Stephan Stübner steht vor einem Haufen Sand und sagt: »So viel gibt Phantasialand für die Brühler aus«. Stübner, Mitglied vom Klimabündnis Brühl, ist zum Busparkplatz des Freizeitparks gekommen, um zu zeigen, wie das Phantasialand seine Bauauflage umsetzt. Vorher war hier eine Waldsenke, die Regenwasser auffing. Sie wurde für den Parkplatz gerodet — mit der Auflage, dass Regenwasser auf dem Platz verbleiben und nicht die Straße zu den Anwohner:innen im tiefer gelegenen Stadtteil Eckdorf hinunterlaufen dürfe. »Die Bauauflage gilt aber nicht für Starkregen, sondern nur für normalen Regen«, sagt Stephan Stübner. Entsprechend wenig hielt der Sandhügel 2024 einem Starkregen stand, der die Straße vom Busparkplatz zur Wohnsiedlung in einen regelrechten Fluss verwandelte, wie Videos zeigen.
Stephan Stübner könnte bald mit einem ähnlichen Problem konfrontiert sein: Er wohnt in der Nähe des rund 14 Hektar großen Naturschutzgebietes Ententeich, das mit einem Gefälle von etwa 70 Metern zu den Wohngebieten im Villewald liegt. Es besteht aus Mischwald, Sumpfgebiet, Flachmoor und dem See Ententeich. All das soll zerstört und versiegelt werden, weil Phantasialand seinen Freizeitpark erweitern möchte. »Wir haben Sorge, dass für uns ein ähnlich dürftiger Hochwasserschutz erbaut wird wie auf dem Busparkplatz«, sagt Stübner. »Wie sollen wir noch Vertrauen in die Bauleitplanung haben?«
Stübners Klimabündnis ist Mitglied beim »Netzwerk NSG Ententeich«, das sich Anfang des Jahres für den Erhalt des Naturschutzgebietes gebildet hat. Dem Netzwerk geht es nicht nur um den Schutz der Anwohner:innen, sondern vor allem um den Präzedenzfall, den die Freizeitparkerweiterung schaffen würde. Noch nie sei in Deutschland ein Naturschutzgebiet einer solchen Größenordnung für die Erweiterung eines privaten Unternehmens geopfert worden, sagt Stübner. »Wenn das passiert, könnten auch andere Kommunen ihre Naturschutzgebiete entwidmen«, fürchtet er.
Laut dem Phantasialand muss der Freizeitpark expandieren, um im Wettbewerb mit anderen Parks weiterhin attraktiv und damit rentabel bleiben zu können. Schon in einer Broschüre aus dem Jahr 2008 forderte Phantasialand mit demselben Argument eine Erweiterung, sonst müsse der Freizeitpark schließen. Allerdings erfreut er sich großer Beliebtheit: In der Saison 2025/2026 landete der Park beim »Parkscout Publikums Award« auf Platz 1 der am besten bewerteten Freizeitparks Deutschlands.
»Die steigenden Kosten für Investitionen und Betrieb lassen sich nicht allein auf den Preis für ein Tagesticket umlegen«, schreibt uns Ralf-Richard Kenter, Beauftragter der Geschäftsführung des Phantasialands. Deshalb müsse sich der Freizeitpark zum »Kurzurlaubsziel« entwickeln, denn Kurzurlauber:innen planten mit einem »etwa dreimal so hohen Tagesbudget wie Tagesgäste«. Andere an den Park angrenzende Flächen seien für die Erweiterung geprüft worden, doch das Naturschutzgebiet sei als »einzig mögliche« Fläche übriggeblieben.
