Schön schrill

Filme über Künstler*innen auf dem 28. Dokumentarfilmfestival Stranger Than Fiction

Keith Richards hat kurzfristig abgesagt. Dafür steht Patti Smith auf der Bühne, hält ein paar Dollar in der Hand und bietet jedem an, der sein Geld zurückwill, es sich doch jetzt gleich persönlich bei ihr abzuholen. Niemand traut sich.

New York 1978, die Hochzeit von Punk — und der Tiefpunkt der inoffiziellen Hauptstadt der Welt, die pleite und abgehalftert ist. An drei Herbsttagen findet im East Village die »Nova Convention« statt, unter Mitwirkung und zu Ehren von William S. Burroughs, damals schon legendärer und ungemein einflussreicher Beat-Poet und langjähriger bekennender Junkie. Und irgendwer muss wohl dem kurz zuvor wegen Drogenbesitzes zu einem Jahr auf Bewährung verurteilten Keith Richards gesagt haben, dass es keine gute Idee ist, sich in so einem Kontext blicken zu lassen.

Neben Patti Smith stehen an den drei Tagen unter anderem Musikavantgardisten wie Frank Zappa, Laurie Anderson, Philip Glass und John Cage auf der Bühne, der Tanzerneuerer Merce ­Cunningham, der LSD-Apologet Timothy Leary und Burroughs’ langjähriger Freund und Dichter-Kollege Allen Ginsberg. Filmisch festgehalten wurde das Gegenkultur-Happening vor und hinter der Bühne von Dokumentarfilmer Howard Brookner, an der Kamera: Tom DiCillo (»Living in Oblivion«), am Mikrofon: der 25-jäh­rige Jim Jarmusch.

Brookners Sohn Aaron und der Portugiese Rodrigo Areias haben 40 Stunden des damals gedrehten Materials gesichtet und nun zum Dokumentarfilm »Nova 78« verdichtet. Ganz im widerborstigen Geiste der Protagonist*innen der Nova Convention haben die beiden Regisseure auf erklärenden Kommentar oder einordnende Interviews verzichtet. Der Film besteht ausschließlich aus dem Zusammenschnitt des gefundenen Materials, selbst die Namen der Auftretenden werden nicht eingeblendet. Was zu sehen und zu hören ist, wirkt manchmal anachronistisch (Ginsbergs Versuche als Musiker), manchmal visionär (Burroughs’ Einlassungen zum islamistischen Fundamen­talismus); manchmal enervierend (eine Performance von Schriftstellerin Anne Waldman), manchmal elektrisierend (Patti Smiths Bühnencharisma). Die offene Form ermöglicht, frei Verbindungen zu ziehen, einfach die Atmosphäre des Events aufzusaugen und vielleicht auch mal gelangweilt zu sein. Ein rohes, sperriges, aber auch faszinierendes Zeitdokument.

Die offene Form ­ermöglicht, frei ­Verbindungen zu ­ziehen, die Atmosphäre des Events aufzu­saugen und vielleicht auch mal gelangweilt zu sein

Wesentlich enger führen Nick Mead und Andre Relis ihr Publikum im Dokumentarfilm »I Was a Teenage Sex Pistol« (der Film musste leider nach Redaktionsschluss aus dem Programm genommen werden, Anm. d. Redaktion). Das »I« im Titel bezieht sich auf das Sex Pistols-Gründungsmitglied Glen Matlock, der im Februar 1977 unfein von Sänger John Lydon geschasst wurde zu Gunsten seines deutlich weniger musikalischen, aber cooleren Kumpels Sid Vicious. These des Films ist, dass die Band mit Bassist Matlock ihren musikalischen Kopf verlor. Das mag faktisch richtig sein, allerdings verkennt das, was die Pistols zu der revolutionären Kraft gemacht hat, die sie unzweifelhaft waren. Wie es Pistols-Manager und Mastermind Malcolm McLaren im Film formuliert: »Präsentation und Haltung« (»presentation and attitude«) sind das Entscheidende — eine Erleuchtung, die ihm bei einem Konzert der New York Dolls kam, das ihn begeisterte, obwohl er die Musik der Dolls fürchterlich fand.

Letztlich ist »I Was a Teenage Sex Pistol« mit seiner Kombination von Interviews mit Matlock und prominenten Zeitzeug*innen und Archivmaterial so konventionell wie die auf ihre Grundlagen reduzierte Rockmusik der Sex Pistols, was dem Film zum Punk fehlt, ist die attitude.

Dass gegen eine konventionelle Form nichts zu sagen ist, wenn man sie mit Sorgfalt behandelt und eine starke Hauptfigur hat, zeigt »I Am Martin Parr« über den für seine humorvoll-schrillbunten Bilder berühmten britischen Fotografen. Auch hier gibt es die bewundernden Interview-O-Töne von Kolleg*innen und das Archivmaterial, in Form von Fotos aus allen Schaffensphasen Parrs. Regisseur Lee Shulman begleitet Parr aber auch bei der Arbeit. Hier entpuppt sich der nicht selten als voyeuristisch oder zynisch kritisierte Parr als menschenfreundlicher, humorvoller älterer Herr mit Rollator, der nicht von oben herabblickt auf die Welt, die er fotografiert, sondern der Teil von ihr ist — oder war, Parr verstarb am 6. Dezember im Alter von 73 Jahren.  

Fr 23.1. bis So 1.2., Filmhaus (und in weiteren Städten NRWs). 
Infos: <link http: strangerthanfiction-nrw.de external-link-new-window external link in new>strangerthanfiction-nrw.de

Mach mit: Gemeinsam sichern wir unabhängigen Journalismus für Köln!
→ Ja, ich abonniere die Stadtrevue!
→ Ja, ich erwerbe einen Anteil der Stadtrevue-Genossenschaft!


Tagnacht – Kölns Gastro-Guide. Essen, Trinken, Ausgehen in Köln: alle Küchen, alle Veedel! Hol dir ein Abo und erhalte als Prämie die tagnacht 2025/26 gratis dazu. 

Stadtrevue abonnieren →

Alle Prämien ansehen →

Unsere Magazine

tagnacht – Kölns Gastro-Guide: Essen, Trinken, Ein­kaufen, alle Küchen, alle Veedel, die besten Adressen der Stadt. 
ansehen / bestellen →


Raum 5 – Der Design Guide für Köln/Bonn: Neues und Schönes, Porträts und Tipps sowie 300 Design-Adressen. 
ansehen / bestellen →


alma — Das Kölnmagazin für Studis: Alles, was wichtig ist für den Durch­blick an der Uni und das Leben in der Stadt.
ansehen / bestellen →


kurzundklein – Ein ganzes Jahr Köln mit Kindern: Akti­vi­täten und Aus­flüge, Familien­politik, Stadt­leben, Adressen. 
ansehen / bestellen →


weiter! — Aus- und Weiter­bil­dung in Köln und der Region: Der Pocket-Guide mit rund 200 Adressen und vielen nütz­lichen Infos.
ansehen / bestellen →