Im September findet so wie in den letzten Jahren in Leverkusen wieder die jährliche Fachmesse des Vereins Gendertreff statt, die zu Transidentität informiert. Dort kann man sich Vorträge anhören und an den Ständen ohne Termin mit Fachärzten und Operateuren sprechen. Die Bandbreite der Aussteller reicht von der Sparte »Beauty und Gendercare« über die klassischen Beratungs- und Selbsthilfegruppen bis hinein in die Medizin, die bei der diesjährigen Messe von sechs Kliniken vertreten sein wird.
Die Messe ist eine Reaktion auf das schwer zugängliche medizinische Hilfesystem: »Ich habe, wie viele andere auch, rund neun Monate warten müssen, um überhaupt einen Termin zu bekommen«, erklärt Nora Baumgarten vom Verein Gendertreff. Zwar löste im November 2024 das Selbstbestimmungsgesetz das Transsexuellengesetz von 1980 ab, welches zuvor vom Bundesverfassungsgericht in wesentlichen Teilen für verfassungswidrig erklärt worden war. Trans*, inter* und nicht-binäre Personen können seitdem ihren Geschlechtseintrag und Vornamen in einem einfachen Verfahren beim Standesamt ändern lassen. Die langwierigen und für die Antragsteller:innen strapaziösen Begutachtungs- und Gerichtsverfahren sind damit weggefallen. Der Weg zu einem selbstbestimmten Leben ist aber nur ein Stückchen kürzer geworden. »Daher ist die Messe bewusst niedrigschwellig angelegt«, sagt Baumgarten. Sie richte sich neben trans* Menschen auch an Angehörige und Interessierte. Die Veranstaltung ist Selbsthilfe im besten Sinne des Wortes: Weil ein struktureller Mangel nicht behoben wird, sucht man selber nach Lösungen.
Gegründet 2004 als »Anlaufstelle für Austausch, Information und Unterstützung« in Erkrath im Kreis Mettmann wollten die Organisator:innen ein Informationsangebot für trans* Personen und ihre Angehörigen schaffen. »Es gab in der Region auch vorher schon Gruppen, aber die waren ausschließlich als Safe Space für transidente Menschen konzipiert«, erzählt Baumgarten. »Partner:innen, Freund:innen und Familie hatten keinen Zugang, aber oftmals viele Fragen.«
Partner:innen, Freund:innen und Familie hatten keinen Zugang, aber oftmals viele Fragen
Nora Baumgarten
Neben der Messe bietet der Verein Gendertreff regelmäßige Gesprächsgruppen in Erkrath, Leverkusen und Düsseldorf an, bei denen sich Interessierte miteinander über ihre Erfahrungen austauschen können. In Köln gibt es bereits Angebote für transidente Menschen, etwa den rubicon e.V., die Selbsthilfegruppe TXKöln oder das TIN*SPIRATION-Angebot des Jugendzentrums anyway. Die Gesprächsgruppen des GenderTreff in Erkrath, an denen manchmal bis zu 15 Personen teilnehmen, zeigen jedoch, dass rund um das Thema Transidentität nicht nur in den Metropolen Informations- und Austauschbedarf besteht.
Dass die Wahl des Veranstaltungsortes für die Messe ausgerechnet auf Leverkusen fiel, hängt unter anderem damit zusammen, dass die Stadt Unterzeichnerin der sogenannten Charta der Vielfalt ist: einer Erklärung, die dazu verpflichtet, sich für ein diskriminierungsfreies Umfeld einzusetzen. Über Gespräche mit Fachärzten in Leverkusen und der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt kam vor einigen Jahren die Einladung für das Forum.
Die Veranstaltung ist auch mit einem Risiko verbunden: Nicht erst der Anschlag auf den CSD in Berlin hat gezeigt, wie verwundbar die LGBTIQ+-Community ist. Laut einer Studie aus dem Jahr 2024 berichten 65 % der trans* Frauen in Deutschland von Diskriminierungen in den vorausgegangenen zwölf Monaten. Doch die Veranstalter:innen der Messe scheuen die Öffentlichkeit nicht: Auf die Frage, ob ein Artikel wie dieser die Veranstaltung angreifbar mache, sagt Nora Baumgarten: »Wir halten die Flagge hoch.«
gendertreff.de