Wenn das passiert, könnten auch andere Kommunen ihre Naturschutzgebiete entwidmen
Stephan Stübner, Klimabündnis Brühl
Nach dem Bundesnaturschutzgesetz darf ein Naturschutzgebiet nur von seinem Status befreit werden, wenn »dies aus Gründen des überwiegenden öffentlichen Interesses, einschließlich solcher sozialer und wirtschaftlicher Art, notwendig ist« oder »die Abweichung mit den Belangen von Naturschutz und Landschaftspflege vereinbar ist.« Was eine Erweiterung des Phantasialands der Stadt Brühl konkret brächte, ist bisher nicht beziffert. Die Stadt argumentiert mit wirtschaftlichen Vorteilen durch mehr Arbeitsplätze, Tourismus und Gewerbesteuereinnahmen. Auf Nachfrage schreibt sie jedoch: »Es gibt seitens der Stadt keine Berechnungen dazu, wie sich die Erweiterung des Phantasialand auf die Einnahmen der Gewerbesteuer auswirkt.« Die Begründung: »Die Höhe der Gewerbesteuern unterliegt dem Steuergeheimnis und ist damit nicht öffentlich zugänglich.« Unklar bleibt auch, was im Erweiterungsgebiet gebaut werden soll. Schon lange ist die Rede von einem Aquapark-Hotelressort und einer Veranstaltungshalle. Ralf-Richard Kenter vom Phantasialand schreibt auf Nachfrage: »Erst mit den Festlegungen im Bebauungsplanverfahren wird es eine konkrete Planung geben.« Stephan Stübner vom Klimabündnis Brühl fragt sich: »Wie soll man über die Erweiterung eines Freizeitparks entscheiden, wenn es dazu kaum Informationen gibt?«
Die Weichen für die Expansion sind seit 2022 gestellt: Damals schlossen das Land NRW und das Phantasialand einen Tauschvertrag, mit dem das Naturschutzgebiet Ententeich in den Besitz des Freizeitparks überging. Das Land NRW erhielt im Gegenzug eine Fläche von etwa 38 Hektar Privatwald. Den hatte das Phantasialand wenige Tage vor Vertragsabschluss erworben. Er liegt im Grünzug der Ville in der Nähe von Brühl. Weil die Fläche aber »nicht unmittelbar» an das Phantasialand angrenze und eine Verlagerung des Freizeitparks nicht möglich sei, habe das Phantasialand nicht in seinen eigenen Wald expandieren können, schreibt Kenter der Stadtrevue. Kritiker:innen halten den Flächentausch für undurchsichtig. »Warum hat das Phantasialand schon damals ohne Notwendigkeit ein Naturschutzgebiet in Besitz genommen?«, fragt sich Bernhard Arnold aus dem Vorstand des Nabu Rhein-Erft. »Dieser Vorgang bleibt intransparent.«
Der Nabu habe erst im Frühjahr dieses Jahres von dem Flächentausch erfahren, als er eine Bestandsaufnahme der Tier-und Pflanzenwelt machen wollte und keine Genehmigung dafür erhielt: Phantasialand hatte Einspruch eingelegt. Auf Nachfrage der Stadtrevue antwortet Ralf-Richard Kenter, dass bereits 2025 Kartierungen von einem »unabhängigen Fachbüro« im Naturschutzgebiet angefertigt worden seien.
Der Nabu habe sich jedoch einen eigenen Eindruck verschaffen wollen, um die Pläne des Phantasialands zu bewerten, erklärt Bernhard Arnold. »Wir sind nicht gegen einen Freizeitpark, aber wir fordern, dass ein Eingriff in ein Naturschutzgebiet nur dann erfolgt, wenn er in allen Aspekten objektiv , umfassend und fundiert bewertet worden ist«, sagt Arnold. »Sonst können wir uns den Naturschutz gleich sparen.« Noch ist das Naturschutzgebiet nicht entwidmet, wie die zuständige Naturschutzbehörde der Stadtrevue schreibt. Das Land NRW bleibt erst einmal Eigentümer des Gebiets. Zu einer Aufhebung des Schutzstatus kommt es erst, wenn der Bebauungsplan für den Erweiterungsteil des Phantasialands rechtskräftig und das Phantasialand von der Besitzerin zur Eigentümerin wird.
