Resurrection

Der Chinese Bi Gan bringt das Kino an die Grenzen seiner Möglichkeiten

Nicht weniger als die Geschichte des Kinos selbst scheint der chinesische Regisseur Bi Gan in »Resurrection« erzählen zu wollen, einem zweieinhalb Stunden langen, überbordenden Film, der sich konventionellen Kriterien entzieht. Einen losen erzählerischen Überbau gibt es, der die Episoden zusammenhält: In der Zukunft hat die Menschheit das Problem der Sterblichkeit gelöst, indem sie aufgehört hat zu träumen. Einige wenige Menschen jedoch widersetzen sich, verlieren sich lieber in fantastischen Traumwelten und verzichten dafür auf ewiges Leben. »Fantasmer« heißen diese Menschen, die dadurch, dass sie Traum und Wirklichkeit erleben, jedoch den Fluss der Zeit durcheinanderbringen und deswegen eine Gefahr für die Ordnung darstellen.
 

Im fast quadratischen Stummfilmformat beginnt »Resurrection«. Ein Fantasmer, der mit seiner Glatze und seinem Buckel an den Glöckner von Notre Dame erinnert, aber auch an Nosferatu oder an den Schlafwanderer aus »Das Cabinet des Dr. Caligari«, streift durch Kulissen, die auch aus einem expressionistischen deutschen Film der 1920er Jahre stammen könnten. Die frühen Kurzfilme der Brüder Lumière werden zitiert, quer durch die Filmgeschichte geht es fortan, aber auch durch die chinesische Geschichte. Manche Episoden erinnern an Kriegsfilme oder Melodramen, Sequenzen scheinen während des Zweiten Weltkrieges zu spielen, andere während der Kulturrevolution. Am Ende steht der Silvesterabend 1999, als manche das Ende der Welt befürchteten und China nach Jahren des Booms am Beginn des neuen Jahrhunderts bereit war, eine Führungsrolle in der Welt zu übernehmen.
 

Mit unbändiger Lust am Experiment bringt Bi Gan das Kino an die Grenzen seiner Möglichkeiten, frei assoziierend, oft verwirrend, manchmal rätselhaft, immer faszinierend. Eine 35 Minuten lange Plansequenz zählt zum eindrucksvollsten, das es seit Jahren im Kino zu sehen gegeben hat: eine schier endlose Kamerafahrt durch verwinkelte Gassen, in der in einem Moment ein Film im Film in Zeitraffer läuft, während andere Teile des Bildes in normaler Geschwindigkeit ablaufen, Bildformate gewechselt werden und am Ende die Sonne aufgeht.
 

Leicht macht es Bi Gan sich und uns nicht, zeigt aber auf überwältigende Weise, was Kino jenseits der Konventionen sein kann.

(Kuang ye shi dai) CHN 2025, R: Bi Gan, D: Jackson Yee, Shu Qi, Mark Chao, 155 Min. Start: 25.6.
 

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