Gibt es eigentlich die Bildungsreise noch? In Thomas Empls Novelle »Pariah Dogs« schon. Aber die Bildungsreise seiner nach ihm modellierten Hauptfigur wird nicht von den Eltern, sondern vom Goethe-Institut gesponsert: ein Workshop für internationale Autor:innen im südindischen Bangaluru. »Keiner war je berühmt, sonst wäre er woanders«, schreibt er über seine Mitreisenden, die »Pariah Dogs«: »Und keiner hat Eltern, die dieses Leben verstehen.«
Aber untereinander verstehen sich die Pariah Dogs gut. Sie gehen in Bars, tanzen und trinken. Sie sprechen über Texte: Armando aus Mosambik erzählt, dass dort Lyrik und Kurzgeschichten wichtiger als Romane sind, weil das Leben nicht genug Zeit für sie lässt. Und sie sprechen über Politik: den Rechtsruck in Deutschland, die kommunistische Partei Sri Lankas, die Opposition in Mosambik. »Deshalb schreiben wir Gedichte über Politik, sagte Armando. Politiker verstehen Gedichte nicht.«
Empl beschreibt dies in seinem typischen Flow aus aufblitzenden Sinneseindrücken und prägnant ausgeschmückten Details. Und schreibt so auch auf, wie er sich selbst durch diese Reise verändert. Anders als daheim in Köln spürt er »kein Ja aber in mir«.
Im Mai stellt Thomas Empl »Pariah Dogs« gemeinsam mit einer anderen Kölner Autorin in der »Lokalrunde« im Literaturhaus vor. Auch in Lisa Roys zweitem Roman »Alles ist Gold« reist die Hauptfigur in ein anderes Land. Aber Janas Reise nach Italien ist nicht einem Bildungsdrang geschuldet. Sie läuft davon: vor einem öden Job nach einer gescheiterten Promotion, vor den Nachwirkungen einer beendeten Paarbeziehung und vor den Folgen eines One-Night-Stands mit ihrem Oberstufen-Crush. Sie ist schwanger.
Mit dem Auto ihres schwulen Bruders, übrigens ein glücklicher Vater, macht sie sich auf den Weg über den Brenner. Im Gepäck ist ihre Mitreisende Miral, die sie in einem Café aufgegabelt hat. Miral konfrontiert Jana mit ihren verpassten Lebenschancen, kontert ihr Selbstmitleid und lange bleibt unklar, ob sie nicht nur ein Produkt ihrer Fantasie ist. Lisa Roy erzählt davon in einem Ton zwischen Empathie und Lakonie, der immer dann Komik beweist, wenn Janas Gedanken um die Männer in ihrem Leben kreisen.
Thomas Empl: »Pariah Dogs«, Parasitenpresse, 110 Seiten, 14 Euro
Lisa Roy: »Alles ist Gold«, Rowohlt, 272 Seiten, 24 Euro
Do 21.5., Literaturhaus, 19 Uhr