Die Entscheidung für oder gegen einen solchen Bebauungsplan liegt bei der Stadt Brühl. Im Koalitionsvertrag der Brühler CDU und SPD steht, dass eine Erweiterung des Phantasialands »offen geprüft« werden solle — auf der »Grundlage belastbarer Gutachten«, die »ökologische, verkehrliche und städtebauliche Auswirkungen bewerten«. Das Bauleitverfahren für eine Erweiterung des Phantasialands soll laut Vertrag »unter Berücksichtigung des Ententeichs« stattfinden. Was SPD und CDU damit meinen, haben sie der Stadtrevue nicht beantwortet. Außerdem steht im Koalitionsvertrag, dass die Erweiterung des Freizeitparks »ausschließlich auf der Grundlage eines vorhabenbezogenen Bebauungsplans« erfolgen solle. Ein solcher Plan würde Phantasialand verpflichten, konkrete Bauvorhaben offenzulegen. Dazu braucht es jedoch einen entsprechenden Antrag von Phantasialand — und den wird der Freizeitpark nicht stellen, heißt es in der Vorlage für den Planungsausschuss.
Warum hat das Phantasialand ohne Notwendigkeit ein Naturschutzgebiet in Besitz genommen?
Bernhard Arnold, nabu rhein-Erft
Viele Brühler:innen sind sauer, weil die Ankündigungen der Koalition nicht eingehalten werden. Bei einer Demonstration gegen die Erweiterung des Freizeitparks machen sie ihrem Ärger Luft. »Jetzt kann Phantasialand tun, was es will!«, ruft ein Demonstrant an einem Donnerstagabend vor dem Brühler Rathaus. Es ist nicht irgendein Donnerstag, sondern der, an dem der Planungsausschuss über das Bauleitverfahren entscheiden soll. Aus der Menschentraube der 250 Demonstrierenden ertönen laute Buh-Rufe und Geklatsche. Ein Ehepaar sagt, dass die Gäste des Freizeitparks schon jetzt zu viel Autoverkehr verursachten. »Manchmal brauchen wir wegen der Staus eine halbe Stunde, bis wir von unserem Grundstück wegkommen.«
Auch zwei Anwohner der Kuhgasse unterhalb des Busparkplatzes von Phantasialand sind gekommen. »Die Stadt hat den Freizeitpark bei der Errichtung des Parkplatzes unterstützt, überlässt uns aber die Kosten für unseren Hochwasserschutz«, erzählen die beiden. Ein Nachbar, dessen Keller regelmäßig voll Wasser laufe, habe die Sache schon in die Hand genommen: »Er hat unter der Erde eine Mauer um sein Haus errichtet«, erklärt einer der beiden Demonstranten. »Aber nicht jeder kann mal eben 200.000 Euro investieren!«
In Zeiten des Klimawandels, sagt der Mann, »schießt man sich mit diesen Erweiterungsplänen ins eigene Bein«. Es gelte, die nachfolgenden Generationen zu schützen. So sieht das auch eine Frau, die zur Demonstration gekommen ist — für ihre zehnjährige Tochter. »Sie ist in den Waldkindergarten gegangen und spürt, dass wir die aktuelle Entwicklung aufhalten müssen«. Die Frau hält ein Demoschild mit der Aufschrift »Kein Asphalt in unsern Wald«.
Gegenüber im Rathaus weht derweil ein anderer Wind: Dort stimmt der Planungsausschuss noch am selben Abend für ein Bauleitverfahren, mit dem die Verwaltung den Ausbau des Freizeitparks nun überprüfen wird. Das Netzwerk NSG Ententeich will jetzt Unterschriften für einen Bürger:innenentscheid sammeln. Denn viele Brühler:innen sind der Meinung, dass über ihre Köpfe hinweg entschieden werde. »Woher soll man wissen, ob eine Erweiterung des Freizeitparks im öffentlichen Interesse der Stadt ist, wenn deren Bewohner gar nicht gefragt wurden?«, meint Stephan Stübner. Die Gutachten, auf deren Basis über die Erweiterung entschieden wird, sollen laut der Stadt Brühl im jetzt angestoßenen Bauleitverfahren veröffentlicht werden. Wann genau es soweit ist, bleibt unklar.









