Was kann die Kunst der Dunkelheit entgegensetzen?

Spielzeitpause in den Theatern — nach hitzigen Debatten. In Düsseldorf greift das asphalt Festival die Streitfragen auf: draußen, in der Stadt

 

Die Theater sind in der Spielzeitpause. Eine kurze Zeit des Durchatmens, denn bis zuletzt wurde noch hitzig diskutiert. Über die Einladung des rechtsradikalen Techmilliardärs Peter Thiel etwa, der bei einer Diskussionsveranstaltung auf den Wiener Fest-wo-chen teilnehmen sollte — und dem die Geschäftsführung dann doch, nach lautstarken Protesten, wieder absagte.

Im Zentrum der Debatte: der Festwochen-Intendant und Theaterregisseur Milo Rau, der — laut einem Kommentar der Welt — -damit »seinem Ruf als -lauteste Krawallnudel des deutsch-spra-chigen Theaters wieder einmal alle Ehre« machte. Milo Rau selbst hatte seine Entscheidung bis zuletzt verteidigt. Dass er vorgesehen hatte, mit dem »vielleicht mächtigsten rechten Menschen des Planeten« in einer kritischen Öffentlichkeit zu diskutieren, -halte er auch nach der Aufregung darüber für »demokratiepolitisch relevant«.

Einige hundert Kilometer weiter, in Berlin, ein weiterer Streit: Die Jury des Theatertreffens hatte entschieden, die seit 2019 geführte 50-Prozent-Frauenquote bei Sichtungen und Einladungen für 2027 und 2028 abzuschaffen. In einem Offenen Brief hatte erst der Verein »Pro Quote Bühne« die Entscheidung kritisiert, in einem weitere Offenen Brief solidarisierten sich Theatermacher:innen mit den Forderungen des Vereins.

»Was ist die Rolle der Kunst in Kriegszeiten? Hat sie eine? Und gibt es überhaupt einen angemessenen Umgang mit dem Dröhnen der Kriege, die immer näherkommen?«, fragt Sascha Salzmann in der Eröffnungsrede des diesjährigen aspahlt Festivals und fasst damit recht genau die diskutierten Fragen der vergangenen Wochen zusammen. Was kann die Kunst der Dunkelheit entgegensetzen?

Seit 2012 bespielt das Festival in Düsseldorf kleine und große Bühnen, drinnen und draußen, etwa die alten Farbwerke, die Seebühne am Schwanenspiegel, die Gelbe Brücke an der Düssel, aber auch das Düsseldorfer Schauspielhaus und das KIT, Kunst im Tunnel. »Kunst ist für alle da«, schreibt das asphalt Festival — und deswegen muss sie raus aus dem Theater und rein in die Stadt.

Was hat sich verändert in Zeiten von Wachstumsdruck, Digitalisierung und technologischer Transformation am Verhältnis zwischen denen, die von Lohnarbeit leben, und jenen, die von Vermögen profitieren? 

Eine der mutmaßlich interessantes Inszenierungen in diesem Jahr: »Tanzende Idioten«, koproduziert vom asphalt Festival selbst, und uraufgeführt im Januar in Berlin — unter tosendem Beifall, die Kritiken waren hervorragend. »Ein großes Ereignis«, schreibt die New York Times, als einen »Triumph« bezeichnet es nachtkritik.de. -Regisseur Thorsten Lensing ver-arbeitet in seinem großen Theater-abend unter anderem Texte des bedeutenden US-amerikanischen Gegenwartsautors Denis Johnson und Originalzitate der NASA-Apollo--Missionen zum Mond. Worum es geht? Um Goldie, die tut, was sie am liebsten tut: Sie baut ihr Haus um. Ihre Euphorie ist ansteckend, aber auch grotesk, denn Goldie ist schwer krank. Sie wird bald sterben. Die Zukunft, die sie plant, wird es für sie niemals geben. Dann steht plötzlich ihr frisch verliebter Vater mit seiner neuen Freundin vor der Tür. Ein Überraschungsbesuch, die beiden sind im Wohnmobil auf dem Weg zum Meer. Vollkommen unerwartet findet sich der vor Glück beinahe platzen-de Vater am Sterbebett der eigenen Tochter wieder. Er glaubt sich am Anfang, sie weiß sich am Ende.

