Wenn heute von der Shaker-Bewegung die Rede ist, denken viele eher an Design- als an Religionsgeschichte. Während der schlicht-funktionale Stil, den die Shaker vor allem mit ihren Möbeln ausprägten, nach wie vor in Wohnungen anzutreffen ist, sind sie selbst als Glaubensgemeinschaft nahezu ausgestorben. Die norwegische Filmemacherin Mona Fastvold und ihr Lebens- und Kreativpartner Brady Corbet erinnern mit »The Testament of Ann Lee« nun daran, welche historischen Erfahrungen und welche Spiritualität hinter den Design-Klassikern der im späten 18. Jahrhundert aus dem Quäkertum hervorgegangenen Shaker stecken — und liefern eine filmische Auseinandersetzung mit gelebtem Glauben, wie man sie faszinierender lange nicht gesehen hat.
Festgemacht wird dies an der Lebensgeschichte einer Frau, die die Shaker-Bewegung mitbegründete: an der 1736 in Manchester geborenen Handwerker-Tochter Ann Lee (im Film oscarreif gespielt von Amanda Seyfried). Nach Konflikten mit der Church of England und wiederholter Gefängnishaft wanderte die Predigerin mit einer Schar von Anhänger:innen in den 1770er Jahren nach Amerika aus und errichtete auf dem Gebiet des heutigen Bundestaats New York eine Gemeinde.
Gegliedert in drei chronologisch angeordnete Kapitel (»Mädchen«, »Frau«, »Mutter«) verfolgt der Film Lees Werdegang von der Kindheit in Manchester bis zu ihrem Tod im Jahr 1784. Dabei geht er weit über die nüchtern-biografische Rekapitulation hinaus und taucht äußerst sinnlich in die Lebens- und Denkwelt der Shaker ein. Wobei nicht zuletzt Musical-Elemente eine wichtige Rolle spielen: Immer wieder geben Gesangs- und Tanzszenen der inneren Bewegung der Gläubigen äußeren Ausdruck.
Der Name »Shaker« beziehungsweise »Shaking Quakers« wurde der Gemeinschaft wegen der ekstatischen Schütteltänze verpasst, die zu ihrer religiösen Praxis gehörten. Diese Tanztradition und die Hymnen der Shaker greifen Fastvold, ihr Ko-Drehbuchautor Corbet und Filmkomponist Daniel Blumberg wirkungsvoll auf und kreieren daraus Szenen, in denen sich das Physische und das Spirituelle verbinden; die Überzeugung der Shaker, dass die göttliche Offenbarung nichts ist, was in der Bibel festgeschrieben, sondern ein lebendiger Prozess ist, manifestiert sich in der Bewegung der Körper und der mit ihnen tanzenden Kamera.
GB/USA 2025, R: Mona Fastvold, D: Amanda Seyfried, Lewis Pullman, Tim Blake Nelson, 130 Min. Start: 12.3.






