»Vaterland« von Paweł Pawlikowski

Paweł Pawlikowski erzählt konzis und zugleich komplex von Thomas Manns Reise nach Deutschland im Jahr 1949

Klaus und Erika Mann reden immer nur von »er« und »ihm«, wenn sie von ihrem Vater sprechen. In den ersten Minuten von Paweł Pawlikowskis »Vaterland« telefonieren die beiden miteinander. Im Mittelpunkt ihres Gesprächs steht Thomas Mann, ihr Vater, oder besser, ihr Übervater: Literaturnobelpreisträger, während des Zweiten Weltkriegs Stimme des »guten« Deutschlands aus dem US-Exil ­heraus und distanziertes Familien­oberhaupt mit sechs Kindern.

Klaus Mann sitzt nackt mit dem Telefonhörer in der Hand auf dem Boden seines Hotelzimmers in Cannes. Erika am anderen Ende der Leitung bleibt zunächst unsichtbar. Sie versucht Klaus zu ­einem Treffen zu überreden. Mit ihrem Vater wird sie demnächst aus Los Angeles nach Deutschland kommen — zum ersten Mal seit der Übersiedlung der Familie in die USA im Jahr 1938. Anlass der Reise, elf Jahre und ein Weltkrieg später, ist der 200. Todestag Goethes am 28. August 1949, zu dem Thomas Mann im neu geteilten Deutschland sowohl in West als auch Ost Preise verliehen werden sollen.

Klaus Mann macht sich am Tele­fon darüber lustig, dass sein Vater offenbar wählen solle zwischen »Stalin und Mickey Mouse«. Und er macht deutlich, dass er wenig Interesse hat, ihn zu sehen, geschweige denn ins nur oberflächlich entnazifizierte Deutschland zurückzukehren. Erika kann ihren Bruder zumindest dazu bringen, dass er es sich noch einmal überlegen will, doch zu kommen, um die geliebte Schwester zu sehen.

Minutenlang bleibt die Totale unbewegt auf August Diehl, der Klaus Manns weltmüdem Sarkasmus Stimme und Gesicht gibt. Der Minimalismus wird visuell verstärkt durch Pawlikowskis Entscheidung, wie schon in seinen letzten beiden Filmen »Ida« (2013) und »Cold War« (2018), in Schwarz-Weiß und dem schmalen 4:3-Format zu drehen. Dennoch, in diesen wenigen Minuten sind die Hauptfiguren der Erzählung bereits charakterisiert und die Konflikte des familiären Innen und politischen Außen mit größter erzählerischer Ökonomie umrissen — viel Zeit bleibt Pawlikowski auch nicht, dauert sein Film doch trotz der gewichtigen Themen nur schlanke 82 Minuten.

In wenigen Minuten sind die Hauptfiguren der Erzählung charakterisiert und die Konflikte des familiären Innen und politischen Außen umrissen

Eingeführt wird Thomas Mann, ein perfekt besetzter Hanns Zischler, im Bild wortlos auf seiner Fahrt durch das kriegszerstörte Frankfurt hin zu einem Treffen mit den Honoratioren der Stadt und zu einer Pressekonferenz. Ein Journalist der Süddeutschen Zeitung fragt Mann, warum er denn unter den Nationalsozialisten nicht in die innere Emigration gegangen sei, statt in die USA auszuwandern. Manns trockene Antwort: »Dann wäre ich jetzt tot.« Ähnlich klar verhält sich Mann gegenüber den Enkeln von Richard Wagner, die ihn bitten, sich für die Wiederaufnahme der Festspiele in Bayreuth einzusetzen, während Erika auf dem gleichen Empfang ihrem Ex-Mann Gustaf Gründgens gar eine Ohrfeige gibt, als der Verständnis für seine Kollaboration mit den Nazis einfordert.

Mit ehemaligen Nazis bekommen es die Manns nicht zu tun, als sie in Weimar eintreffen, wo Thomas Mann ebenfalls über Goethe sprechen soll. Dennoch gibt es Ähnlichkeiten: Auch die neuen Machthaber im Osten wollen den weltberühmten Schriftsteller vereinnahmen, ihn zum Aushängeschild eines neuen Deutschlands machen. Doch Mann, der sich allein der gemeinsamen deutschen Sprache verpflichtet fühlt, mag sich weder vor den Karren von Stalin noch von Mickey Mouse spannen lassen.

Zwischenzeitlich hat Vater und Tochter eine tragische Nachricht ereilt: Klaus Mann hat in Cannes Suizid begangen. Was Thomas Mann zunächst scheinbar unberührt lässt, aber die Spannungen mit seiner Tochter, eine wie immer brillante Sandra Hüller, auf der Reise verschärft.

Im Film kommt diese Nachricht erst, als Erika und Thomas Mann schon länger in Deutschland sind, in Wahrheit nahm sich Klaus Mann das Leben bereits Wochen vor der Ankunft der Manns in Frankfurt. Und noch entscheidender: Thomas Mann reiste 1949 nicht mit seiner Tochter Erika nach Deutschland, sondern mit seiner Frau Katia. Pawlikowski und sein Ko-Drehbuchautor Henk Handloegten nehmen sich solche Freiheiten, um die Zeit- und Konfliktlinien in ihrem Film zu verdichten. Und das gelingt ihnen beeindruckend: »Vaterland« ist ein Film über die Manns und das unmittelbare Nachkriegsdeutschland geworden, der in seiner konzisen Komplexität seinesgleichen sucht. Ein kurzer Hinweis auf die historischen Fakten wäre im Abspann dennoch angebracht gewesen.

PL/D/I/F 2026, R: Paweł Pawlikowski, D: Sandra Hüller, Hanns Zischler, August Diehl, 82 Min. Start: 3.9.

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