Ungeklärte Fragen

Es ist kompliziert: Nanette Snoeps Amtszeit als Direktorin des »Rautenstrauch-Joest« verlief nicht frei von Reibungen und Spannungen. Was genau ist da in ­einem der wichtigsten ­Museen der Stadt passiert? Wir versuchen eine Bilanz

Schlagzeilen schrieb die Direktorin des Rautenstrauch-Joest-Museums (RJM) in den letzten Jahren zuhauf. Die meisten Artikel zur Arbeit der Niederländerin fielen kritisch aus, Vorwürfe aus der eigenen Beleg­schaft wurden laut, auch das Programm des Ethnologiemuseums am Neumarkt geriet ins Visier der Kritik. Jetzt endet Nanette Snoeps Vertrag nach mehr als sieben Jahren, was an sich nicht ungewöhnlich ist, die Begleitumstände sind es aber schon. Wie ein Interview mit dem Kölner Sammler Karl-Ludwig Kley aus dem Kölner Stadt-Anzeiger demonstriert. Kley lässt sich da wie folgt zitieren: »Ich würde Frau Snoep nie auch nur ein Kunstwerk anvertrauen«. Ein ­beispielloser Affront. Wie konnte es so weit kommen?

Es fing mit Applaus und Vorschusslorbeeren an: Die Ernennung zur neuen Direktorin und damit zur Nach­folge­rin von Klaus Schneider, der das Museum 18 Jahre leitete und den Umzug vom Ubierring ins Kulturzentrum am Neumarkt (KAN) managete, wurde nicht nur regional, sondern auch im In- und Ausland begrüßt. Sie war ein wichtiges Signal für die Kulturstadt Köln. Internationales Renommee war nicht mehr nur etwas gefühltes und Wunsch der Stadtgesellschaft, sondern schien mit Snoep Realität zu werden. Snoep, 1971 in Utrecht geboren, brachte eine mehr als vorzeig­bare Vita mit. Sowohl im ­Pariser Musée du quai Branly, als auch an den Staatlichen Ethnographischen Samm­lungen Sachsen bewies die ­Kulturanthropologin, dass ihr experimentelle Präsentationsformen liegen, dass sie Museen erneuern und deren Programm erweitern kann. Snoep war dafür bekannt, Museen, die diskursiv feststecken und auf Fragen zu Identität, Interkultur, Transtraditionalismus oder post-koloniales Sammeln keine Antworten mehr liefern ­können oder wollen, zu verjüngen und ins 21. Jahrhundert zu holen. Perfekte Voraussetzungen für das RJM, das ­eines der wichtigsten ethnologischen Häuser West- und Mitteleuropas ist und das einzige in NRW.

Manche aber sehen es so, dass mit dem Tag ihres ­Antritts das Unheil seinen Lauf nahm. Nicht alle Angestellten — und besonders jene, die schon viele Jahre am Haus waren — ­seien einverstanden gewesen mit dem ­frischen Wind und der von Snoep forcierten »Dekolonisierung« der Sammlung. Schnell, so berichteten es Artikel in der Tagespresse, sollen sich zwei Lager aufgebaut ­haben: die Alten und die Progressiven. Ein eskalierender Streit in Zeiten des Kulturkampfs zwischen Konservativen und Linken? Klingt plausibel. Aber ist ­diese Darstellung richtig?

Ein eskalierender Streit in Zeiten des Kulturkampfs ­zwischen Konser­vativen und Linken? Klingt plausibel. Aber ist diese ­Darstellung richtig?

Immer wieder war von einer Spaltung des Teams die Rede. 2021 wendete sich dann ein Teil des Teams, insgesamt 18 Mitarbeiter*innen, in einem Brief an die damalige Oberbürgermeisterin Henriette Reker. Dieser Brief, so eine der Unterzeichner*innen, die aus Furcht vor arbeitsrechtlichen Folgen anonym bleiben möchte, sei ein Hilferuf, die Stimmung im Haus soll fatal gewesen sein.

