Am 9. Juni 2004, einem Mittwoch, zündet eine Bombe aus 700 Zimmermannsnägeln vor dem Frisörladen von Özcan Yildirim an der Keupstraße 24, dort deponiert auf einem Fahrrad von Angehörigen des NSU. Dass auf der belebten Einkaufsstraße in Mülheim niemand zu Tode kommt, ist pures Glück. Doch der Anschlag hinterlässt 22 Verletzte — und eine traumatisierte Nachbarschaft. Seither läuft deren Kampf um Anerkennung.
Warum der 2014 vom Stadtrat beschlossene Bau eines Mahnmals bis heute nicht umgesetzt wurde, ist schwer zu durchdringen. Das vorgesehene Grundstück ist Ausläufer eines etwa sieben Hektar großen Areals, auf dem die Transformation des Stadtteils vorangetrieben wird. In einem von der Stadt initiierten Werkstattverfahren für einen Bebauungsplan war das Mahnmal an der Keupstraße / Ecke Schanzenstraße zwingend vorgesehen. Fast zeitgleich hatte der Berliner Künstler Ulf Aminde den Jury-Zuschlag für dessen Gestaltung erhalten. Amindes Idee: eine Betonplatte soll den Grundriss des Frisörladens wiedergeben. Das eigentliche Mahnmal indes befindet sich als Film- und Medienarchiv im digitalen Raum. In dessen Zentrum steht eine Interviewreihe mit Berichten von Betroffenen. Werden diese Filme vor Ort abgerufen, erscheinen sie mit Hilfe von Augmented Reality als virtuelle Wände entlang der Bodenplatte. Durch seine in das geplante Neubaugebiet hineinragende Lage nimmt Amindes Entwurf zudem jene radikalen Veränderungen vorweg, die dem Viertel bevorstehen.
Der Immobilienfirma Gentes, seit 2021 Eigentümerin des Areals, wurden Vergünstigungen für die Umsetzung des Bebauungsplanes samt Mahnmal versprochen; auf der Website wirbt Gentes mit einem »Dreiklang von Wohnen, Arbeiten, Gedenken«. Doch obwohl noch im November vergangenen Jahres seitens der Stadt ein sofortiger Baubeginn verkündet wurde, passierte nichts. Am 18. April zeigen Betroffene, Anwohner*innen und Initiativen wie etwa »Herkesin Meydanı« ihren Unmut: An der Mauer zur Keupstraße hin wird eine Tribüne errichtet, von der Passanten auf das Gelände blicken können. Ein Banner wird entrollt: »Wo bleibt das Mahnmal?« — »Es wurde lange genug gewartet, lange genug der Dialog gesucht«, sagt die Sozialraum-Koordinatorin Sandra Jasper.
Dass die Firma den Baubeginn hinauszögert, mag man mit gestiegenen Zinsen, die Großbauvorhaben erschweren, erklären. Warum jedoch von Seiten der Gentes-Gruppe weder Kommunikation noch Initiative erfolgt, ist unverständlich. Zwischenlösungen — etwa ein Interims-Mahnmal — wurden vorgeschlagen. Stattdessen mussten sich Künstler und Aktivisten von der damaligen OB Henriette Reker anhören, selbst den Bau des Mahnmals zu verschleppen — da Reker alternative Standorte vorgeschlagen hatte. »Unfug! Auch andere Denkmäler stehen in Köln an den historischen Orten«, sagt Muhammet Ayazgün, seit 17 Jahren in der IG Keupstraße aktiv. »Köln ist die einzige Stadt, die einen NSU-Anschlag erlitten hat, in der es keinen Gedenkort gibt.« Ayazgün hat am 9. Juni 2004 alles gesehen: den Täter, das Fahrrad. »Mein Name steht dreitausendmal in den Akten, aber eine offizielle Aussage wurde nicht aufgenommen«, sagt er. »Stattdessen konnten wir beim NSU-Prozess beobachten, wie Täter und Helfer im Dunklen gehalten wurden.«
Angesichts der Täter-Opfer-Umkehr sprechen viele von der ›zweiten Bombe‹
Der Künstler Ulf Aminde sagt: »Das Mindeste, was zu erwarten gewesen wäre, ist Entschädigung, psychologische Beratung, medizinische Betreuung. Maximale Aufmerksamkeit auf einer Straße, in der ein Massenmord stattfinden sollte!« Stattdessen habe es »Ghettodiskurs — Verdächtigungen, Zuschreibungen zu Rotlichtmilieu, Türsteherszene, Drogengeschäften« gegeben. Erst die Selbstenttarnung des NSU 2011 führte zu einem Umdenken — nicht jedoch zu einer Entschädigung der zu Unrecht Verdächtigten. Angesichts der Täter-Opfer-Umkehr sprechen viele von der »zweiten Bombe«. Dazu kommt die wirtschaftliche Katastrophe: Geschäftsleute erlitten Umsatzeinbußen, die Keupstraße wurde gemieden. Geschäftsinhaber wanderten ab, einige zurück in die Türkei.
