»Ihre Augen verliefen sich zu Merkmalen ihres Mannes in fremden Gesichtern und Körpern gestreut. Ich fand die trägen Lider Çîyas an den Augen eines anderen. Ich fand sein rundes Kinn an einem anderen Kiefer arrangiert.« Gulistan ist der Name der Protagonistin des gleichnamigen, dritten Romans von Karosh Taha. Unter dem Regime Saddam Husseins wird sie zusammen mit ihrem Mann Çîya Opfer massiver Repression: Sie sind Kurden.
Als ihr Mann spurlos verschwindet, wird Gulistan für ihre Bemühung, ihn zu suchen, von den Behörden nur verlacht. Für ihre stotternde Sprache, für den scheinbar fehlenden Grund, ihren Mann als vermisst zu melden, weist man sie ab und entlässt sie in einen erdrückenden Zustand politischer Unsicherheit, Angst und Isolation. »Vor Gulistan erschienen Menschen wie das Spinnennetz im Höhleneingang für den flüchtigen Propheten. Ihre Körper in der Kleidung der Ertrunkenen verdrehten sich synchron.«
Karosh Taha schreibt in einer lyrischen und bildhaften Sprache, die mit vielen surrealistischen Elementen angereichert, die Entfremdung der Protagonistin zur Geltung bringt. Ihre eigene Orientierungslosigkeit und Suche übertragen sich dadurch aufs Lesen selbst. Man sucht in dieser Sprache voller Bilder und Metaphern nach dem, was eigentlich passiert. So versperrt sich der Text sehr lange gegenüber klassischen Handlungsbögen und wirkt etwas undurchsichtig.
Nach und nach wird jedoch deutlich, dass ein bestimmtes Ereignis das Zentrum des Romans bildet. Als Gulistan in einer Menge steht, findet sie ihren Mann plötzlich wieder. In einem kurzen Moment von Atemlosigkeit und Hoffnung entdeckt sie ihn, nur um dann festzustellen, dass es nicht wirklich Çîya ist. »Çîya war allen Augen und Kugeln ausgeliefert als die Verkörperung des Tyrannen.« Er erscheint ihr als Doppelgänger Saddam Husseins, vielleicht auch als dieser selbst — als eine Art Verwandlung, wie sich auch alles um sie herum in einen Teil des ihr feindlich gegenüberstehenden, paranoiden Systems verwandelt hat: »Sie hatten sein Gesicht gestohlen.« Das Einzige, was Gulistan — von der mal in der ersten, dann auch mal in der dritten Person gesprochen wird — übrigbleibt, ist die Sprache selbst, die versucht, diesen einbrechenden Zustand der Bedrückung und die damit verbundenen Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Es lohnt, sich darauf einlassen.
Karosh Taha: »Gulistan«, Dumont, 160 Seiten, 24 Euro







