In Medellín liegen die Viertel der Armen hoch auf den Hügeln. Der soziale Abstieg verbindet sich mit dem mühsamen Erklimmen der steilen Straßen. Óscar, der Poet, schleppt die betrunkene junge Yurlady zur Wohnung der Eltern hinauf. Gerade hatte sie noch Champagner geschlürft auf einem Festival der Poesie, wo sie gefeiert wurde. Mit dem skurrilen walk of shame ist der Ausflug in die Welt der Bildungsbürger für sie allerdings vorbei.
Dem Dichter Óscar Restrepo ist in den 90er Jahren einmal ein erfolgreicher Gedichtband gelungen. Heute ist er nur noch ein Zerrbild seiner Selbst, er hat Geldnöte und trinkt zuviel. Schon lange gelingt ihm kein Vers mehr, aber er sieht sich immer noch als »poeta«. In seinem Kinderzimmer, das er als über 50-Jähriger immer noch bewohnt, hängt ein Bild seines Idols: José Asunción Silva, der große Dichter des kolumbianischen Modernismo.
Simón Mesa Soto bringt in seinem zweiten Langfilm die sozialen Gegensätze der kolumbianischen Stadt zusammen und findet dabei zu einer Art spiegelverkehrten Version von Bong Joon-hos »Parasite«: Hier dringt die prekär gewordene Bildungsschicht in die Unterschicht ein und versucht, Gutes zu bewirken. Die von der Bildung Ausgeschlossenen sollen für die Poesie gewonnen werden, um ihnen ein Bewusstsein für ihre soziale Situation zu geben. Und wie in »Parasite« schlägt die Unterschicht die Bildungsklasse, mit Resistenz, Resilienz und Sturköpfigkeit — und, im Falle von Yurlady, dem jungen, weiblichen und sozial abgehängten Poesie-Talent, mit der unbestechlichen Liebe zu rosafarbenem Glitzernagellack.
Óscar und Yurlady sind ein großartiges Gegensatzpaar. Besetzt hat Mesa Soto den gestrauchelten Dichter mit dem Onkel eines Freundes, Ubeimar Rios, der sehr authentisch Verzweiflung und tollpatschiges Gutmeinen verkörpert. Rebeca Andrade als Yurlady strahlt eine Teenagerhaftigkeit aus, die sie über alles erhaben macht. Gefilmt wurde von Kameramann Juan Sarmiento G. auf grobkörnigem 16mm-Material mit satten Farbkontrasten, die alles noch plastischer wirken lassen.
»Un poeta« wirft ein hartes Licht auf den Literaturbetrieb. Auch hierzulande sucht man nach Stimmen, die eine Aufstiegsgeschichte über die Klassen hinweg erzählen. »Can the subaltern speak?« — die Frage der postkolonialen Theoretikerin Gayatri Spivak wird hier eindeutig zugunsten der unteren Klasse beantwortet.
CO/D/SW 2025, R: Simón Mesa Soto, D: Ubeimar Rios, Rebecca Andrade, Guillermo Cardona, 123 Min. Start: 12.3.






