Die Universitäts- und Stadtbibliothek (USB) ist ein Spektakel — ein architektonisches Meisterstück des Brutalismus: ein wuchtiger Betonbau, selbstbewusst klobig in Szene gesetzt, dabei streng funktional ausgerichtet. Aber nur auf den ersten Blick! Zugleich ist der zentrale Bau — das Gebäude für die Benutzerinnen und Benutzer —, lichtdurchflutet, mit einem hohen, hellen, offenen Treppenhaus, raffiniert unterteilten Lesesälen und anderen Räumlichkeiten zum Lesen und Studieren. Das Innere des Baus ist klar gegliedert und trotzdem wirkt es, wenn man es auf sich wirklen lässt, verspielt.
Eingefasst ist das zentrale Gebäude von zwei weiteren. Da wäre zum einen das Magazin, in dem immer noch der Großteil der 4,4 Millionen Titel gelagert werden: Durch seine äußere Waffelstruktur — tief in Betonwürfeln eingelassene Fenster, die gerade noch genug Licht in das Gebäude hineinlassen, aber die Buchbestände vor direkter Sonneneinstrahlung schützen — ist dieser achtstöckige Klotz eines der markantesten Bauwerke Kölns. Und zum anderen ist da der Verwaltungstrakt, in dem sich auch die hauseigene Buchbinderei befindet, wo defekte oder vor dem Verfall bedrohte Bücher begutachtet, restauriert und gegebenenfalls an weitere Spezialisten geschickt werden. Es gibt in diesem Trakt auch Hochsicherheitsbereiche, in dem die zahlreichen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Buchschätze hinter schweren Stahltüren verwahrt werden. Dort sind sie vor Licht und Temperaturschwankungen geschützt.
Das Kronjuwel der Sammlung ist ein Exemplar des »First Folio«, der ersten Gesamtausgabe der Werke Shakespeares, 1623 erschienen. Bloß 14 vollständige Exemplare existieren davon noch, weltweit. Eines davon wurde kürzlich für zehn Millionen Dollar versteigert — damit ist der »First Folio« das teuerste literarische Werk überhaupt. Dass sich ein Buch von diesem Wert im Besitz der USB befindet, mag, als Einzelfall betrachtet, eine Anekdote sein. Aber sie verrät einiges über die Geschichte der Bibliothek.
Denn der Name, Universitäts- und Stadtbibliothek, ist historisch zu verstehen (die USB gehört heute nicht der Stadt, sondern ist Teil der Universität, wird also vom Land unterhalten). Als die USB in ihrer jetzigen Form 1920 gegründet wurde, ging sie aus städtischen Institutionen hervor, darunter die damalige Stadtbibliothek. Diese Institutionen brachten ihre Bestände ein, und da Köln als erzkatholische Stadt über reiche Sammlungen mittelalterlicher Bücher aus Klöstern und anderen kirchlichen Einrichtungen verfügte, gingen diese in die Sammlung der USB auf. Die USB wiederum pflegt diesen — bis heute noch nicht vollständig erschlossenen! — Schatz, nicht nur restauratorisch, sondern auch durch weitere Erwerbungen und Schenkungen. Für die Forschung wird hier enorm wichtiges Material bereit gehalten. Aber vor allem: Dieser Bestand ist wichtiger Teil des kulturellen Gedächtnisses (nicht nur) dieser Stadt!
Aber zurück zum Gebäude: Die USB liegt in dem 90°Grad-Winkel, in dem Universitätsstraße und Kerpener Straße aufeinander zulaufen, Tag und Nacht eine hektische Gegend, laut, viele Menschen, viel Verkehr. Die USB liegt in einer Senke ein paar Meter unter den Straßen, schon das nimmt vom Besucher Stress weg. Wer dann in das Benutzer-Gebäude eintritt und sich Zeit nimmt, kann wundersamer Entschleunigungseffekte erleben.
