Herr Céspedes, »Der geheimnisvolle Blick des Flamingos« erzählt aus Sicht der 12-jährigen Lidia von einer Bergbaustadt, in der sich eine unbekannte tödliche Krankheit ausbreitet, für die eine queere Community verantwortlich gemacht wird. Was war der Ursprung dieser Geschichte?
Der Film ist wie ein großes Gemälde aus Erinnerungsstücken. Die Beziehung der Mädchen basiert auf meinen Geschwistern. Im Friseursalon meiner Eltern in einem Vorort von Santiago starben viele schwule Freunde der Familie an AIDS. Ich bin mit großer Angst aufgewachsen. Später, als ich selbst mein Leben in der queeren Community fand, sah ich die Würde und Stärke dieser Menschen. All das floss in den Film.
Die Krankheit erscheint als mythologischer »Blick« …
Der Blick ist die erste Anerkennung des Gegenübers als Mensch. In der fiktiven Stadt wird daraus ein Mythos: Krankheit kommt angeblich durch den Blick queerer Männer. Eine absurde Erklärung, die aber Marginalisierte zu Schuldigen macht. Angst erzeugt Diskriminierung. Das beobachten wir heute erneut, etwa beim Angriff auf Transrechte.
Visuell und tonal mischt der Film Drama, Humor und Coming-of-Age. Warum?
In marginalisierten Communities liegen Schmerz und Komik eng beieinander. Da die Geschichte aus der Perspektive eines Mädchens erzählt wird, durfte sie spielerisch durch verschiedene Tonlagen wandern. Das erschien mir dem Leben näher als strenge Genregrenzen.
Die Geschichte ist sehr spezifisch in Ort und Zeit verankert. Trotzdem gelingt eine universelle Wirkung.
Während des Schreibens denke ich nicht an Zielgruppen. Diese Art Film entsteht aus völliger Aufrichtigkeit. Die Figuren suchen Liebe, Zärtlichkeit und Zugehörigkeit, wie jeder Mensch. Das macht die Geschichte trotz ihrer Spezifik zugänglich.
Ihr Film hat in Cannes begeistert, wurde in San Sebastián prämiert und geht nun für Chile ins Oscar-Rennen. Wie fühlt sich dieser Erfolg an, gerade mit einem Debütfilm?
Es ist überwältigend, doch ich versuche gelassen zu bleiben. Für mich bedeutet jede Auszeichnung vor allem Sichtbarkeit für die Protagonist*innen und ihre Community. Es geht darum, sagen zu können: Wir existieren. Nicht besser oder schlechter als andere, wir sind einfach da. Dass das Publikum diese Figuren annimmt, ist das Schönste an diesem Weg.