Ein gescheitertes Mediationsverfahren, weitere Streits, Unmengen an interner Kommunikation und Sitzungen später, folgte 2023 ein weiterer Brief an die Oberbürgermeisterin. Auch dieser wurde an die Presse durchge­stochen, war diesmal sogar von 23 Mitarbeiter*innen — bei damals 43 Mitarbeitenden im Museum — unter­schrieben. Jetzt wurde die Misere deutschlandweit rezipiert, OB Reker und Kulturdezernent Stefan Charles mussten handeln: Es wurde die Stelle der Geschäfts­führenden Direktor*in geschaffen, die anderthalb Jahre von Michael Lohaus aus dem städtischen Planungsreferat interimsmäßig übernommen wurde. Seit Januar 2025 ­bekleidet Anne Fischer die Stelle. Mit ihr ist wieder Ruhe in die administrativen Abläufe des Museums eingekehrt, wie uns eine Mitarbeiter*in bestätigt, dafür sei die ­programmtische Führungskrise so eklatant, dass an ­Museumsarbeit kaum zu denken sei. Die Mitarbeiter*in analysiert: »Es ist kein Zufall, dass es in den sieben Jahren unter Nanette Snoep nur zwei große Sonderausstellungen gab. Erstens war der Betrieb ohnehin durch ständige Störfeuer erschwert, zweitens lag Nanette Snoep insgesamt wenig an der ­Planung.«
In ihrer ganzen Zeit habe es nur zwei oder drei Planungs­sitzungen gegeben, heißt es. In anderen Kölner Museen kommt man monatlich bis halbjährlich zusammen. Länger­fristig werde im RJM nicht geplant, was größere Projekte verunmögliche. Stattdessen ziehe Snoep ihre Ideen und Ausstellungen im Alleingang durch — mit Hilfe von ex­ternen Kräften. Der Rest des Museums müsse »spontan improvisieren, damit wir überhaupt Ausstellungen auf die Beine gestellt bekommen«. Und wenn das mal gelinge, dann gegen den Widerstand der Direktion. Auch heute, so die Mitarbeiter*in, könne man die Aufzählung aus dem Offenen Brief von 2023 wiederholen: Snoep zeichne sich durch »Intrans­parenz, Desinformation, Geheimhaltung, Klientelpolitik, Exklusion und Chaos« aus.

Interessanterweise widerspricht eine weitere ehe­malige Mitarbeitende der öffentlich so gerne behaupteten »Spaltung in zwei Lager«. Bereits 2023 formulierte diese gegenüber der Stadtrevue: »Es herrscht ein Krieg auf dem Flur. Der hat aber nichts mit Politik oder unterschiedlichen Ansichten zu Dekolonisierung zu tun.« Snoeps Motto sei: Teile und Herrsche. Schon damals lautete die Vermutung, die Chefin versuche so lange Unruhe im Team zu stiften, bis alle unliebsamen Mitarbeiter*innen gefrustet die ­Flinte ins Korn werfen.

Sollte das der Plan gewesen sein, ging er nicht auf. Zwar gab es in den Jahren unter Snoep eine höhere Fluktuation als in anderen Museen, zur Glättung der Wogen hat das nie geführt. Ganz im Gegenteil: Dem Kultur­dezernenten Stefan Charles wurde es vor einigen Wochen zu bunt. Er verlängerte den Ende des Jahres auslaufenden Vertrag nicht. »Aber auch Stefan Charles hat keine gute ­Figur gemacht«, findet eine Mitarbeiter*in. »Er verhielt sich sehr passiv in der Geschichte. Ohne die — ungewollte — ­Veröffentlichung der Briefe an Frau Reker, wäre nichts geschehen.« Erst durch das deutschlandweite Interesse an der Causa hätten sich Schritte wie die Besetzung einer geschäftsführenden Direk­torin ergeben. Dass das Media­tions­verfahren zu dem Zeitpunkt schon länger gescheitert war, habe den Kulturdezernenten wenig interessiert.

Das sieht dieser naturgemäß anders. »Hinweise aus der Belegschaft — unabhängig von ihrer Form — werden grundsätzlich ernst genommen und sorgfältig geprüft«, schreibt ­Stefan Charles auf Anfrage der Stadtrevue. Seit seinem Amtsantritt am 1. Oktober 2021 habe er sich »ein eigenes Bild der Situation gemacht und frühzeitig Maßnahmen zur Verbesserung von Arbeitsstrukturen und Kommunikation angestoßen. Dazu zählten Gespräche mit verschiedenen Akteur*innen im Haus, teils unter Einbeziehung externer Expertise.« Warum sich bis 2023 und zur Veröffentlichung des zweiten Briefs der Belegschaft die Lage im ­Museum weiter zugespitzt hat, erklären die Ausführungen nicht. Was jedoch stimmt: »Seit der Übernahme der Funktion durch Anne ­Fischer am 1. Januar 2025 ist eine Stabilisierung zentraler Abläufe im RJM erkennbar.« Das reichte offensichtlich nicht, um den Vertrag von Nanette Snoep zu verlängern. Auf die Frage, was die Gründe für die Nichtverlängerung gewesen seien, lässt sich Stefan Charles nicht in die Karten schauen: »Die Entscheidung, einen Vertrag nicht zu verlängern, (...)  lässt keinen isolierten Rückschluss auf einzelne Vorwürfe zu.« 

Nach der umfangreichen Berichterstattung in den letzten Jahren klingt das eher nach einer genutzten Chance, ohne großen Gesichtsverlust einen unvermindert brodelnden Unruheherd abzuschalten. Inhaltlich möchte man indes gar nicht so viel ändern: Die öffentliche Ausschreibung für Snoeps Nachfolger*in liest sich nicht, als wünsche die Stadt eine generelle Neuausrichtung. Das Profil soll fortgeführt und weiterentwickelt werden, die Programmatik klar und zeitgemäß sein, macht man noch vor dem ersten Vorstellungsgespräch klar. Lässt sich so das Narrativ von der Zwei-Lager-­Spaltung im Museumsteam aufrechterhalten, wenn man doch den Kurs unverändert fortführen möchte?

