Sieht so ein »Flüchtlingsstrom« aus? 0,3 Prozent der Kölner, das sind etwa 3300 Menschen, besaßen Mitte Februar den Status eines Flüchtlings, 65 kommen monatlich dazu. Vor zehn Jahren waren es noch mehr als 4000. Trotzdem ist beim Wohnungsamt von »hohen Zugangszahlen in den ersten Wochen 2014« die Rede. Die CDU sieht gar einen »Flüchtlingsstrom«, Susana Dos Santos-Hermann (SPD) spricht von »berechtigten Ängsten« in der Bevölkerung.
Dabei teilen sich viele Kölner ein Problem mit den geflohenen Neu-Kölnern: Sie wohnen nicht gut. Die Massenunterkunft auf der Herkulesstraße verstößt gegen das Flüchtlingskonzept der Stadt, die dezentrale Unterbringung in Pensionen ist teuer. Deshalb hat die Stadt jetzt Wohncontainer gemietet, die sie an zehn Standorten aufstellen möchte. Bis zu 80 Menschen könnten dort jeweils untergebracht werden, also insgesamt 800. Bis Ende 2015 sollen 630 Flüchtlinge untergebracht sein, so Stefan Ferber, Leiter des Wohnungsamtes. »Das sind 12 bis 14 Quadratmeter pro Person«. Nur wie die Container beschaffen sind, scheint im Moment kaum jemand zu wissen. »Bilder aus dem Inneren wurden nicht gezeigt«, berichtet Claus-Ulrich Prölß vom Kölner Flüchtlingsrat nach einer gemeinsamen Sitzung von Verwaltung und Flüchtlingsinitativen.
Fünf Jahre sollen die Container als Übergangslösung dienen. Doch gebraucht werden sie vermutlich länger. Nicht nur wegen des erhöhten Zuzugs, sondern auch, weil der Bau neuer Wohnheime in Longerich und Sürth hinausgezögert wurde, durch Taktieren der CDU im Stadtrat und der Bezirksvertretung Nippes sowie durch Anwohnerproteste. In Sürth stellten Ende 2013 Unbekannte über Nacht auf einer Wiese Grablichter und Kreuze auf, die die Namen der umliegenden Straßen trugen. Bürger sorgten sich um den Wert ihrer Grundstücke oder darum, dass der Schulweg ihrer Kinder an der Unterbringung vorbeiführen könnte.
Claudia Roche nahm das zum Anlass, mit Freunden die Initiative »Willkommen in Sürth« zu gründen. »Wir haben hier eine sehr familiäre, bildungsbürgerliche Atmosphäre«, sagt sie. »Diese Strukturen halten es aus, Flüchtlinge zu integrieren.« Und man wolle zeigen, dass Flüchtlinge Sürth auch bereichern können, sagt Roche. Mittlerweile hat sich im Kölner Süden ein Netzwerk aus Kirchen, Schulen, Sport- und Bürgervereinen gebildet, dass sich für eine »Willkommenskultur« samt kostenlosen Deutschkursen und Sportunterricht einsetzt. Roche warnt aber auch vor Naivität. »Wenn jemand ehrenamtlich einen Häkelkurs anbieten will, müssen wir erst mal herausfinden, ob die Menschen überhaupt häkeln wollen.«
Gerade baut man Kontakt nach Godorf auf, wo bereits Flüchtlinge untergebracht sind, allerdings in kleinen Zimmern und mit Gemeinschaftstoiletten. Zwischen 100 und 140 Menschen werden insgesamt in beiden Unterkünften wohnen können — allerdings nicht vor Mitte 2015. Bezirksbürgermeister Mike Homann (SPD) unterstützt die Idee einer »Willkommenskultur«. Er hat ein »Flüchtlingsnetzwerk Köln-Süd« initiert, in dem neben den gesellschaftlichen Gruppen auch Vertreter von Polizei, Verwaltung und dem Kölner Flüchtlingsrat vertreten sind.
Wobei noch offen ist, von wem die Flüchtlinge selbst professionelle Unterstützung erhalten. Linkspartei, Deine Freunde und Freie Wähler brachten im Februar einen Antrag in den Rat ein, der zwei Sozialarbeiter für die Flüchtlinge sowie eine unabhängige Ombudsperson als Ansprechpartner in Streitfällen vorsah. Der Flüchtlingsrat war dafür, Verwaltung und Ratsmehrheit nicht. Der Antrag wurde abgelehnt. Es sei sinnvoll, wenn »Sozialarbeiter des Wohnungsamtes oder des Betreuungsträgers« diese Aufgabe übernehmen würde, meint Stefan Ferber vom Wohnungsamt.
Doch Flüchtlinge haben Probleme, die sich allein mit den Mitteln eines Wohnungsamtes nicht lösen lassen. Den Menschen kann gegenüber Ämtern oder Betreibern von Wohnstätten nur sinnvoll von unabhängigen Instanzen geholfen werden. Bereits jetzt wird Kritik an der Verwaltung laut. In Sitzungen des Rates ist es mittlerweile ein erprobtes Spiel: FDP und CDU werfen der Verwaltung »Geheimverfahren« vor, SPD und Grüne verteidigen deren Vorgehen — und Sozialdezernentin Henriette Reker (SPD) kündigt an, dass man weiter prüfe und nach Lösungen suche.
Aber das zieht sich hin. »Unser Verfahren ist noch in der Prüfung«, erzählt Martin Jungk vom Parkhaus-Studio an der Neusser Landstraße. Er plant ein gemeinsames Projekt mit Flüchtlingen, die demnächst auf dem Gelände untergebracht werden sollen (siehe StadtRevue 2/2014). Zunächst muss allerdings erst wieder eine gewerbliche Nutzung des Tonstudios genehmigt werden, denn das Gebäude war bereits zum Wohnraum deklariert worden. Aber auch dafür benötigt die Verwaltung viel Zeit. Und so beträgt auch die Aufenthaltsdauer in den Containern an der Herkulesstraße mittlerweile schon acht Monate. »Zu lang«, findet Claus-Ulrich Prölß vom Flüchtlingsrat. Stefan Ferber entgegnet, es sei halt schwierig, in »stark nachgefragten Kölner Stadtteilen« wie Ehrenfeld oder Nippes bebaubare Flächen zu finden. Gefragt wäre hier der öffentliche Wohnungsbau, meint Prölß dazu, etwa die städtische Wohnungsbaugesellschaft GAG. »Denn Flüchtlinge und normale Mieter haben im Wohnungsbau die gleichen Interessen.«






