»Everytime« ist ein Film über die Trauerarbeit der Überlebenden. Die Erzählung beginnt an einem Punkt, an dem die Trauer der alleinerziehenden Mutter Ella und von Melli, der zehnjährigen Schwester der verstorbenen Jessie, bereits verblasst. Was hat Sie an diesem Moment interessiert?
Ich fand es spannend, von der Trauer zu erzählen, wenn die Alltäglichkeit wieder ins Leben hereinkommt. Was mich interessiert hat, war diese Beruhigung — im Wissen, dass die Trauer nicht vorübergeht. Dass sie noch untergründig da ist. Dass sie sich immer wieder doch irgendwie hindurchfräst durch diese Schicht der Alltäglichkeit.
In all Ihren Filmen spielt die Kindheit eine zentrale Rolle. In »Everytime« erleben wir den letzten Teil, der auf Teneriffa spielt, aus der Perspektive von Melli. Was fasziniert Sie an der Perspektive des Kindes?
Ich fühle mich diesem Blick selber nahe. Die Kinder sind vielleicht andere Egos, die ich in mir trage. Sie erlauben eine gewisse Naivität. Man kann über Tabus sprechen in einer Weise, die eine Neugier und eine gewisse Pseudophilosophie beinhaltet. Es gibt eine Unschärfe von Realitäten, die sich durch Kinderaugen viel besser vermitteln lässt. Bei Erwachsenen denken wir sofort an eine Psychose oder sind immer gleich bei Erklärungen. Bei einem Kind können wir das Irrationale einfach zulassen.
Ein Mädchen bewegt sich durch eine Welt, die ihr als Rätsel erscheint, unter einer Sonne, die nicht mehr untergeht
Sandra Wollner
Wie entstand das Drehbuch?
Vor »Everytime« hatte ich eigentlich eine andere Geschichte geschrieben. Sie hieß »People in the Sun« und orientierte sich an dem gleichnamigen Gemälde von Edward Hopper. Sie spielte an einem vertrockneten Meer in einer Welt, in der die Sonne nicht mehr untergeht. Die Protagonistin war ein Mädchen, ungefähr im Alter von Melli, mit einer Sonnenallergie. Und es gab merkwürdige Gestalten, von denen wir nicht wissen, ob sie Klient*innen, Patient*innen oder Urlaubsgäste sind. Es gab keine Nacht mehr. Ich habe dann Christian Krachts Roman »Air« gelesen, und plötzlich fühlte sich meine Geschichte an, als wäre ich damit zwanzig Jahre zu spät dran. Aber das Grundgefühl ist geblieben. Ein Mädchen bewegt sich durch eine Welt, die ihr als Rätsel erscheint, unter einer Sonne, die nicht mehr untergeht. »Everytime« ist ein Film, der zwei Geschichten verwebt.
In Ihrem ersten Film »Das unmögliche Bild« brachte eine Super-8-Kamera und das Filmmaterial die Handlung in Gang. Ist der Gebrauch der Medien bei Ihnen insgesamt eine Metapher fürs Filmemachen?
Der Grund, warum ich angefangen habe, Filme zu machen, war nicht das Gefühl, Geschichten erzählen zu müssen. Sondern ich wollte etwas festhalten. Diese wahrgewordene Erinnerung, diese Séance, die ein Film immer ist, ist der vergebliche Versuch, uns in der Welt zu behalten. Über die Medien leben wir immer mit den Toten. Das schwingt in all meinen Filmen mit. Wir haben sie jetzt in unserer Tasche: kleine Friedhöfe, in denen wir quasi die ganzen Bilder unserer Ahnen herumtragen, der Verstorbenen. Wir sind permanent damit beschäftigt, alles, was wir erlebt haben, all unsere Begegnungen am Leben zu halten. Ein zum Scheitern verurteilter Versuch, uns für die Ewigkeit zu bewahren.
Die Kraft des Kinos kann bei Ihnen die Zeit aufheben.
Ich musste bei »Everytime« auch an die Filme von Chris Marker denken. Ja, unbedingt an »Sans Soleil«. Da ist dieses erste Bild, auf dem die Kinder spazieren gehen und nach hinten blicken. Und dann sagt die Stimme: »Auch wenn sie das Glück nicht sehen können, können sie zumindest das Schwarz sehen.« Und dann schneidet der Film einfach nur ins Schwarz. Das hat sich mir eingebrannt.
Bei der Kamera in »Everytime«, die oft losgelöst wirkt, fragt man sich bisweilen: Wer blickt da eigentlich?
Das ist für mich immer eine wesentliche Frage und interessiert mich prinzipiell am Kino. Die Frage vom Gesehenwerden ist eine zutiefst menschliche Frage. Ich bin katholisch erzogen worden. Beim Aufwachsen glauben wir an eine Gottheit — was für mich irgendwann keinen Sinn mehr ergeben hat. Aber irgendwoher kommt ja dieser Wunsch nach einer Religion oder einem Gott. Oder nach jemandem, der uns wahrnimmt. Kino kann dieses Grundbedürfnis in gewisser Weise stillen.







