»Die wichtigste Frage«, sagt Ramona, »ist nicht, wie das Frauenhaus mein Leben verändert hat.« Sie macht eine kurze Pause und fährt fort: »Das Frauenhaus hat mein Leben gerettet. Darum geht es.« Ramona, die ihren Nachnamen aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich machen will, ist aus einem anderen Bundesland vor massiver Gewalt durch ihren Ex-Mann ins Kölner Frauenhaus geflohen, wo sie neun Monate lang gelebt hat. »An dem anderen Ort hatte ich selbst im Frauenhaus solche Angst vor dem Täter, dass ich mich nicht mehr auf die Straße zum Einkaufen getraut habe.« Also blieb ihr nichts anderes übrig, als mit ihrem Kind weit weg zu ziehen. Die gemeinsame Wohnung mit dem damaligen Partner hatte Ramona nach einem heftigen Gewaltausbruch des Ex-Mannes abrupt verlassen. »Von heute auf morgen habe ich alles verloren.«
Das Kölner Frauenhaus konnte ihr einen Platz anbieten, weil gerade eine andere Frau ausgezogen war. Die ersten drei Monate, in denen Ramona auf beantragte Sozialleistungen wartete, lebten sie und ihre Tochter von Kleidungsspenden und einem Darlehen von 50 Euro pro Woche aus der Kasse des Frauenhauses, erzählt Ramona. »Wir haben viel Nudeln mit Tomatensoße gegessen, manchmal haben die anderen Frauen im Haus auch für uns mitgekocht oder uns einen Joghurt mitgebracht«, sagt sie und weint. »Wir Bewohnerinnen sind kaputt, wir sehen kein Licht im Dunkel, aber die Mitarbeiterinnen kämpfen für uns.« Sieben Jahre ist Ramonas Frauenhausaufenthalt nun her. Inzwischen lebt sie in einer eigenen Wohnung. Trotzdem plagen sie Erinnerungen und Panikattacken. »Die Angst geht nie weg. Wenn ich einen Mann sehe, der meinem Ex ähnelt, erstarre ich noch immer.«
Die Frage ist nicht, wie das Frauenhaus mein Leben verändert hat. Es hat mein Leben gerettet.
Mein Ex-Mann hätte mich erst umbringen müssen, um sanktioniert zu werden.
Ramona
Dass Geschichten wie Ramonas kein Einzelfall sind, mussten die Gründerinnen der Kölner Frauenhäuser vor 50 Jahren der Stadt Köln erst einmal beibringen. So erzählt es die Frauenhaus-Gründerin Frauke Mahr im Gespräch mit der Stadtrevue. Mahr gehörte in den 70er Jahren zu einer Gruppe von Studentinnen der Fachhochschule für Soziale Arbeit in Köln, die in einem Seminar das Thema Gewalt gegen Frauen behandelten. Schnell entstand die Idee, ein selbstorganisiertes Frauenhaus zu gründen, nach Londoner Vorbild. Doch die Stadt sah dafür keinen Bedarf: »Uns wurde gesagt, dass es das Thema in Köln nicht gebe.« Also machten die Studentinnen im April 1976 einen Stand auf der Schildergasse auf, um Unterschriften für ein Frauenhaus zu sammeln. »Ich erinnere mich sehr deutlich, wie viele Männer ihre Frauen weggerissen haben, damit sie nicht stehen bleiben.« Trotzdem hätten sich insgesamt einige Frauen an dem Stand informiert und teils auch von ihren eigenen Erfahrungen erzählt. Es kamen ungefähr 1000 Unterschriften zusammen an dem Tag. »Jetzt konnte die Stadt nicht mehr leugnen, dass Gewalt ein Thema war in Köln«, sagt Mahr. Kurz danach meldeten sich bereits erste Hilfesuchende. »Die Frage war nun: Was machen wir mit diesen Frauen, obwohl wir noch gar kein Haus haben?«
Weil die Verhandlungen mit der Stadt so zäh waren, brachten die Studentinnen die gewaltbetroffenen Frauen erst einmal in ihren Privatwohnungen und WGs unter. Besonders sicher war es dort für keine der Beteiligten. »Einmal stand ein Ehemann vor meiner Tür, der seine Frau suchte«, erinnert sich Mahr. »Der Mann war Chemiefacharbeiter und hatte seiner Frau laut ihren Erzählungen mit Verätzungen gedroht.« Im Dezember 1976 mietete die Initiative dann mit Spendengeldern ihr erstes Frauenhaus in Dellbrück an. Institutionell gefördert wurde das Haus durch den Rat der Stadt Köln aber erst ab 1986. Fünf Jahre darauf öffnete das zweite autonome Kölner Frauenhaus.
