Die aus dem Libanon geflüchteten Cousins Reda und Chatila wollen eigentlich nur von Athen nach Berlin, doch die Suche nach Geld, Pässen und einem Transfer verwickelt sie in immer mehr krumme Geschäfte — aus kleinen Gaunereien wird irgendwann geplantes kriminelles Handeln, und die verzweifelnden Geflüchteten finden sich als Schlepper wieder. Die gefühlt hautnahe und authentische Vermittlung eines Lebens auf der Straße, das Einblicke in verschiedenste Milieus gewährt, liegt zunächst an zwei Darstellerleistungen: Chatila, der Frau und Kind nachholen will, verkörpert der Sohn der Schauspiellegende Mohammad Bakri, den labilen Reda spielt ein bekannter Skater, der seine Skills mit einbringt.
Dass »To A Land Unknown«, mit kleinem Budget gedreht und über elf Jahre hinweg geplant, ästhetisch wie inhaltlich ein besonderer »Fluchtfilm« ist, liegt auch in der Dokumentarfilm-Vergangenheit des Regisseurs begründet: Mahdi Fleifel wuchs in Dubai auf und studierte in Dänemark — eine nicht untypische Wanderungsbewegung für die globale palästinensische Diaspora. Seine vielfach ausgezeichneten Dokus umkreisen Männer — Palästinenser — im Transit, in Zwischenräumen, die die Vagheit und Hoffnungslosigkeit an Unorten wie Lagern, Camps und Slums nur mit einer gewissen Exzentrik, einem Irresein — oder mit Drogen bewältigen. Palästinensischer Identität spürt Fleifel seit seinem ersten Film nach: »A World Not Ours« (2012) porträtiert schonungslos, aber auch gewitzt und liebevoll, das Flüchtlingslager Ain al-Helweh, dem seine Eltern entstammen. Ein Protagonist flieht über Syrien und die Türkei nach Griechenland — Bezugspunkt auch für den Reda in »A Man Returned« (2016) und dem Folgefilm »3 Logical Exits« (2020), wo er in Athen an einer Überdosis starb. Die fiktiven Personen Chatila und Reda sind von solchen realen Figuren inspiriert.
Ihre anfänglich episodische, authentisch anmutende Geschichte spitzt sich zusehends zu einem Erpressungs- und Entführungsthriller zu. Hier verschränkt sich Fleifels dokumentarisches Talent mit einem Gespür für filmische Genres und Traditionen. Der drogenabhängige Reda erinnert an die schwachen, haltlosen Figuren »New Hollywoods«. Fleifel bekennt sich zu solchen Referenzen an de Palma, Lumet und Schlesingers »Asphalt Cowboy«. »To A Land Unknown« belegt beeindruckend, wie wichtig Kino für Konstruktion, Erhalt und Selbstbefragung palästinensischer Identität ist.
GR/DK/UK/NL/D/QAT/SAU 2024, R: Mahdi Fleifel, D: Mahmood Bakri, Aram Sabbah, Mohammad Alsurafa, 105 Min, Start: 27.11.






