellen Dimension der Kunst. »Theater und Kirche teilen den Wunsch, den Menschen zu erreichen«, sagte Pater Gottfried Michelbrand. »Sie sprechen beide von dem, was größer ist als wir.« Nüchterner betrachtet ist die neue Klosterkirche für das Theater der Keller vor allem eines: eine feste Adresse, ein beständiger Ort nach Jahren des Provisoriums. In der Heilig-Kreuz-Kirche wird nicht mehr gebetet, aber gelauscht, gestaunt, gelacht, geweint. Ein Ort, an dem Raum für Kunst, Gemeinschaft und Erneuerung geschaffen werden kann.