Weil im Sozialbereich aktuell so viel gekürzt wird, haben wir große Sorge davor, dass es uns auch trifft
Laura Hufnagel, Frauenhausmitarbeiterin
Das Konzept beider Schutzeinrichtungen folgte dem Motto des Trägervereins »Frauen helfen Frauen«, der aus der Initiative der Studentinnen heraus entstanden war: »Wir wollten gemeinsam mit den Frauen entscheiden, verwalten und organisieren — und nicht für sie arbeiten«, sagt Mahr. »Die Frauen sollten ermächtigt werden, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.« Denn Schutzeinrichtungen in nicht-eigenständiger Trägerschaft, so lautete die Kritik, würden Frauen bevormunden. Bis heute ist der Verein »Frauen helfen Frauen« Träger der autonomen Frauenhäuser in Köln. Die aktuellen Mitarbeitenden legen viel Wert darauf, dass die Frauenhausbewohnerinnen ihren eigenen Weg in ein gewaltfreies Leben gehen können. »Wir begleiten die Frauen und sind an ihrer Seite, aber Selbstbestimmung steht für uns an oberster Stelle«, sagt Leo Völler vom zweiten Frauenhaus. »Unsere Autonomie haben wir erlangt, weil die Häuser von Aktivist:innen und nicht von Politiker:innen geschaffen wurden — eben aus der Frauenbewegung heraus.« Völler ist dankbar für die Errungenschaften der Bewegung: »Unsere Vorgängerinnen haben komplett ohne Geld angefangen und ein absolutes Tabuthema in die Öffentlichkeit geboxt. Sie haben so viel erkämpft!«
Trotzdem ist vieles auch gleichgeblieben, finden die Frauenhausmitarbeiterinnen. »Die Zusammenarbeit mit der Stadt ist oft herausfordernd und schleppend«, sagt Völlers Kollegin Laura Hufnagel. Das liege zum Beispiel am Ausbau des zweiten, nicht barrierefreien Frauenhauses, in dem sich acht Personen eine Toilette teilten. Die Mitarbeitenden hätten in Eigenfinanzierung bereits ein neues architektonisches Konzept erarbeitet und seit Jahren bei der Stadt um finanzielle Unterstützung für den Ausbau gebeten. »Bis heute gibt es darauf keine Aussicht.« Auf Nachfrage der Stadtrevue schreibt die Stadt: »Für die Finanzierung von Ausbaumaßnahmen des Frauenhauses standen und stehen im Haushalt der Stadt Köln keine Mittel zur Verfügung.«
Ramona weiß aus ihrer Zeit im zweiten Frauenhaus, dass es dort an Platz mangelt. »Man muss sich damit abfinden, dass man keine Privatsphäre hat«, sagt sie. Das Teilen von Räumen führe auch zu Konflikten: »Jede Frau kämpft mit ihren Problemen und schafft es unterschiedlich gut, sich um Gemeinschaftsräume zu kümmern.« Daher komme es manchmal zu Reibungen untereinander. Die Betreuerinnen vermittelten ein Sicherheitsgefühl, »aber es gibt einfach zu wenige von ihnen.« Diese Personallage könnte sich bald sogar verschlechtern: »Weil im Sozialbereich aktuell so viel gekürzt wird, haben wir große Sorge davor, dass es uns auch trifft«, sagt Laura Hufnagel. In dem Fall, fürchten die Frauenhausmitarbeiterinnen, würde zum Beispiel eine Stelle für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im ersten Frauenhaus wegfallen.
Unsere Vorgängerinnen haben komplett ohne Geld angefangen und ein absolutes Tabuthema in die Öffentlichkeit geboxt. Sie haben so viel erkämpft!
Leo Völler, Frauenhausmitarbeiterin
Ein drittes Frauenhaus soll voraussichtlich 2028 eröffnet werden. Erste Gespräche dafür gab es mit der Stadt schon 2005. 2019 wurde der Bau im Rat beschlossen. »Es hat sehr lange gedauert, bis sich ein passendes Gebäude fand«, sagt Leo Völler. Auf Nachfrage der Redaktion verweist die Stadt Köln auf das Wohnungsunternehmen GAG Immobilien, das den Bau durchführe.
Eigentlich müssten die Gewalthilfestrukturen in Köln deutlich schneller und intensiver ausgebaut werden. Denn nur so kann der Rechtsanspruch auf einen Frauenhausplatz, der nach dem Gewalthilfegesetz ab 2032 gelten soll, auch umgesetzt werden. Momentan gibt es keinen Anspruch auf einen Schutzplatz: Pro Jahr müssen die Kölner autonomen Frauenhäuser rund 500 hilfesuchende Frauen abweisen, weil sie nicht genügend Plätze haben. Laut der Istanbul Konvention, dem Übereinkommen des Europarates zur Verhütung von Gewalt gegen Frauen, das auch Deutschland ratifiziert hat, müsste es in einer Stadt wie Köln mit etwa 1,1, Millionen Einwohner:innen 110 Frauenhausplätze geben. Die beiden Kölner Frauenhäuser können zusammen jedoch nur 26 Frauen und 32 Kinder beherbergen.
