Was ist ein Leben, wenn es nicht erzählt wird

Zum Tod von Wulf Herzogenrath

Als Wulf Herzogenrath 1973 mit 28 Jahren die Leitung des Kölnischen Kunstvereins übernahm, galt es Aufbauarbeit zu leisten.
 

Zwei Jahre zuvor hatten Skandale um die Ausstellung »Happening und Fluxus« dazu geführt, dass Hunderte Mitglieder ausgetreten waren. Der Verein war schwach aufgestellt. Das Backen kleiner Brötchen war allerdings nie die Sache, des 1944 in Rathenow geborenen Kunsthistorikers. Bevor er 1989 nach Berlin wechselte, um Hauptkustos an der Nationalgalerie zu werden, hatte Wulf Herzogenrath siebzehn Jahre lang Kölns aufstrebenden Ruf als Kunstmetropole maßgeblich mitgeprägt. 
 

Herzogenrath, der als Einzelkind aufgewachsen war, verstand es, eine Gemeinschaft von Individualisten zu orchestrieren. Er liebte die Bienenstock-Atmosphäre am Josef-Haubrich-Hof, die sich privat in einer Patchwork-Familie mit sechs Kindern fortsetzte. 
 

Er hatte ein gutes Gespür dafür, wem er welches Projekt anvertrauen konnte, um die Verantwortung und auch den Erfolg zu teilen. Das Alter spielte dabei keine Rolle, denn noch vor seiner Promotion über »Oskar Schlemmers Wandbilder« war er selbst mit 24 Jahren für die Redaktion des Katalogs der legendären Ausstellung »50 Jahre bauhaus« verantwortlich, mit der er ab 1968 um die Welt reiste.
 

Das Bauhaus blieb für ihn mehr als nur ein Thema. Die politische Relevanz der Bauhaus-Idee, ihr gattungsübergreifender Kunstbegriff und die humanistische Qualität ihrer Pädagogik wurden für ihn grundlegend. Ebenso stark hat ihn die anthroposophische Haltung seiner Mutter geprägt, die 1907 auf Samoa geboren wurde und als junge Frau mit avantgardistischen Künstlern und Literaten in enger Verbindung stand. 2022 widmete er ihr unter dem Titel »Was ist ein Leben, wenn es nicht erzählt wird« eine liebevolle Publikation. Das Bibliophile war ihm über seinen Vater, den Bielefelder Kunst- und Buchhändler Paul Herzogenrath, in die Wiege gelegt. Wulfs ausufernde Privatbibliothek konnte mit öffentlichen Kunstbibliotheken locker mithalten, allerdings war sie Dank Erstausgaben und seltener Kleinschriften weit origineller. Er war ein leidenschaftlicher Sammler, der seine Ausstellungen mit eigenen Leihgaben bereichern konnte.
 

Er kannte keine Scheu, große Themen anzugehen und Projekte zu realisieren, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. International gilt er als Entdecker und Förderer der Video-Kunst. Mit »Videokunst in Deutschland« legte er 1982 das Fundament der »Neuen Medien« für die er schon 1977 bei der documenta verantwortlich war. Er verstand es, Menschen für Kunst zu begeistern, um große Projekte in vielfältigen Kooperationen zu realisieren. Rückschläge wurden meist mit dem Kommentar »Man weiß nie, wofür es gut ist« weggesteckt.
 

Mit seiner positiven Grundhaltung konnte er die Stadtgesellschaft mobilisieren, Verantwortung für die Kultur zu übernehmen, was von 1994 bis 2011 besonders fruchtbar wurde, als er die Kunsthalle Bremen über Ankäufe, sammlungsbasierte Blockbuster und einen Erweiterungsbau zu internationalem Renommee führte. Im Anschluss daran war er von 2012 bis 2021 als Direktor der Sektion Bildende Kunst der Akademie der Künste Berlin ehrenamtlich aktiv.
 

Wechselnd wohnhaft in Berlin und Köln kuratierte er noch 2024 mit Anne Buschhoff im Wallraf-Richartz-Museum das »Museum der Museen«. Kolumba begleitete er seit 1997, als er als Juror am Architekturwettbewerb teilnahm. Jahre später verdankt es ihm die Schenkung seiner umfangreichen Sammlung von Grafiken und Schriften der Kölner Progressiven. Bis zuletzt trug ihn die Neugierde auf Zeitgenossenschaft. 
 

Mit Demut vor schöpferischer Arbeit begleitete er Künstlerinnen und Künstler in jahrzehntelangen Freundschaften. Von dieser Kontinuität berichtet die Versammlung seiner Texte, die er zuletzt unter dem Titel »Gastgeschenke« herausbrachte. Am 18. Juni ist Wulf Herzogenrath nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt in Berlin verstorben. 

Stefan Kraus heuerte 1981 am Kölnischen Kunstverein unter Wulf Herzogenrath an. Ab 1991 war Kraus Kurator am Diözesanmuseum, das 2007 in den heutigen Museumsbau umzog und ­seitdem Kolumba heißt. Diesem außergewöhnlichen ­Museum stand er fortan bis 2025 als ­Direktor vor.

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