Die beste Übersetzung für »AI Slop« ist »Hütchentrick«. Was sich als Sprachmagie gibt, die mit Worten qua Prompt ganze Welten erschaffen kann, produziert in der Regel nur eine langweilige Rekombination des bereits Bekannten, bei der das Publikum immer ärmer wird.
»Magie heißt, sich zu öffnen, für Verwandlung, Verwundbarkeit, das Noch-nie-Dagewesene,« verspricht dagegen das Programmheft der diesjährigen Ausgabe des Literaturfestivals Poetica vollmundig. Seit dem vergangenen Jahr wird es von der Lyrikerin Uljana Wolf geleitet, die für diese Ausgabe die Berliner Autorin Rike Scheffler als Kuratorin gewonnen hat. Poesie, so schreibt diese, greife ein in die »Alchemie der Weltgestaltung« und könne »ein Gegenzauber gegen die brutalen und vereinsamenden Realitäten unserer Zeit« sein.
Was nicht heißt, dass sich die Autor:innen der Poetica der Brutalität der Realität verschließen. Joyelle McSweeney etwa lässt sich in ihrem Gedichtband »Toxicon & Arachne« (2020) vom an Tuberkolose gestorbenen britischen Dichter John Keats inspirieren. Wie die namensgebenden Giftstoffe lässt sie in ihren »toxischen Sonetten« die Wörter durch sich fließen:
»I spread my toxic inklings like a cloud«. Dabei wird die toxische Umwelt nicht ausgespart: das postindustrielle Indiana (wo sie lebt), ein Drogenmassaker in Mexico — alles wird in McSweeneys Gedichten zu Sprache, die man nicht vergisst. In »Arachne« wird der Blick dann persönlicher: »I have two living daughters and a third dead daughter.« Dieses dritte Kind ist 2017 kurz nach der Geburt gestorben und als »matron from hell« wandelt seine Mutter nun an den verschmutzten Flüssen ihres Wohnortes. In ihrem aktuellen Gedichtband »Death Styles« (2024) kehrt der Tod dann zurück — als täglicher Versuch, zu schreiben. Für McSweeney nimmt das Trauma die Form der Wiederholung an und führt sie so durch die Gefühle von Vergänglichkeit und Trauer: »Mauveine, fuchsine, magenta, maybe it were better / you were never born«. Bei der Poetica wird McSweeney mit den anderen Autor:innen darüber sprechen, wie Gedichte »Spuren von Ruin und Verlust in Sprache überführen« können.
Das Neue entsteht nicht aus Ähnlichkeit, sondern aus dem maximalen Kontrast
Mutterschaft ist auch eins der Themen in Sarah Howes letztem Gedichtband »Foretokens«. Wie die Doppelhelix auf dem Cover verschränkt und windet sie sich in ihren Texten durch die Gegenwart ihrer eigenen Schwangerschaft und der Geschichte ihrer aus China stammenden Mutter: »every family / is a kind of story, however broken, a stone passed / through many lives«. Aber Howes Untersuchung ihrer Ahnenschaft geht über die unmittelbare Familie hinaus. Eine weiße Porzellantasse erzählt, dass einige Kapitel ihrer Provenienz sogar ihr unbekannt seien. Und im Gedicht »Fore / mother« thematisiert sie die Kontinuität der Sklaverei am Beispiel verkaufter Mädchen: »This is what happened/happens // then /now // where money buys // desire / silence.« So weit, so brutal.
Aber auch die Fabulierlust hat auf der Poetica einen Platz. Sie ist das bestimmende Motiv in Alhierd Bacharevičs Roman »Europas Hunde«. Seine Hauptfigur Oleg Olegowitsch erschafft seine eigene Sprache: »Mein Leben lang träume ich davon zu sprechen, als schriebe ich.« Im Roman wird genau das zu einem Problem — wie für seinen Schöpfer in der Realität: »Europas Hunde« ist in seiner Heimat Belarus verboten. Bacharevič entkommt der kleingeistigen Enge seiner Umgebung durch möglichst überbordende Science-Fiction-Szenarien, an deren Ende eine non-binäre Figur im Jahr 2050 in Minsk schließlich nach den Spuren von Oleg Olegowitsch und seiner Kunstsprache Balbuta sucht — weil sie eine Hoffnung spendet, wie es nur Sprache kann.
Und genau diese Transzendenz gelingt auch Sofia Jernberg, auch wenn die schwedische Sängerin und Komponistin dafür keine Worte verwendet. In ihren A-Capella-Kompositionen erschafft sie ganze Welten mit Röcheln, Schreien, Dehnen, Schnalzen und dem Modulieren ihrer Stimmbänder. In der Kulturkirche trifft sie damit auf Büchnerpreisträgerin Ursula Krechel, deren Gedichte sich durch eine semantische Schärfe auszeichnen, die ihre Anklagen verstärkt. Auch so eine Sache, die Sprachmagie von algorithmischen Taschenspielertricks unterscheidet: das Neue, das nicht aus Ähnlichkeit entsteht, sondern aus dem maximalen Kontrast.
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