Doch anstatt Hilfsangebote auszubauen, stampft die Stadt Köln sie derzeit sogar ein: Erst Ende Juni wurde das Haus Rosalie Rendu geschlossen, das 10 Plätze für wohnungslose Frauen anbot. Die Betreiberinnen mussten aus Altersgründen aufhören, Gespräche mit der Stadt über potenzielle Nachfolger:innen waren gescheitert. Die Stadt schreibt auf Nachfrage, das bisherige Konzept von Haus Rosalie sei mit einer »Betreuungsüberversorgung« verbunden. Die Fortführung des Hilfsangebots durch einen anderen Träger sei »nur mit einer personellen und damit finanziellen Ausweitung der für derartige Angebote üblicherweise festgesetzten Versorgungsschlüssel« möglich. Eine solche Ausweitung »wäre jedoch entsprechend der Bedarfslagen nicht gerechtfertigt.« Eine »konzeptionelle Neuausrichtung« ist laut der Stadt wegen der Haushaltslage unbezahlbar. Alle im Haus Rosalie ehemals untergebrachten Frauen seien aber inzwischen versorgt, ob in anderen städtischen Wohnangeboten oder eigenen Wohnungen. Laura Hufnagel kritisiert jedoch, dass die Schließung von Haus Rosalie ein strukturelles Problem verstärke: die Auslastung des Gewalthilfesystems. »Solche Schließungen betreffen immer das gesamte Gewaltschutznetz, weil die betroffenen Frauen dann zum Beispiel zu uns kommen«, sagt sie.
Der angespannte Kölner Wohnungsmarkt verschärft die Problematik: »Wir haben extrem viele Anrufe von wohnungslosen Frauen, die eine Unterkunft suchen«, sagt Leo Völler. Aber auch für die Frauenhausbewohnerinnen, findet sich nach dem Frauenhausaufenthalt oft keine eigene Wohnung. »Aktuell macht uns die Wohnungssuche so viel Arbeit, dass man dafür eigentlich eine eigene Stelle schaffen müsste«, erklärt Laura Hufnagel. »In dem Umfang sollte das nicht unsere Aufgabe sein.«
Probleme bei der Wohnungssuche haben Bewohnerinnen der Frauenhäuser aus verschiedenen Gründen: Zum einen macht das Jobcenter strenge Vorgaben für Größe und Kosten einer Wohnung, die in Köln kaum einzuhalten sind. Außerdem finden insbesondere Alleinerziehende schwer eine Wohnung, und die meisten von ihnen sind Frauen: ihr Anteil liegt dem Statistischen Jahresbuch zufolge in Köln bei rund 89 Prozent. Sie kämpfen oft mit finanziellen Problemen: »Über 40 Prozent aller Kölner Alleinerziehenden sind armutsgefährdet«, sagt Britta Körschgen von der Stiftung Alltagsheld:innen, die sich für die Rechte Alleinerziehender einsetzt. »Oft werden alleinerziehende Frauen aber auch pauschal als unsichere Mietkandidat:innen wahrgenommen.« Diskriminierungserfahrungen spielten häufig eine Rolle. Eine Lösung könnte im sozialen Wohnungsbau liegen, sagt Körschgen. »Der sozial gebundene Wohnraum nimmt in Köln aber immer weiter ab.«
Der Wohnungsmarkt hat Auswirkungen auf die Verfügbarkeit von Frauenhausplätzen: »In fast allen Fällen bleiben Frauen auch nach Ende ihrer Schutzbedürftigkeit im Frauenhaus«, sagt Leo Völler. Das trage dazu bei, dass länger keine neuen Plätze für akut Schutzbedürftige frei würden. Doch wohin sollen die Bewohnerinnen? Und wohin die Frauen, die weder eine eigene Wohnung noch einen Frauenhausplatz finden? Vielen von ihnen bleibt neben der Wohnungslosigkeit nur, in der Gewaltsituation auszuharren. Dort fühlen sich die wenigsten von der Polizei geschützt. Ramona erzählt, sie habe nach einem heftigen Gewaltausbruch ihres Ex-Partners die Polizei gerufen, doch die habe als erstes gefragt, ob Ramona ihren Ex-Mann provoziert habe. »Blaue Flecken, geprellte Rippen, das alles spielte für die Polizei keine Rolle«, sagt Ramona. »Er hätte mich erst umbringen müssen, um sanktioniert zu werden.«
Auch für die Frauenhaus-Gründerin Frauke Mahr liegen die öffentlichen Hilfen heutzutage »weit hinter dem, was sie inzwischen leisten könnten und müssten«. Das merke man bereits an den ausbleibenden gesellschaftlichen Reaktionen auf Femizide: »Wenn irgendwo ein Attentat passiert, gibt es oft öffentliche Gedenkveranstaltungen. Ich frage mich, warum passiert das nicht bei Femiziden? Da bleibt es so still.« Der Femizid, erklärt Mahr, sei der letzte Akt von Gewalthandlungen gegen Frauen. Ramona konnte sich davor retten, weil sie im Frauenhaus Schutz fand. »Mein Mann hat sogar vor der Polizei ausgesagt, dass er mich umbringt«, erzählt sie. »Gäbe es das Frauenhaus nicht, wäre ich heute wahrscheinlich tot.«







