»Statt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik der Kunst«, lautet der abschließende Satz von Susan Sontags einflussreichem Essay »Gegen Interpretation« von 1964. Was sie damit im übertragenen Sinne meinte, ist, dass wir in der Kunst nicht nach verborgenen Botschaften suchen, sondern ihre Kraft zunächst einmal direkt erfahren sollten, mit allen Sinnen: Wir sollen sehen, hören, fühlen und nicht erklären.
In ihrem dritten Spielfilm »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« nimmt Jane Schoenbrun Sontag allerdings ganz wörtlich. Es geht tatsächlich darum, wie Kunst — auch und gerade in ihren kommerziell korrumpiertesten und »niedersten« Formen — unsere Sexualität formen kann, und um eine Protagonistin, die lernen muss, die Kunst-Hermeneutik hinter sich zu lassen, um sich ihrem sexuellen Begehren wahrhaft zu öffnen. Auch wenn dieses mehr als schambehaftet und verstörend ist.
Mit Sontag zu beginnen in einem Text über eine Hommage an das in den 80er Jahren beliebte Horror-Subgenre des Slasher-Films — »Halloween« und die Folgen —, mag zunächst wie intellektuelle Hochstapelei wirken. Allerdings entpuppt sich Schoenbruns Film als so ideen- und gedankendicht wie ein Essay der großen Intellektuellen — und vielleicht ist es ja auch kein Zufall, dass im Titel ein Wort auftaucht, das Sontag in einer anderen Bedeutung in ihrem zweiten berühmten Essay aus dem Jahr 1964, »Anmerkungen zu ›Camp‹«, zu greifen versucht.
Camp, im Sinne einer ironisierenden, die Künstlichkeit feiernden Ästhetik, durchzieht Schoenbruns gesamten Film. Ein Beispiel ist gleich zu Beginn von »Teenage Death« die himmelhohe Blutsäule, die aufsteigt, als der Killer »Little Death« bei den Dreharbeiten zu einem Teil des Film-Franchise »Camp Miasma« seine Opfer mit einer Lanze ins Jenseits befördert. Der folgende Filmvorspann von »Teenage Death …« schafft es, im Schnelldurchlauf die gesamte Geschichte der fiktionalen Reihe zusammenzuraffen: Erfolg des ersten Films, immer weitere Fortsetzungen mit abnehmender Qualität, Skandale und Diskussionen um die Transphobie des Franchise und schließlich die Nachricht, dass eine beim Sundance Filmfestival gefeierte Regisseurin sich an eine Neuinterpretation des Stoffes wagen soll.
Camp, im Sinne einer ironisierenden, die Künstlichkeit feiernden Ästhetik, durchzieht Schoenbruns gesamten Film
Diese Regisseurin, Kris, ist die Hauptfigur von »Teenage Death« — mit Anklängen an Schoenbrun selbst, die mit ihren ersten beiden Filmen in Sundance gefeiert wurde. Kris ist sich ihrer Rolle völlig bewusst: Als queere Frau mit »woken« Credentials soll sie die politisch fragwürdige »Zombie IP«, also das »untote geistige Eigentum«, »Camp Miasma« für eine junge Generation wieder hip machen. Zynisch ist sie trotzdem nicht: Sie glaubt trotz aller finanziellen Erwartungen daran, die Marke politisch subversiv erneuern zu können.
Kris fährt zur Recherche an den Drehort des ersten »Camp Miasma«-Films, den sie bereits als Achtjährige gesehen hat, und der sie seitdem nicht mehr loslässt. Sie findet dort die Hauptdarstellerin des ersten Teils, Billy, die seit Jahrzehnten am Drehort ihres größten Erfolges zurückgezogen lebt. Die beiden Frauen kommen sich nicht nur professionell näher. Währendessen verschwimmt die Grenze zwischen Realität und Fiktion immer mehr — und aus dem angrenzenden See scheint »Little Death« wieder aufzuerstehen.
»Little Death« wirkt zunächst wie ein seltsamer Name für einen Serienkiller mit einem Lüftungskasten auf dem Kopf. Doch er verweist auf die wichtige Rolle von Angstlust für Kris, »la petite mort«, der kleine Tod, ist nicht zufällig im Französischen eine Metapher für den Orgasmus. Die Reise zum Camp Miasma wird für die mit allen gendertheoretischen Wassern gewaschene Regisseurin, die von sich selber sagt, ihre Arbeit sei ihr Sex, zu einer Reise in die Welt von »flesh and fluids«, von Fleischlichkeit und Körperflüssigkeiten, in die sie die doppelt so alte Billy einführt.
Als Regisseurin bemüht sich Schoenbrun vielleicht etwas zu sehr um eine »Erotik der Kunst«. Sie kombiniert Analogbilder und altes Videomaterial mit cleanen Digitalaufnahmen, 80er-Jahre-Synthesizermusik mit ironischem Countryrock, Anklänge an Experimentalfilm mit handgemalten Hintergründen wie im alten Hollywood — das wirkt bisweilen eher beliebig als überwältigend sinnlich. Aber für eine Hermeneutik der Kunst wird man ironischerweise dieses Jahr im Kino kaum einen besseren Film finden.
USA 2026, R: Jane Schoenbrun, D: Hannah Einbinder, Gillian Anderson, Amanda Fix, 112 Min. Start: 20.8.






