Wenn alles verraucht ist

Jens Rachuts neue Inkarnation »Ausgestorben« versucht sich am Leben nach dem Tod

Es gibt diese merkwürdige Form von Gegenwart, die sich nur als Nachhall verstehen lässt. Ein Geräusch, das nicht mehr ganz da ist, aber auch nicht verschwunden. Ausgestorben, die neue Band von Punk-Dinosaurier Jens Rachut, bewegt sich in diesem Zwischenraum: nicht nostalgisch, nicht zukunftsbesessen, sondern eigensinnig quer dazu. Der Name ist dabei weniger Pose als Zustandsbeschreibung, eine Diagnose, die sich selbst beim Sprechen schon wieder unterläuft.

Rachut — aus Hamburg (woher sonst?!) — gehört zu den wenigen Figuren der hiesigen Punkgeschichte, bei denen der Begriff »Legacy« nicht sofort nach Marketing klingt. Seine Bands sind Versuchsanordnungen, in denen Sprache, Wut und Witz ein prekäres Gleichgewicht eingehen. Von den frühen, rohen Ausbrüchen bis zu den späteren, beinahe literarischen Verdichtungen hat sich bei ihm etwas gehalten, das man nicht einfach Stil nennen kann. Eher eine Haltung: das Beharren darauf, dass Ausdruck nicht glatt sein darf, dass im Bruch die Wahrheit zu finden ist.

Ausgestorben knüpft daran an. Die Stücke wirken wie Skizzen, die sich gegen ihre eigene Fertigstellung sträuben. Riffs tauchen auf, verschwinden, Stimmen kippen ins Sprechhafte, um im nächsten Moment wieder in ein schiefes Pathos zu rutschen. Das ist kein kalkuliertes Spiel mit Formen, sondern eine Art tastendes Vorwärtskommen. Man hört eine Band, die sich nicht sicher ist — und genau darin ihre Stärke findet. Kein stumpfes Dagegen, keine ritualisierte Verweigerung. Eher eine Form von Widerständigkeit, die sich im Detail zeigt: in der Weigerung, einen Song »richtig« zu Ende zu bringen, in den Texten, die sich dem schnellen Verstehen entziehen, in der Art, wie der Sound immer wieder ins Kippen gerät. Es ist Punk, der weiß, dass die großen Gesten längst verbraucht sind. Dabei hat das alles auch etwas überraschend Zärtliches. Ausgestorben klingen, als würde hier jemand versuchen, noch einmal neu zu sprechen — im Wissen darum, dass die alten Wörter nicht mehr faulig scvhmecken. Das erzeugt Momente von großer Reibung, ein ständiges Anrennen gegen die Sinnstiftung.

Vielleicht ist das der eigentliche Kern von Ausgestorben: die Weigerung, sich festlegen zu lassen. Weder als Fortsetzung einer Geschichte noch als radikaler Neuanfang. Stattdessen ein Dazwischen, das sich jeder eindeutigen Einordnung entzieht. In einer Zeit, die permanent nach klaren Positionen verlangt, ist das fast schon eine subversive Geste. Und vielleicht auch die ehrlichste Form von Punk, die im Moment möglich ist.

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