Ein weiteres Stück auf dem Spielplan: »Three Times Left is Right«, das von der Radikalisierung der Gesellschaft anhand einzelner Personen erzählt. Der deutsche Theatermacher, Performance-künstler und Visual Artist Julian Hetzel hat sich dafür von dem in Wien lebenden Paar Helmut Lethen und Caroline Sommerfeld inspi-rieren lassen. Er ist ein linker Kulturwissenschaftler mit kommunis-tischer Vergangenheit, sie eine führende Intellektuelle der Neuen Rechten und der Identitären Bewe-gung, gemeinsam haben sie drei Kinder. Wie kann ein Familien-leben funktionieren, wenn die Ehepartner politisch völlig gegensätzliche Ansichten haben?

Star-Gast der diesjährigen -asphalt-Ausgabe ist Florentina Holzinger mit »A Year without Summer«. »Lustig, eklig, anmutig, platt, kitschig, brachial, verstörend, abgebrüht, zerbrechlich, angeberisch und österreichisch« sei der Abend, schreibt die Berliner Morgenpost. Ein exzessives Bühnenspektakel über den Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien 1816, als der Himmel voller Asche, die Sonne verschwunden und die Ernte ausgefallen ist. Mitten drin: Die 18-jährige Mary, die mit anderen Dichter:innen das »Jahr ohne Sommer« am Genfer See verbringt, wo Sturm und Dunkelheit sie zu Gruselgeschichten inspirieren. Mary denkt sich Dr. Frankenstein aus, ein Genie, das die Natur zwingt, sich seinem Willen zu beugen, und mit seinem aus Leichenteilen zusammengesetzten Monster in der Destruktion endet.

Doch auch Gruppen aus NRW bespielen die asphalt-Bühnen: -Darunter Theaterkollektiv Pièrre.Vers aus Düsseldorf, das mit »Tage aus Glas« einen performativen Streifzug durch den Stadtteil Gerresheim macht. 1901 wurden dort die Öfen der weltweit größten Glashütte fast gelöscht: Die Arbeiter streiken für besseren Lohn und Würde, während andere vom Besitz der Fabrik profitieren. Das Stück führt das Publikum auf einer Zeitreise rund um das Gelände der ehemaligen Glashütte, eine Industriebrache zwischen Vergangenheit und Zukunft. Zwischen denkmalgeschützten Backsteinbauten, offenen Flächen und neuen Bauprojekten verweben sich die Geschichten von Bille, Leonie und der Glashütte, die Gerresheim immer noch prägt. Was hat sich in Zeiten von Wachstumsdruck, Digitalisierung und technologischer Transformation verändert am Verhältnis zwischen denen, die von Lohnarbeit leben, und jenen, die von Vermögen profitieren? Literarische Grundlage der Theatertour »Tage aus Glas« ist das gleichnamige, 2025 im Verlag HarperCollins erschienene Romandebüt von Dorothee Krings.

Auch Futur3 aus Köln kommt zum asphalt Festival. Seit Beginn der russischen Vollinvasion der Ukraine im Februar 2022 macht das Festival in jeder Ausgabe aktuelle Positionen zur Ukraine sichtbar, lädt ukrainische Künstler:innen ein und gibt Einblick in die Reichhaltigkeit und Vielfältigkeit der ukrainischen Kunst- und -Kulturszene. In diesem Jahr zeigt Futur3 ihr Stück »Making the Story« über sogenannte Fixer:innen, die internationale Journalist:innen bei deren Kriegsberichterstattung unterstützen. Sie führen Reporter:innen durch zerstörte Städte, öffnen Türen zu traumatisierten Familien und tragen Verantwortung in Momenten, in denen jedes Detail über Leben und Tod entscheiden kann. 
 

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