»Toxi ist eine Nervensäge, er ist gleichzeitig bis zur klinischen Depression niedergeschlagen und hochmütig wie ein Pfau«, beschreibt Herzchen Goldberg ihren Liebsten Toxibaby, den »schönsten Mann, den man sich vorstellen kann«.
Toxi arbeitet nicht — oder zumindest so wenig wie möglich —, weil er sich lieber »seine Gedanken macht«. Er liest Bücher von Byung-Chul Han, schreibt Texte für linke Blogs, spricht in Foucault-Zitaten und erfüllt auch sonst viele Klischees eines linken Tagträumers, der neben einer zwischen Naivität und Arroganz schwankenden Haltung zur Welt vor allem einen Charakterzug hat: Er ist ein Arschloch. Daraus machen weder die Erzählerin Herzchen noch die Autorin Dana von Suffrin einen Hehl und stellen diese Eigenschaft in immer neuen Konfliktsituationen heraus. »Eine Beziehung zwischen zwei Menschen«, erklärt Toxi seiner Freundin, sei »ein dialektischer Prozess, absolute Harmonie hingegen völlig austauschbar«, ohne Reibung gebe es auch keine Bedeutung.
Toxi fühlt sich gleichzeitig im Stich gelassen und als Mittelpunkt einer riesigen, globalen Kampagne
Jeder von ihm provozierte Streit, jedes weitere Beziehungsende wird von ihm mit einem Überbau versehen, jeder Widerspruch in der eigenen Lebensführung argumentativ zurechtgebogen. Toxi ist überzeugt, »dass seine Lebensumstände, das heißt unsere Gesellschaft, das heißt unser System, das heißt der Spätkapitalismus, schuld waren an allem, was bei ihm verkehrt lief.« Dennoch kann Herzchen auch nach mehr als zehn Trennungen nicht von Toxi lassen, sucht die Schuld stets bei sich, wenn er sich über Wochen nicht zurückmeldet, sie bei WhatsApp blockiert oder ihr vorwirft, ihr soziales, kulturelles und sexuelles Kapital gegen ihn zu wenden. »Wenn Toxi meine Hand nahm, wusste ich, dass ich existierte und dass Toxi auch wusste, dass es mich gab«, resümiert Herzchen, »und dann dachte ich wieder, vielleicht war ich doch schuld an unserer Misere, vielleicht müsste ich nachgiebiger und geduldiger sein, nicht so aggressiv und zynisch.«
Herzchen ist so auf Toxi fixiert, dass sie Ratschläge ihrer Freundinnen ebenso in den Wind schlägt wie jede Vernunft, und sie lernt mit der Zeit, ebenso ein Arschloch zu sein wie ihr Partner. »Ich hatte nicht gewusst, wie sehr man sich an Terror gewöhnen kann und wie sehr man ihn sogar lieb gewinnt«, erklärt Herzchen schon früh im Roman.
Doch die Klischees, die im Verlauf des Textes am Leser vorbeiziehen, sind nur die Oberfläche, in den darunter liegenden Schichten erzählt die 1985 geborene Dana von Suffrin von gänzlich anderen Themen. Der Roman sei auch ein »Kommentar, wie man sich als jüdische Autorin in diesem Land zu verhalten hat«, so die in München lebende Schriftstellerin und Historikerin in einem Interview. Herzchen Goldberg ist wie Dana von Suffrin Autorin, die sich in ihren Romanen mit jüdischen Lebenswegen beschäftigt und Fragen thematisiert, die mit dem Leben im Land der Täter einhergehen. »Die Schuld ist eine jüdische Krankheit«, fasst Herzchen in einer Reflexion über ihre Familie zusammen. »Die Juden fühlen sich schuldig, weil sie sich haben umbringen lassen, oder weil sie überlebt haben, sie fühlen sich schuldig, weil sie in der Diaspora leben und ihre Kinder geschubst werden.« Doch: »Am allerschuldigsten fühle ich mich wegen Toxi.«
Bei Toxi zu bleiben empfindet die Protagonistin als Pflicht und Bürde, ihn zu verlassen allerdings ebenso. So steht Toxi in all seiner Klischeehaftigkeit auch für Fragen, die sich in Deutschland lebende Juden immer wieder stellen, in Zeiten wachsenden Antisemitismus umso dringlicher. Herzchen ist ständigen Erwartungen an sie als Jüdin ausgesetzt und mit Projektionen konfrontiert: »Der Typ im Club fragt mich, wieso ich Ariel Sharon wähle, die Leute auf dem Amnesty-International-Flohmarkt erzählen unserer Mutter, warum Israel ein Apartheidstaat ist, der andere Typ fragt mich, wieso ich so viel Geld habe.«
Toxi wiederum ist der antisemitische Wahn so tief eingeschrieben, dass er ihn auch auf den Alltag mit Herzchen überträgt: »Toxi konnte in der Welt nichts anderes als eine übermächtige Feindin sehen, und vielleicht dachte er sogar, der ganze Planet wäre nur erschaffen worden, um ihn zu ärgern, denn wie bei allen Verrückten kreist Toxis komplettes Denken um einen einzigen Trugschluss: Er fühlt sich gleichzeitig im Stich gelassen und als Mittelpunkt einer riesigen, globalen Kampagne.« Und so bleibt Herzchen alleine mit ihren Zweifeln und Fragen, da der stets nur um sich selbst kreisende Toxi unfähig ist, sie überhaupt nur zu hören.
RomanDana von Suffrin: »Toxibaby«
KiWi, 240 Seiten, 23 EuroLesung
Mo 18.5., Literaturhaus, 19.30 Uhr