Für viele andere bedeuten diese aber Mühsal. Zu voll, zu umständlich, zu schlecht in Schuss: Das ist der Tenor vieler Nutzer-Rezensionen, die die USB auf Google kassiert. Dass sie in ihrer ganzen Komplexität zu den wichtigsten Bibliotheken Deutschlands zählt, interessiert die Unzufriedenen, die Eiligen und Gestressten nicht. Man kann das verstehen: Natürlich wird die USB an ihrem Servicewert gemessen, und dazu zählen heutzutage ultraschnelle Ausleihmöglichkeiten und eine angenehme Lese- und Lernatmosphäre. Bei insgesaamt über 60.000 Nutzerinnen und Nutzern ist die nicht immer zu bewerkstelligen.
Die Uni-Bibliothek dokumentiert in Stein und Glas das Versprechen auf Wissen und die Möglichkeit seiner raschen Aufnahme
Es wird gegengesteuert: Bücher, die nach 2000 erschienen sind, findet man in der Sofort-Ausleihe, aktuelle Bücher und Zeitschriften werden fast nur noch in digitaler Form angeschafft und können von den Studierenden über die Server der USB von zu Hause aus heruntergeladen bzw. eingesehen werden. Seit dem letzten Sommersemester besteht über das Buchungstool anny die Möglichkeit, Lernplätze und PC-Arbeitsplätze online zu reservieren. Zudem wird auf der Homepage angezeigt, wie viele Besucherinnen und Besucher sich gerade in der USB befinden. Während der Prüfungsphasen veranstaltet die USB lange Lern- und Schreibnächte inkl. Pizza-Dienst.
Und die Sanierung, die sich viele Nutzer wünschen? Teppiche sind abgetreten, Decken nicht abgehängt. Aber Vorsicht! Der Charme der 70er und 80er Jahre sollte bei einer Sanierung keinesfalls verloren gehen — diese altehrwürdige Modernität einer liberalen und aufgeschlossenen BRD. Wer sein späteres Berufsleben in silbergrauen und generisch kastenförmigen Bürogebäuden mit disparaten Architekten-Einfällen verbringen wird, wird mit Wehmut an die USB zurückdenken. Sie dokumentiert in Stein und Glas das Versprechen auf Wissen und die Möglichkeit seiner raschen Rezeption durch die Wissbegierigen. Es war der Stuttgarter Architekt Rolf Gutbrod, der vor sechzig Jahren den Wettbewerb für eine neue USB gewann und dessen Entwürfe bis 1968 realisiert wurden. Die USB verband Funktionalität und die Einladung zum Flanieren. Als wären die Betonwaffeln mit heißen Kirschen und Sahne garniert. Im Prinzip hat sich daran nicht viel geändert, auch wenn die Garderobe und die alte Kaffeebar weichen mussten. Zugenommen haben die Einlasskontrollen (weil dann doch mehr geklaut wurde, als gedacht — und dreister: die Diebe boten die gestohlenen Bände über Ebay an) und — last not least — die Zugänglichkeit: im Treppenhaus verkehrt jetzt ein barrierefreier Fahrstuhl.
Erinnert sei daran, dass die USB selber kein Geld generiert, das in die tatsächlich notwendigen Renovierungsmaßnahmen fließen könnte. Man kann es auch so sagen: Sie ist eine der wenigen nicht-kommerziellen Orte Köln. Die Ausstellungen und Kultur-Veranstaltungen, die das Foyer zu einem Kunstort machen, sind kostenfrei, auf Filmabenden der USB wurden schon großzügig Freigetränke verteilt. Das Geld kommt woanders her, finanziell abhängig ist die Bibliothek von der Universität, d.h. vom Land NRW. Dass der Renovierungsbedarf ins Auge sticht, geht nicht auf den Schlendrian zurück, sondern auf ein nicht vorhandenes resp. nicht zur Verfügung gestelltes Budget.
Alles, was die Infrastruktur der USB betrifft, sind de facto politische Fragen — sie müssten als solche adressiert werden. Negative Google-Rezensionen bringen, bekanntermaßen, nichts.













