Runter vom Radweg

Die Kölner Polizei setzt im Frühjahr wieder verstärkt auf Fahrradkontrollen. Verkehrsverbände sehen das kritisch

 

»Wieder mal Rudolfplatz/Aachener Straße«, »Seit 10 Uhr auf der Venloer, vorm Backwerk« oder »Jetzt Ecke Bachemer Str./Weyertal«: In den vergangenen Wochen war viel los in der Facebook-Gruppe »Fahrradkontrolle Köln«. Ein Nebeneffekt des milden Winters, erklärt Helmut Simon, Leiter der Verkehrsdirektion der Kölner Polizei. »Bei schlechtem Wetter werden eher Autos kontrolliert, bei schönem Wetter machen wir mehr Fahrradkontrollen.«

 

Mehr als 31.000 dokumentierte Ordnungsverstöße wurden im Jahr 2013 von Radfahrern in Köln begangen, die meisten davon in den fahrradreichen Stadtteilen Ehrenfeld, Lindenthal, Sülz, Südstadt, Neustadt-Nord und Mülheim. »Unser Ziel ist es, Menschen zu retten und vor körperlichen Schäden zu bewahren«, erklärt Simon. Im vergangenen Jahr gab es sieben tödlich verunglückte Radfahrer in Köln, hinzu kommen 1338 Verletzte. »Wir müssen die schwachen Verkehrsteilnehmer schützen«, so Simon. 

 

Marco Laufenberg  hält Simons Aussagen für zynisch. »Es wird doch kaum an Orten kontrolliert, wo es tatsächliche Gefahrensituationen gibt, sondern vor allem dort, wo man möglichst viele Radfahrer abgreifen kann.« Der 43-Jährige betreibt das Blog Radfahren in Köln, in dem er die Situation für Radfahrer kritisch kommentiert. »Die meisten Kontrollen sind schlicht sinnlos und haben keinerlei Erziehungseffekt«, befindet Laufenberg. Auch Joachim Schalke, erster Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Köln, pflichtet ihm in Teilen bei. »Die Polizei soll kontrollieren, aber an den richtigen Stellen, vor allem im Bereich von Unfallschwerpunkten«, meint Schalke.

 

Helmut Simon verteidigt die Kontrollen: »Wir werten ganz genau aus, wo die meisten Unfälle mit Radfahrern passieren. Unsere Verkehrsüberwacher schicken wir dann ganz gezielt in diese Bereiche.«  Ganz so gezielt ist es denn aber doch nicht, wie er zugibt. Die Leitung gibt zwar die Stadtteile vor, in denen kontrolliert wird — »wo genau das dann passiert, entscheiden aber die Beamten selbst«, so Simon. Ihren Zweck würden die Kontrollen dennoch erfüllen. »Ein Radfahrer, der bei Rot fährt, fährt bei Rot, ob an der Aachener Straße oder an der Inneren Kanalstraße. Das ist ein Verhaltensmuster. Es ist egal, wo kontrolliert wird. Hauptsache, es ist in dem Gebiet, wo die meisten Radfahrer fahren.« Als Beleg präsentiert er die aktuellen Statistiken für das Jahr 2013: In Stadtteilen wie Ehrenfeld, in denen viel kontrolliert wurde, ist die Zahl der Verunglückten rückläufig. Nicht alle sehen hier einen direkten Zusammenhang. »Je mehr Radfahrer unterwegs sind, desto weniger Unfälle passieren. Untersuchungen aus Kopenhagen haben ergeben, dass  Autofahrer dann sensibilisierter sind«, sagt Hans-Georg Kleinmann vom Verkehrs-Club Deutschland (VCD).

 

Abgesehen vom zweifelhaften Nutzen der Kontrollen mahnen viele Radfahrer auch das Verhalten der Kontrolleure an. »Es wurde zuletzt sehr repressiv kontrolliert«, sagt Laufenberg. Als er am Hohenzollernring wegen Nichtbenutzung des Radwegs angehalten wurde und sich nicht ausweisen konnte, wurde er nach kurzer Diskussion in Handschellen von den Polizisten nach Hause gefahren, um dort seinen Ausweis zu holen. Für ihn reine Schikane — und kein Einzelfall: »Es haben sich mehrere Menschen aus Köln bei mir gemeldet und gesagt: ›Das habe ich auch so ähnlich erlebt.‹« Laufenberg hat Strafanzeige gegen die Polizisten gestellt.

 

Für Joachim Schalke (ADFC) ist der Umgang der Polizei mit den Radfahrern entscheidend. »Es gibt ein zunehmendes Gefühl, dass Radfahrer als Problemgruppe gesehen werden«, so Schalke. Da sei dann soziale Kompetenz der Beamten und ein gewisses Fingerspitzengefühl in Bezug auf die Einhaltung der Regeln gefragt. »Wenn man wegen Nichtbenutzung des Radwegs an Stellen zahlen muss, wo es offenkundig gefährlich ist und ein Fehlverhalten damit quasi herausgefordert wird, ist das ein schwieriges Signal. Es kommen immerhin auch Radfahrer ums Leben, weil sie sich an gefährlichen Stellen an die Benutzungspflicht des Radwegs gehalten haben«, berichtet Schalke.

 

Für Hans-Georg Kleinmann sind daher infrastrukturelle Änderungen wichtiger als ständige Kontrollen: »Da muss die Polizei mehr Druck auf die Politik ausüben, was bauliche Veränderungen an bestimmten Gefahrenstellen anbelangt.« Eine dieser Gefahrenstellen ist die Kreuzung an der Moltkestraße und der Richard-Wagner-Straße. Hier kamen in den vergangenen fünf Jahren drei Radfahrer auf dem Radweg wegen rechtsabbiegender LKW ums Leben. Seit Jahren fordern Verbände eine Änderung der Verkehrsführung. Auch die Polizei hat das Problem erkannt und für eine Verlagerung der Radfahrer auf einen Schutzstreifen auf der Fahrbahn votiert. Bis es soweit ist, müssen die Radfahrer aber noch eine Weile ganz besonders aufpassen: Die Maßnahme soll frühestens 2015 umgesetzt werden.

 

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