Ein Dokumentarfilm zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann — das erscheint wie eine Auftragsarbeit. Sie machen aber gleich in der ersten Szene klar, dass die Autorin für Sie wie auch für ihre Darstellerin Sandra Hüller sehr wichtig ist. Warum?
Ich habe Bachmann mit 17 Jahren für mich entdeckt. Als Kind habe ich irrsinnig viel gelesen, bin dann als Teenager zur Erwachsenenliteratur gewechselt und habe den gesamten männlichen Kanon verschlungen. Dann ist mir Ingeborg Bachmann mit ihrem Roman »Malina« dazwischengeraten. Den habe ich damals überhaupt nicht verstanden, er hat mich aber trotzdem in seiner Andersartigkeit fasziniert. Damals war Bachmann schon tot, aber seitdem ist immer mehr aus ihrem Nachlass erschienen, sodass sie mich mein Leben lang begleitet hat. Sandra Hüller habe ich in den letzten 15 Jahren mehrfach zur LitCologne eingeladen (Schilling war dort von 2001 bis 2023 Programmkuratorin, Anm. d. Red.), ihr habe ich immer wieder gesagt, wie sehr sie mich an Bachmann erinnert. Sandra Hüller hat auch viel Bachmann gelesen und wollte sie immer schon mal spielen. Zum 100. Geburtstag machte mich eine Redakteurin auf das Jubiläumsjahr aufmerksam, und so fügte sich alles wunderbar zusammen.
Neben Archivmaterial hört man im Film die erzählende und rezitierende Stimme von Sandra Hüller und sieht stumme Spielszenen mit ihr. Wie kam es zu den Spielszenen, die Sie im Film eine »Geisterbeschwörung« nennen?
Ich habe zunächst ein Buch mit Text-Montagen anstelle eines Drehbuchs geschrieben. Erst danach habe ich die Form gefunden, wie ich das filmisch bauen kann. Die Idee, dass die Spielszenen mit Sandra Hüller — für mich sind das Tableaus — einen einzigen Tagesverlauf abbilden, kam erst später. Die Texte von Bachmann kommen als Voiceover über diese Tableaus, um etwas Drittes entstehen zu lassen. Das Spiel und die Bewegung von Hüller sollen helfen, diesen Texten besser zuzuhören. Auch Hüller hört diese Texte, wenn sie spielt. Meine Hoffnung war, dass dadurch eine andere Intensität entsteht. Wenn Sandra Hüller zu 100 Prozent in die Figur gegangen wäre, könnten wir vielleicht diesen Texten nicht mehr so gut zuhören. Ein zweiter Punkt war, mit den Spielszenen auch die Gegenwart herstellen zu können. Denn mich hat bei der Recherche am meisten überrascht, wie unglaublich heutig die Texte sind.
Ingeborg Bachmann war ihrer Zeit so weit voraus, dass sie von der Literaturkritik nicht verstanden worden ist
Ein Schwerpunkt von Bachmanns Texten ist die Auseinandersetzung mit den Geschlechtern. Sie sagt: »Ich kann nur unter Männern atmen, weil ich bin wie sie«. Sie nennt sich »unfraulich«, oder »nicht ganz eine Frau«. Das sind Sätze, die inmitten aktueller Genderdebatten ganz anders und auch weniger ungeheuerlich klingen als in den 60er und 70er Jahren. War Bachmann ihrer Zeit voraus?
Sie war ihrer Zeit so weit voraus, dass sie von der Literaturkritik nicht verstanden worden ist. 90 Prozent der Literaturkritik wurde von Männern geschrieben. Und das war ihr schon wichtig, was die Männer in der Literatur von ihr denken. Sie war zuerst die Göttin der Lyrik, da hat man sie angebetet. Aber sobald sie sich in den männlichen literarischen Kanon mit Prosa einschreiben wollte — das kann man nur mit Prosa –, da wurde ihr der Platz nicht eingeräumt. In einem Brief schreibt Bachmann über eine Kritik zu »Im dreißigsten Jahr« von Barbara Bondy: »mit solchen Vorkommnissen wie der Damenbesprechung« habe sie nicht gerechnet. Dass sie bei den Männern auf Unverständnis stößt, damit hatte sie gerechnet, dass sie diese Literaturkritikerin aber auch nicht versteht, hat sie noch viel mehr getroffen.
Trotz der Identifikation mit den Männern sagt sie, »die Männer sind unheilbar krank, alle« oder »der Mann ist das natürliche Unglück der Frau, das weibliche muss untergehen«. Das konnte seinerzeit gerade noch an einen radikalen Feminismus einer Valerie Solanas anschließen.
Diese Zitate sind recht bekannt, in dieser Radikalität hat sich das in der erneuten Lektüre für mich aber noch mal neu erschlossen. Man kann sie in keine Schublade stecken. Natürlich ist sie eine absolut feministische Schriftstellerin. Sie hätte aber aufgeschrien, wenn man sie als Feministin bezeichnet hätte. Diese Ambivalenzen und Widersprüche, die ich auch für mich bis heute nicht habe auflösen können, machen sie doppelt spannend.