Der Beschluss für ein Mahnmal wurde 2014 als eine Art Entschuldigung gesehen, doch dass die Entscheidung über einen stadthistorischen Erinnerungsort in den Händen von Privatinvestoren liegt, erfüllt die Sozialraum-Koordinatorin Sandra Jasper mit »Verzweiflung, Zorn und Fremdscham«. Die Betroffenen sehen die Blockade durch Investoren und Stadt in einer Geschichte des strukturellen Rassismus, einer Mentalität von mehrfachen Ausschlüssen und Ausgrenzungen. Ulf Aminde, der Künstler, fragt auch nach dem Blick des Linksrheinischen auf die Schäl Sick, oder danach, wie »bunt und liberal Köln jenseits der Selbstzuschreibung wirklich ist«. Bei Jahrestagen und Großveranstaltungen wie »Birlikte« drängelten sich Promis und Politiker ins Bild, sagt Aminde. »Ansonsten regiert Desinteresse.«
Großes Interesse hingegen findet die Ausstellung »Vom Nagelbombenanschlag zum Mahnmal« an der Schanzenstraße 22. Gestaltet von der Künstlerin Karmen Frankl, unter der Trägerschaft der Initiative »Keupstraße ist überall«, musste sie ihre Bleibe in der IGIS-Schule am Ubierring aufgeben und erhielt dann vom Investor Jamestown Räume am Eingang zum »Depot«. Besucherinnen treten über Objekte und Medien in Interaktion mit Geschichte und Gegenwart der Keupstraße: unübersehbar der Frisörstuhl aus Yildirims Laden; die Replik des von der Explosion zerbeulten Fahrrads, auf dem die Bombe deponiert worden war; die Zimmermannsnägel, die vielfachen Tod bringen sollten; das Überwachungsvideo, auf dem man die Attentäter mit dem Rad sieht. Eine Kurzfassung von Andreas Maus’ Film »Der Kuaför aus der Keupstraße« zeigt Aussagen der Opfer. Drei runde Tische im Stil eines türkischen Salons laden die Gäste zum Austausch ein, bei Tee und Sesamkringeln. Ein Ort, von der Forderung nach Transparenz und Aufklärung inspiriert: Das Licht der Fensterfront wird durch Glaswände in den Hauptraum weitergegeben. Hier zeigen von der Decke hängende Banner fotografische Szenen der historischen Keupstraße und deren Bewohner.
Die Finanzierung ist auf drei Jahre gesichert, die Führungen sind ausgebucht: Schulen, Polizeihochschüler, pädagogische Multiplikatoren, die ihre Einblicke nach Bonn, Euskirchen, Bergisch Gladbach mitnehmen. Zugleich bietet die Ausstellung Raum für unterdrückte Stimmen und Gefühle. »Manche Schüler sprechen hier erstmals über ihre eigenen Rassismus-Erfahrungen, auch weil sie diese erst jetzt benennen können«, so Frankl.
Für Muhammet Ayazgün ergänzen sich der Kampf für das Mahnmal und die Ausstellung. »Das Denkmal ist zum Erinnern, die Ausstellung ist eine Schule für alle«, sagt er. Nebenan machen die vom Schauspiel Köln organisierten »Mülheimer Geschichten« die Keupstraße zum Lernort, Führungen gibt etwa Peter Bach von der Geschichtswerkstatt Mülheim. Er sagt: »Wenn aus all den Jahren etwas Gutes herausgekommen ist, so ist das die enorme Solidarität, die unterschiedliche Generationen zusammengeschweißt hat — und dass in schwierigen Zeiten eine neue Widerständigkeit entstanden ist.«
Während die Umsetzung des physischen Teils des Mahnmals an der Keupstraße noch nicht in Sicht ist, wird der digitale Bereich bereits entwickelt. Erste Interviews lassen sich bereits abrufen: mahnmal-keupstrasse.de
Die Initiative »Keupstraße ist überall« hat sich vor dem Münchner NSU-Prozess 2013 gegründet, um die Nebenkläger*innen aus der Keupstraße zu unterstützen. Heute betreibt sie die Ausstellung »21 Jahre danach — von der Nagelbombe bis zum Mahnmal«.
Infos: keupstrasse-ist-ueberall.de
»Herkesin Meydanı — Platz für alle« ist aus dem im Mai 2017 am Kölner Schauspiel veranstalteten Tribunal »NSU-Komplex auflösen« hervorgegangen.
Seitdem setzt sich die Initiative für die Realisierung des Mahnmals an der Keupstraße ein und organisiert die Gedenkveranstaltungen zu den Jahrestagen der Kölner NSU-Anschläge.
Informationen und Programm für das Gedenken am 9. Juni: herkesin-meydani.org








