Tu das Unmögliche!

Von Ska bis Freejazz: Das Festival See the Sound präsentiert Musikfilme auf der großen Leinwand

Es hat Märchenhaftes, wenn Pauline Black am Ende einer langen Reise zu sich selbst erfährt, Tochter eines nigerianischen Prinzen zu sein; noch viel mehr aber erzählt die Doku »Pauline Black: A 2 Tone Story« die Geschichte einer Selbstermächtigung. Bevor die als Belinda Magnus geborene Britin Pauline Black wurde und die charismatische Sängerin der Ska-Band The Selecter, wurde sie in eine weiße Mittelklassefamilie adoptiert, in der Rassismus Alltag war. Zum Bruch mit den Adoptiveltern aber kam es erst, als dem Teenager in bekannter Täter-Opfer-Umkehr vorgehalten wurde, als Babysitterin in einer jungen Familie den Kindsvater verführt zu haben. In Wahrheit hatte der sie fortlaufend missbraucht.

Anerkennung als Schwarze Frau mit jüdischen Wurzeln findet sie erst in der zweiten Welle der Ska-Bewegung Anfang der 80er Jahre — die auch nicht frei ist von Widersprüchen, wenn Skinheads im vorwiegend weißen ­Publikum bei Konzerten nationalsozialistische Parolen Richtung Bühne grölen. Darüber wird die 72-Jährige im Comedia-Theater mit dem Autor Daniel Rachel sprechen, der dort sein Buch »This Ain’t Rock ’n’ Roll: Pop Music, the Swastika and the Third Reich« vorstellen wird (siehe auch S. 69) über das zweifelhafte Spiel vieler Bands und Musiker*innen wie Joy Division, Siouxsie Sioux, Sid Vicious, David Bowie, Keith Moon mit der NS-Ästhetik. 

Neben dieser Veranstaltung sind es natürlich die Filmvorführungen, die das Musikfilmfestival See the Sound auch in diesem Jahr auszeichnen. Thematische Klammern sind lose gesetzt: So wie Punk für Pauline Black indirekt die Tür zur Bühne und zur Musik öffnete, so nutzten auch The Police diesen Neuanfang als Sprungbrett. Das zeigt »Copeland«, der Film eines erklärten Fans des früheren Drummers von The Police. Pablo Aragüés lässt den 73-Jährigen einfach reden, und das macht Stewart Copeland so, wie er Schlagzeug spielt: energiegeladen, hektisch, synkopisch.

Der Sohn eines Jazztrompete spielenden CIA-Beraters wuchs im Nahen Osten auf. Während sein Vater US-Interessen vertrat, sammelte der Sohn erste musikalische Einflüsse und war wenig später clever genug, im Punk einen niederschwelligen Eingang ins Musikbusiness zu finden. Mit »Roxanne« wurden The Police Superstars, bevor Copeland über Francis Ford Coppolas Jugenddrama »Rumble Fish« 1983 zum Film kam und bis heute mehr als 60 Soundtracks komponiert hat. Eine Leistung, die allerdings außer dem von sich selbst euphorisierten Ich-Erzähler kein weiterer ­Akteur einordnet. 

Stewart Copeland redet so, wie er Schlagzeug spielt: energiegeladen, hektisch, synkopisch

Mit »Ensemble Modern — Why We Play« nimmt Regisseur Thorsten Schütte (»Frank Zappa — Eat That Question«) die Zuschauenden mit zu den Proben des Kammerorchesters mit Sitz in Frankfurt, macht sie so zu Zeugen außergewöhnlicher Kollaborationen. Denn das international besetzte Ensemble arbeitet gerne so mit Komponist*innen zeitgenössischer Musik, dass ein stetiger Austausch stattfindet, manchmal um überhaupt erfassen zu können, was da musikalisch gedacht wird, wenn, wie eine Violinistin verrät, eine Partitur aus fünf Seiten Erklärungen besteht und nur aus drei Seiten Noten. 

Festivalleiter Michael P. Aust betont, dass Jazz sehr prominent und vielseitig vertreten ist im diesjährigen Programm. Sun Ra gleich zweimal: In »The Magic City: Birmingham According To Sun Ra« befassen sich Pablo Guarise und Guillaume Maupin mit den Anfängen des 1914 in Alabama, geborenen Avantgarde-Musikers, Arkestra-Zeremonienmeisters und Weltraumphilosophen. Und in »Sun Ra: Do The Impossible« lotet Christine Turner das musikalisch Unmögliche in dessen Schaffen aus. »Beide Filme zusammen ergeben ein interessantes Bild von Sun Ra, ohne dass sich das groß überschneidet, ich finde es super, dass diese Sachen nun auch aufbereitet werden«, so Aust über das Programm. 

Das Spielfilmdebüt von Grant Gee, »Everybody Digs Bill Evans«, wirft einen Blick auf einen großartigen Jazz-Pianisten; in »Diane Warren: Relentless« beleuchtet Bess Kargman eine Songwriterin mit enormem Ausstoß an Welthits; für »Boy George & Culture Club« ist Alison Ellwood tief in die TV-Archive gestiegen, um nie gezeigtes Material präsentieren zu können zu einer Band, die für kurze Zeit eine der schillerndsten des Planeten Pop war. 

See the Sound plant Vorführungen bis in den August, einige davon werden Open Air präsentiert.   

Infos: seethesound.de

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