Thea Mantwills zweiter Roman »Gescheiterte Sterne« wirkt wie eine verträumte Selbstbefragung, eine in Romanform gegossene essayistische Auseinandersetzung mit den Themen Schlaf, Arbeit, Intimität und Zugehörigkeit. Ich-Erzählerin Ariane, die nach ihrem Studium beginnt, bei einer Autoversicherung zu arbeiten, fährt Nacht für Nacht neben Sam mit dem Bus durch die Stadt, in der Wohnraum knapp ist. Sam hat seine für Schlafplätze notwendige, aber verloren gegangene ID-Card, nicht erneuert. Eine Erneuerung war undenkbar, solange sie die Zuordnung zu einem von zwei binären Geschlechtern voraussetzte, mit denen Sam sich nicht identifiziert.
Meist im Präsens, seltener mit ein wenig Melancholie in Vergangenheitsform, berichtet Ariane von ihrer gefühlten Realität, den Menschen, die sie umgeben und von ihren eigenen Unsicherheiten. Als Sam — bisher fast jeden Tag an Arianes Seite — einen Ort für sich bei den Queens in einem Haus am Stadtrand gefunden hat, ist Ariane plötzlich allein. So wird das dem Erzähltext vorangesetzte Paris-Hilton-Zitat »Folge deiner Neugier« mehr und mehr zu ihrem Programm.
Denn wie der Text assoziativ Gedanken an- und nachschaut, sammelt, auftürmt, spaziert Ariane ihren Impulsen folgend eher mäandernd als zielgerichtet durch die Stadt. Was den zwei als Duo nicht gelang, weil Sam weder ID-Card noch Festanstellung vorzuweisen hatte, kann Ariane sich alleine erlauben. Sie folgt dem visuellen Wink des Schriftzugs »PINK ELEPHANT«, da ihr die Typo gefällt, und endet in einem der Schlafclubs, in dem es ihr bald zum ersten Mal seit langem wieder gelingt, durchzuschlafen.
»Die Schlafclubs sind günstiger als Hotels, die sich in dieser Stadt ohnehin fast niemand mehr leisten kann, aber teurer als die öffentlichen Mehrbettenschlafsäle und Schlafkojen der Stadt, lieblose, wabenartige Schlafplätze, gebaut, um dem offensichtlichen und grassierenden Problem der Stadt Einhalt zu gebieten und ihre Bewohner:innen funktionstüchtig, also arbeitsfähig, zu halten«, erklärt Ariane in dieser nicht weit entfernt wirkenden Dystopie. Haben sich doch Union und SPD gerade erst darauf geeinigt, die Vergesellschaftung großer Mietwohnungsbestände, wie sie im Volksentscheid 2021 in Berlin angedacht waren, kategorisch auszuschließen.
Mantwills Roman hingegen gelingt es dank Überlegungen zu Solidarität und Geborgenheit, ein zuversichtliches Gefühl zu hinterlassen.
Korbinian, 160 Seiten, 22 Euro







