Es hilft alles nichts, wir brauchen, um im großen Schlamassel nicht unterzugehen, bessere Metaphern, Bilder, die sich zu Narrativen (wie man heute nüchterner sagt) oder Mythen (zu denen man früher unbefangener griff) fügen, die uns wieder zum Handeln ermächtigen. Der Pilz ist so eine Metapher.
»Der Pilz am Ende der Welt« hieß vor einigen Jahren ein ziemlich erfolgreiches, weltweit rezipiertes Sachbuch von Anna Lowenhaupt Tsing, das das kulturelle, ökologische Symbol »Pilz« auspinselte. Pilze überleben nämlich den kommenden Atomkrieg, also das Ende der Welt. Überhaupt überstehen sie die Verwüstungen, die wir der Umwelt und uns selbst antun, erstaunlich unbeschadet. Können wir von ihnen lernen?
Pilze sind ultraresistent — und sie sind uns ein bisschen unheimlich: weder Pflanze noch Tier, ohne Wurzelwerk, stattdessen sich gegenseitig versorgend durch riesige unterirdische Geflechte, manche Pilze sind ein kulinarischer Genuss, andere löschen nach Verzehr ganze eben noch glücklich sammelnde Familien aus. Oh, was kann man aus dem Pilz für Narrative gewinnen — solche von Widerstand und Überleben, von Denken und Handeln in Netzwerken ohne Generalstab! Und zwischen Leben und Tod schillern die (nicht ungefährlichen!) Exemplare, die man schluckt, um am helllichten Tag eine Vorahnung des jüngsten Gerichts zu bekommen.
Zwischen Leben und Tod schillern die (nicht ungefährlichen!) Pilze, die man schluckt, um am hellichten Tag eine Vorahnung des jüngsten Gerichts zu bekommen
Wenn das neue Kölner Musik-, Performance-, Literatur-, Urbanistik-Festival Four Mushrooms sich im Zeichen des Pilzes präsentiert, ist bereits ein riesiger Bildraum eröffnet. Das Festival erweitert ihn noch: Denn natürlich steht auch der große John Cage musikalisch Pate, war der doch Pilzsammler, Pilzforscher und Apostel einer Musik, die wie das Geflecht der Pilze ohne Wurzeln, ohne Zentren — und letztlich ohne menschliches Dazutun zustande kommt. Mehr noch: Köln ist angeblich Welthauptstadt der »Wetterpilze« — dreißig stehen in Köln, einen davon hat Festivalmacher Jan Lankisch hier im Bild festgehalten. Lauschige Orte des Zusammenkommens im öffentlichen Raum, was unter urbanen Gesichtspunkten freilich nie funktioniert hat. Mittlerweile sind die meisten Wetterpilze dermaßen verwittert, deformiert und bekritzelt, dass sie beinahe als Skulpturen von Erwin Wurm durchgehen könnten. Tatsächlich gelten sie als Lost Places, de facto entbunden von ihrer ursprünglichen Funktion und bald schon Ruinen.
Ob Atomkrieg, Wetterpilz, John Cages Umwelt-Musik und rhizomatische Subversion im Anschluss an die Pilzliebhaber Deleuze und Guattari — die Pilz-Metapher erweist sich als endlos (rhizomatisch!) auslegbar. Four Mushrooms verbindet nun, ausgehend von den Wetterpilzen, Kölner Räume — den Nordpark und den Toni-Steingass-Park in Nippes, den Blücherpark in Bilderstöckchen und den Herkulesberg. Ein tagfüllender Spaziergang führt uns von Wetterpilz zu Wetterpilz. Das Rhizom wird gestiftet u.a. durch Elektronik — mit dem Kölner Produzenten Jannis Carbotta; Literatur — Rebecca Endler liest Hilde Domin; Neue elektronische Musik — es findet mit Esther Rosiny-Wieland und Elisa Kühnl ein Klangmeditations-Workshop statt; und Hipstertum — Don L. Gaspár Ali (Grenzkontrolle) gibt eine Soloperformance. Konzipiert haben das Programm Hanna Bächer, Vicky Hytrek, Svenja Reiner und Verena Hahn.
Köln ist nicht berühmt für seine Parks, kein Außenstehender versteht, wieso wir uns im Blücher Park entspannen können, während nebenan die Autobahn saust und braust. Bei Four Mushrooms geht es nun nicht darum, den Stadtraum attraktiver zu machen, sondern mit seinen kuriosen Artefakten zu arbeiten, sie in Musik, aber auch in Worte und Geschichte zu verwandeln, damit wir dank dieser Klang-Arbeit eine neue Aufmerksamkeit, ein Gespür für Zusammenhänge und geheime Ressourcen gewinnen können. Denn Lost Places sind aus den Zwängen des Kommerzes und der Borniertheit öffentlicher Verwaltung herausgefallen, wir werden sie noch gut gebrauchen können. So erweist sich dieses Festival, dessen Programm angenehm unprätentiös daherkommt, als das richtige in chaotischer Zeit.







