Wer im queeren Kino immer noch vor allem Coming-outs und Identitätssuche erwartet, dürfte beim diesjährigen Queerfilmfestival überrascht werden. Die Figuren wissen meist längst, wer sie sind. Kämpfen müssen sie trotzdem: gegen Gewalt, patriarchale Rollenbilder, das Alter, Einsamkeit oder politische Verhältnisse. Das Programm der achten Ausgabe erweist sich mit seinen 18 Beiträgen als Sammlung queerer Überlebensstrategien.
Besonders eindrucksvoll gelingt das David Pablos mit dem in Venedig doppelt ausgezeichneten Roadmovie »On the Road — En el Camino«. Zwischen Fernfahrern, Raststätten und Drogenhandel entwickelt sich auf Mexikos Highways eine zarte Liebesgeschichte in hypermaskuliner Umgebung. Nicht minder spannend ist »Fantasy«, das Spielfilmdebüt der slowenischen Musikerin Kukla. Ihr Balkanmärchen verbindet magischen Realismus mit einer Geschichte über weibliches Begehren, trans-Identität und den Wunsch, gesellschaftlichen Zuschreibungen zu entkommen. Mit seinen grauen Plattenbauten und neonfarbenen Nächten eines der visuell aufregendsten Werke des Programms.
Dass queeres Kino auch längst nicht mehr nur von jungen Figuren erzählt, zeigt das warmherzige baskische Drama »Maspalomas«. Nach einem Schlaganfall muss der 76-jährige Vicente sein selbstbestimmtes Leben auf Gran Canaria gegen ein Pflegeheim eintauschen — und seine Homosexualität plötzlich wieder verstecken. Ein Film über das späte Alter, der seinen Protagonisten mit viel Würde begleitet.
Auch andere Beiträge verschieben vertraute Perspektiven: Helen Walshs »On the Sea« betrachtet männliche Sehnsucht aus der Sicht eines walisischen Muschelfarmers heraus, Cecilia Verheydens unkonventionelles Coming-of-Age-Drama »Skiff« erzählt erste Liebe als leise Selbstfindung, während Monika Treut in ihrem Dokumentarfilm »Cooking Up Democracy« den Blick nach Taiwan richtet, wo sich queere Emanzipation mit Bürgerrechtsaktivismus verbindet.
Daneben bleibt Platz für Lust am Genre: Der australische Neon-Noir »Body Blow« spielt mit den Codes des Erotikthrillers der Neunziger, die brasilianische »Passion nach G.H.B.« verwandelt eine schwule Chemsex-Orgie in ein ebenso körperliches wie philosophisches Kammerspiel. Das Queerfilmfestival zeigt damit die erstaunliche Bandbreite eines Kinos, das ästhetisch wie politisch so selbstbewusst auftritt wie lange nicht.
Do 10.– Mi 16.9., Filmhaus und Filmpalette. Infos: queerfilmfestival.net






