Queere Zukunft braucht Erinnerung

Wie stehen die Chancen für ein queeres Museum in Köln?

Die politischen Forderungen des Cologne Pride sind in der Regel in die Zukunft gedacht — der Kampf um gleiche Rechte wird in Köln seit 1991 mit dem Blick nach vorne geführt. In der Zukunft sollen sich die Dinge ändern. Aber was ist mit der Vergangenheit von Lesben, Schwulen, Trans*, Bi-, Inter- und Asexuellen?

Zeigen nicht gerade die Verschiebungen in der Erinnerungskultur, welch große Rolle die Geschichte bei der Vorstellung von Zukunft spielt? In den USA lassen sich schon länger konkrete Bemühungen beobachten, nicht-heterosexuelle Präsenz auszulöschen — etwa in der Umbenennung des nach dem schwulen Bürgerrechtler benannten Flottentankers USNS Harvey Milk oder der Entfernung des Begriffs »transgender« von der Website des New -Yorker Stonewall National Monuments. Derartige simple Maß-nahmen könnten auch hierzulande zur Blaupause für mögliche rechtsradikale Mehrheiten werden.

Die Dokumentation der Geschichte queerer Menschen ist dabei fast immer eine Aufgabe ihrer selbst. Oft gibt es nur geringe finanzielle oder strukturelle Unterstützung und kaum Bewusstsein, dass die Mainstream-Gesellschaft auch aus den Erfahrungen von Minderheiten lernen kann.

»Das CSG bewahrt das Erbe der schwulen Community in ihrer ganzen Vielfalt und gibt damit Wissen an folgende Generationen weiter«, heißt es in der Selbstbeschreibung des 1984 in Köln gegründeten -Centrum Schwule Geschichte. Die Sammlung umfasst Flugblätter, Broschüren und Plakate, aber auch Zeitzeugeninterviews sowie Bild-, Film- und Tondokumente. Viele Bestände sind aufgrund knapper Mittel noch nicht erschlossen.

Wir müssen unsere Geschichte sexy machen, indem wir sie in die Mitte der Gesellschaft bringen
Jonathan Briefs, Centrum Schwule Geschichte

Der seit Oktober 2025 amtierende Vorstand will mehr Aufmerksamkeit für die Sammlung schaffen. »Wir müssen unsere Geschichte sexy machen, indem wir sie in die Mitte der Gesellschaft bringen«, sagt der Vorsitzende Jonathan Briefs. »Indem wir uns einmischen, Haltung zeigen und Perspektiven eröffnen.«

Zu den ersten Aktionen gehörte die Einladung von fünf Museen und Archiven aus ganz Europa. Am 24. Juni kamen im Rahmen des Cologne Pride Vertreter:innen aus Amsterdam, Wien, Turin, Warschau und Fengersfors in Schweden nach Köln. In Italien sei erst in den letzten Jahren ein Bewusstsein dafür entstanden, dass es wichtig ist, die kollektive Geschichte von nicht-heterosexuellen Menschen zu bewahren, sagt Gigi Malaroda von der Initiative Maurice aus Turin. »Unser Archiv ist eines der wichtigsten für die Geschichte von LGBTQ+ im Land. Aber es gibt keine starke Tradition. Deshalb haben wir Interesse an Vernetzung und Zusammenarbeit.« Der Austausch soll 2027 im Rahmen des in Turin stattfindenden Europride fortgesetzt werden. Aus Amsterdam berichtet das IHLIA von der Ausstellung »Buiten Beeld«, in der Objekte aus fünf niederländischen Museen und Archiven zusammengeführt werden: ein Beispiel, wie Geschichte auch ohne eigenes Haus sichtbar gemacht werden kann.

Dass ein Museum auch klein sein kann, beweist das Homografiska Museet aus dem schwedischen Fengersfors. Eine winzige Holzbaracke, kaum so groß wie ein Überseecontainer, zeigt zwischen Mai und September eine jährlich wechselnde Ausstellung. Direktor:in und Künstler:in Funny Livdotter unterstützt queere Kunstschaffende durch den jährlichen Ankauf von fünf Arbeiten, die weniger historisch als utopisch argumentieren.

Auch in Köln wird immer wieder über ein mögliches queeres Museum diskutiert. »Wir werden die Darstellung von queerem Leben in den städtischen Museen und Archiven stärken und die Perspektive eines queeren Museums wohlwollend prüfen«, hieß es im Programm der Grünen zur Kommunalwahl 2025. Angesichts der Haushaltslage und des Zustands der vorhandenen Museen ist ein solches Haus in absehbarer Zukunft allerdings illusorisch.

In Zeiten knapper Kassen und zunehmender Feindlichkeit gegenüber LGBTIQA+ ist eine Verankerung queerer Geschichte in bereits bestehenden Institutionen und Narrativen vermutlich die bessere Alternative. Dabei sollte das Engagement nicht an den Stadt- oder Staatsgrenzen enden, denn die europäische Rechte ist längst gut vernetzt.

Transparenzhinweis: Johannes J. Arens ist ehrenamtliches Mitglied des Beirats des Centrum Schwule Geschichte und moderierte die Veranstaltung »Queere Zukunft braucht Erinnerung« am 24.6.2026 im Rahmen des Cologne Pride

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