»Die hohe Säule / des Safts / von ungepflückten Beeren«, so klingt der hohe Ton von Nasima Sophia Razizadeh, die sich ein seltenes Pathos traut. Ein Wunder, dass es noch Gedichte gibt wie ihre. »Unterwasserkabel«, »Lungengassen« und »Silberweidengezweig« tauchen in ihrem zweiten Band »Entschwebung« auf, »herbstüber«, »sprachverschilft« und »neumondlang« geht es zu. Das Feuer und das Licht, geologische Phänomene wie der Firnschnee und das Fulgurit, vor allem die Botanik, »blätterndes Aderwerk« und die Zartheit von Straßenrandfarnen leihen den Gedichten ihre Bildfelder und Leitmotive.
Das Sprachmaterial ist im Einzelnen ganz stofflich, aber realistische Szenerien verweigert Nasima Sophia Razizadeh meistens, wendet sich stattdessen der Versprachlichung von Prozessen zu. Ein Ineinanderschlingen, ein Gleiten in und aus traumartigen Zuständen, ein Auspendeln von Polaritäten vollzieht sich hier, »es balanciert und hält eine zweifache Spannung / zwischen dir und mir, / zwischen Allem und Einem«, wie es in »Der Fixpunkt« heißt.
Immerzu verdächtigt Razizadeh das Leben und die Sprache der Kulisse, die Verkleidungen zeigt, wie unser gewöhnliches Alltagssprechen eine bestimmte sprachliche Gestalt, Signifikanten, die mittelbar eine außersprachliche Wirklichkeit benennen sollen, aber meistens wohl bloß streifen. Darauf bezieht sich der »Tanz der Matroschken«, eines der letzten Poeme des Buchs. »Dichten kann doch nur sein, das, / was namenlos ist, zu sagen, und / dem Nennen, seinen großen Verlockungen zum Trotz, / zu widerstehen«, heißt es in »Verlockung«, dem vermutlich wichtigsten Gedicht des Bandes.
»Verstummen« formuliert eine »Erinnerung an die Orthodoxie der Namen, / hinter denen wir knieten«. Von Rilke stammt der Vers, »wie voll Vorwand das alles ist, was wir hier leisten«, und dieser Vorwand der Sprache bildet das Zentrum von »Entschwebung«.
Amseln, Raben und Elstern schwingen durch die Gedichte, Vögel, die die Sprache der Menschen nicht kennen. Von Ovid und Gestalten der nordischen und griechischen Mythologie über Trakl, Rodin, das jüdische Kaddisch und die Gedankenstriche Emily Dickinsons bis zu Inger Christensen reicht der gewaltige literarische Hallraum dieser Dichterin. Und immer wieder klingt in ihren Versen die »Weltinnenraum«-Poetik des späten Rilke an. Aus ihr schöpft Nasima Sophia Razizadehs Dichtung vom »Blühen ins Innere«, in einer Stimme wie keine andere der deutschsprachigen Gegenwartslyrik.
Nasima Sophia Razizadeh: »Entschwebung«, Wallstein, 142 Seiten, 22 Euro






