Eigentlich sind sich alle einig: Die Suchtkranken rund um den Neumarkt benötigen dringend mehr Hilfe, nicht zuletzt auch, um den öffentlichen Raum und die Anwohner zu entlasten. Auch sind alle demokratischen Fraktionen im Rat bereit, viel Geld dafür in die Hand zu nehmen. Ein Standort ist schon beschlossen: eine Wiese am verkehrsumtosten Perlengraben, angrenzend ans Pantaleonsviertel. Doch da fangen die Probleme an.
Der Standort im Wohngebiet und in Nachbarschaft von Schulen und einem Spielplatz sei ungeeignet, sagen Anwohner, die sich zur IG Pantaleonsviertel zusammengeschlossen haben. Schon bei einer Informationsveranstaltung im Januar bemängelten sie, die Stadt habe nie transparent gemacht, welche Standorte sie noch geprüft hatte und warum sie den Perlengraben schließlich für »alternativlos« erklärte. Auch die Mitglieder der Anwohnerinitiative »Südi bleibt solidarisch«, die den Standort grundsätzlich unterstützen, fordern Aufklärung. Anfang Februar schickten sie einen Fragenkatalog an die Stadt, den diese am 20. März schließlich beantwortete: Nach Prüfung von 13 Standorten, darunter dem Aachener Weiher, der ehemaligen Kaufhof-Verwaltung nahe dem Neumarkt und der Platzfläche direkt auf dem Neumarkt, habe sich der Perlengraben als »alternativlos« erwiesen. Ein Kriterium sei gewesen, dass der Standort »bis zu einem Kilometer vom Neumarkt entfernt« liegt, damit er von der Szene auch angenommen werde.
Auch die Initiative »Südi bleibt solidarisch«, die den Standort Perlengraben grundsätzlich unterstützt, fordert Aufklärung
Doch Vertreter der IG nahmen inzwischen Akteneinsicht und entdeckten »Unstimmigkeiten«, wie Andreas Zittlau sagt. Der Vorsitzende der IG spricht von einer abrupten »Standort-Kehrtwende«. Bis Mitte Oktober sei neumarktnah nach Flächen gesucht worden, »entsprechend dem Suchthilfekonzept von Sozialdezernent Harald Rau«, so Zittlau. Doch dann sei der »weit fortgeschrittene Suchprozess« gestoppt worden, laut Zittlau mit der neuen Vorgabe: »Der neue Standort soll sich weiter weg vom Neumarkt befinden als zunächst geplant.«
Zu diesem Zeitpunkte übernahm der neue OB Torsten Burmester sein Amt, er hatte die Lage am Neumarkt zur Chefsache erklärt. Kurz zuvor hatte sich auch die Immobilien- und Standortgemeinschaft (ISG) formiert, zu der etwa die Kreissparkasse gehört. Ihr Ziel ist es, den Neumarkt aufzuwerten. Burmester habe ihr im Wahlkampf zugesagt, sich zu kümmern. Folgt man Zittlau, dann bedeutet dies, die Drogenszene vom Neumarkt wegzubekommen. Zittlau sagt: »Das ist nicht Suchthilfe first, das ist Neumarktverschönerung first.«
Eine Stadtsprecherin gibt zu, dass es im Laufe der Suche eine »Anpassung an die gegebenen Umstände« gab: Im unmittelbaren Umkreis habe sich keine Lösung gefunden. »Aufgrund der Erkenntnisse aus kollegialem Austausch, wie zum Beispiel mit Zürich, und der Prüfung von fußläufigen Wegen wurde für die Entfernung nicht mehr die Luftlinie, sondern die konkrete Wegeverbindung zugrunde gelegt mit »rund einem Kilometer«, was maximal 1 bis 1,5 km entsprach.« Im Oktober 2025 habe man Flächen im entsprechenden Radius gesucht — »auch unter dem Gesichtspunkt eines weiteren linksrheinischen Suchthilfezentrums«, aber keinen weiteren geeigneten Standort gefunden.
An »Spekulationen« über eine Standort-Kehrtwende wolle er sich nicht beteiligen, sagt Sebastian Endres von »Südi bleibt solidarisch«. Doch »wenn die Stadt die Vorgänge nicht aufklärt, macht das die Sache noch schwieriger. Ob dann zeitnah ein adäquates Hilfsangebot für Betroffene geschaffen werden kann, ist fraglich«. Laut Suchthilfekonzept soll die Einrichtung am Perlengraben nur eine von dreien sein. Doch Endres sagt, er könne »nicht herauslesen, ob es einen zweiten Standort linksrheinisch geben wird.« Im Gespräch ist, dass im Rechtsrheinischen der Drogenkonsumraum in Kalk perspektivisch zu einem Suchthilfezentrum ausgebaut wird.
Doch dafür müsste der Konsumraum, der seit 2024 fertig ist, überhaupt erst einmal eröffnen. Bislang fehlt die Betriebsgenehmigung. Laut Stadt gab es Mitte April eine Begehung durch das Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz und das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales. »Die Stadt erwartet im nächsten Schritt eine Betriebsgenehmigung«, so die Sprecherin. Im Pantaleonsviertel hat man indessen die nächsten Angriffspunkte identifiziert. Ein Betrieb rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, wie die Stadt es vorsieht, sei im Wohngebiet rechtlich nicht möglich, glaubt Zittlau. Am 12. Mai soll der Rat den Baubeschluss fassen. Danach werden die Klagen bei Gericht eingehen.