Die Stadtrevue hat auch Nanette Snoep um ein Gespräch über ihre Jahre in Köln gebeten. Dies ließ sich trotz wochenlanger Bemühungen nicht arrangieren; warum das so ist, darin scheinen das zuständige Presseamt und die Direktorin uneins. Auch schriftlich antwortete sie nicht auf die Fragen, wie sie das eigene Schaffen als ­Kuratorin und Direktorin bewertet, sowie die Vorwürfe, die in den öffentlichen Briefen laut wurden. Aus einer vorliegen­den E-Mail, in der sie erklärt, warum sie sich nicht ­äußert, dürfen wir nicht zitieren.

Dass das Mediationsverfahren schon ­länger gescheitert war, hat den ­Kulturdezernenten wenig interessiert
 

Stattdessen haben sich verschiedene Mitarbeiter*innen und Kooperationspartner*innen bei der Stadtrevue gemeldet. Unter ihnen sprechen einige davon, dass man Snoep einen Maulkorb verpasst habe. Sie wünschen sie eine neue Perspektive auf die Direktorin und würdigen ihre Arbeit. Ein Mitarbeiter schreibt, dass Nanette Snoep inspirierend sei, Haltung beweise und eine Vision habe. Bisher habe die Presse nur mit den »Nörglern« gesprochen, was den Blick auf die Direktorin verzerrt habe. ­Dabei habe sie durch ihre Fähigkeit, Drittmittel zu akquirieren, einiges angestoßen und besonders viele Kooperationen und Events ermöglicht. 

In den Einlassungen der Fürsprecher*innen wird zwar mitunter auf die schlechte Stimmung eingegangen. Es sei dies aber eine »Geschichte von falschen Erwartungen, Selbstüberschätzung, verletztem Stolz und Machtverlust« — so jedenfalls ein Brief, den eine Mitarbeiterin 2025 an die Mitglieder des Kulturausschusses gesendet hat. Auch Kulturvereine und -initiativen haben sich bei der Stadtrevue gemeldet: Sie sind voll des Lobes für die die Zusammenarbeit und freuen sich über die Öffnung Richtung Stadtgesellschaft, die unter Snoep vollzogen worden sei. Vor allem der freien Szene habe sie, ­anders als andere städtische Häuser, die Türen geöffnet.

Und es gibt weitere Fürsprecher*innen, die aber ebenfalls anonym bleiben wollen. Ihnen zufolge ist es vor allem ein »Männerzirkel aus Marienburg« gewesen, der gemeinsam mit dem »dekolonisierungskritischen« ­Kölner Stadt-Anzeiger die Kritik an Snoeps Arbeit früh ­forciert und so die Arbeit der Direktorin unterminiert habe. Im Raum stehen sexistische, ausländerfeindliche und antisemitische Motive. 

Eine solche Verschwörung gegen Nanette Snoep wird nur schwer zu beweisen sein. Halten wir uns deshalb an die Fakten. Vieles spricht dafür, dass die damalige OB ­Reker und Stefan Charles die Situation im Museum nach dem ersten Brief falsch eingeschätzt und zu zaghaft agiert haben. Es bestand eine Spaltung im Team, die aber nichts mit politischen Lagerstellungen zu tun hat. Das Team ist bis heute zerrüttet geblieben, wie wir in den Recherchen feststellen konnten. Diese ­Wogen zu glätten, wird eine Mammutaufgabe für die Nachfolger*in. Ohne Frage, haben diese Zerwürfnisse der Arbeit und dem Programm des Museums geschadet. Wie groß der Anteil von Snoep an dieser Situation ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander.

Kann man die Amtszeit von Snoep programmatisch positiv bewerten? Immerhin fallen die Rückgabe und ­gelungene Präsentation der Benin-Bronzen in die Zeit; es gibt heute ein innovatives Angebot für Kinder, der ­Space4Kids; Snoep sind etliche Kooperationen mit Kölner Institutionen und Initiativen gelungen; das RJM zählt zu den drei meistbesuchten Museen in Köln. Das Interesse an ethnologischen — und unter Snoep auch dekolonialen — Themen scheint ungebrochen. So positiv dies ­wiederum klingen mag, wurden die letzten Jahre von Vorwürfen, verzweifelten Mitarbeiter*innen und ­ihren Briefen ­überschattet. Nanette Snoep organisiert und plant in der Zwischenzeit ihre Abschiedsausstellung. Der Titel wurde bereits lanciert: Return. Wer oder was retourniert wird, das ­werden wir aller Voraussicht erst im Herbst erfahren.

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