Schleppend arbeitet diese tonnenschwere Musik der Erlösung entgegen, hackt jedes noch so dämonische Hindernis zu Kleinholz, schaut uns mit eiskaltem Blick in die Augen und fragt nebenbei: »Would you lie for love, would you hide from love?« Welches Mittel wir also brauchen, um letztlich vom »Holy Water« reingewaschen zu werden, steht hier längst fest: die Liebe. Ein altbekanntes Narrativ, ja — wird aber niemals alt.
Seit nunmehr 15 Jahren veröffentlichen die dänischen Großtalente der emotionsgeladenen Intensivband Iceage ein hochgelobtes Spitzenalbum nach dem anderen und haben sich im Laufe ihrer Karriere von aneckenden Noise-Jungspunden zu einer glorreichen Rockband entwickelt. Während frühe Platten wie »New Brigade« oder »You’re Nothing« noch auf (im wahrsten Sinne des Wortes) umwerfendes Post-Punk-Chaos setzten und typische Einflüsse wie Joy Division oder Sonic Youth integrierten — Inspirationsquellen, zu denen aufstrebende Acts immer wieder tendieren (und es vermutlich für immer tun werden) —, markierte bereits das Drittwerk »Plowing Into the Fields of Love« einen deutlichen Bruch. Die durchstechende Goth-Vehemenz eines jungen Nick Cave schimmerte nun deutlicher durch, dazu ein herrlich rustikaler Americana-Touch sowie das allgemeine Gefühl, die Band würde sich ihren ganz eigenen Weg zwischen Post-Punk, Bombast-Rock und schwermütiger Spiritualität bahnen.
Mit ihrem sechsten Werk »For Love of Grace & the Hereafter« legen Iceage ihre bislang zugänglichste LP vor. Die stöhnenden Phrasierungen von Frontmann Elias Bender Rønnenfelt werden sofort greifbar, die Riffs sind häufiger schimmernd als bösartig, der Opener »Ember« ist mit seiner unerwarteten und dennoch organischen Songstruktur leicht zugänglich (und sei all jenen ans Herz gelegt, die in den letzten Jahren von der irischen Band Fontaines D.C. begeistert waren). Die Gitarren schmatzen und schnarren wie ein entgleister Zug, während sich der Frontmann tanzend austobt und im Refrain alles aufgehen lässt: »I love you in an ominous way. Are you willing to pay? Are you willing to break?« Dann wird klar, dass das nur Refrain Nummer eins war — und Iceage sich damit nicht zufriedengeben, sondern noch einen draufsetzen: »So many times you’ve run for dear life. But I caught you like an ember falling down.« Das hat in seiner Mitsingbarkeit schon fast etwas von Oasis; so etwas wär zu Beginn der Iceage-Karriere noch undenkbar gewesen.
Auch die todernsten Depri-Lyrics tragen einen Ansporn in sich: ›Get ready for a lifetime of beatings‹
Das führt uns zur größten Stärke dieses Albums, die schon jetzt zu den besten des Jahres zählt: So ungewöhnlich diese Rocksongs sein mögen — etwa wenn »Salve for Every Sore« Bluegrass und Post-Punk verbindet, das Bottleneck-Riff im Closer »True Blue« fast durchgehend schief klingt oder mein Highlight »Holy Water« eine Gitarrenmelodie zwischen Mittelaltermarkt und Videospiel-Soundtrack auspackt —, am Ende drängen sie zum Mitsingen. Auch die todernsten Depri-Lyrics ändern daran nichts, weil sie letztlich einen gewissen Ansporn in sich tragen: »Get ready for a lifetime of beatings«, heißt es beispielsweise; Elias Bender Rønnenfelt weiß um die Schwierigkeiten. Doch Rückzug ist keine Option. Wie ein Stern zu implodieren, scheint für ihn kein Problem zu sein — hört man in die Single »Star« genauer hinein. Schlichte Wahrheiten an jeder Ecke: »Life is for the weak«, heißt es lautstark. Und man singt mit, weil man natürlich versteht, was damit gemeint ist.
Auf noch originellere Weise als der Vorgänger »Seek Shelter« (2021) greift das neue Album von Iceage auf Altbewährtes zurück, will weniger bewusst an Vorangegangenes erinnern, weiß aber ganz genau, was funktioniert. Kleinteilige Grooves à la Talking Heads tauchen ebenso auf wie das randalierende Highlight »The Weak«, das zu großen Teilen auf einem klassischen Blues-Schema basiert und — man glaubt es kaum — dennoch frisch wirkt. Neben ihren Post-Punk-Einflüssen immer mehr Americana in ihre Musik einfließen zu lassen, das hat diese Band zu den stärksten Veteranen ihres Genres gemacht — zu einer Band, die immer cooler wird, statt nach und nach in Vergessenheit zu geraten.
Doch letztlich zählen nicht irgendwelche Einflüsse, sondern im Kern die Songs — und die sind auf »For Love of Grace & the Hereafter« fast durchweg sehr, sehr gut. Ich wage zu behaupten, dass es sich hierbei um das bislang beste Album von Iceage handelt: vielleicht weniger brachial, dafür umso charmanter. Riesenempfehlung.







