Es ist nicht beste Zeit für randständige, unvollendete und ein bisschen um die Ecke gedachte Ideen. Dabei sollten sie in einem Medium mit so niedriger Einstiegshürde wie dem Internet eigentlich einen guten Stand haben. Stattdessen herrscht dort eine andere Erwartung: authentisch soll die Kommunikation sein, aber immer nachvollziehbar präsentiert. Allen Beteiligten ist zwar klar, dass die dabei entstehende Authentizität hochgradig performativ ist, aber so richtig Lust, damit zu spielen, gibt es auch kaum: Der Algorithmus könnte es ja bestrafen.
Auftritt Christoph Narholz. Ein Jahr lang stellte der Theaterwissenschaftler alte Notizen von sich auf dem Instagramkanal »@ein.jahr.aus.allen« ein. Ein Ordnungsprinzip gab es dabei nicht, außer dass jeden Tag eine neue Notiz veröffentlicht wurde. Zusammengehalten wird das alles durch ein loses Versprechen von Subjektivität: Schließlich stammen sie ja alle aus der Feder beziehungsweise dem Kuli von Narholz selbst.
Beim Umblättern von »Knister« wird deutlich, wieviel Fragment in diesem Projekt steckt. Es gibt keine chronologische Handlung und die über das Buch verstreuten Einsichten ins Innenleben sind weit davon entfernt, ein psychologisches Bild ergeben zu können.
»Geh doch erst abends näher an die EZB heran, du siehst den Feuerschein dann besser«, heißt es in einem Eintrag über die Blockupy-Proteste in Frankfurt von 2015, nur um auf der nächsten Doppelseite von einem Blick in den Sonnenuntergang zu erzählen, und nach dem nächsten Umblättern eine harsche Polemik gegen »Diskursteilnehmer« folgen zu lassen, die es sich nicht verkneifen können, »bei jeder Gelegenheit und Aufforderung irgendwo hinzupinkeln«, weshalb »diskrete Propheten« eher Windeln tragen würden. Und zwischen diesen Polemiken finden sich immer wieder kurze Reflektionen über das Personal der intellektuellen Öffentlichkeit. Nicht jede Polemik ist gelungen, nicht jede Reflektion bringt einen weiter, aber gerade in ihrer Beiläufigkeit steckt der Charme.
Damit erinnert »Knister« an eine ganz andere Periode öffentlichen Schreibens: die spannende Hochphase von Blogs gegen Ende der Nullerjahre, als unter Pseudonym ein Erzählen ausprobiert wurde, das nicht unbedingt an das Versprechen von Echtheit geknüpft, aber dennoch persönlich gewesen ist. Gedruckt auf Papier funktioniert es genauso gut.
Christoph Narholz: »Knister«, März, 412 Seiten, 26 Euro







