So sieht der Sommer aus: Turnstile haben jetzt Geld für neue Gartenmöbel, Foto: Atiba Jefferson

Stilvolle Experimente

Turnstile definieren, was wir heutzutage unter Rock verstehen können

Ich weiß nicht mehr, ob es direkt nach der Veröffentlichung ihrer Durchbruchsplatte »Glow On« (2021) passiert ist oder kurze Zeit später, doch irgendwann schien dieser Satz überall zu sein: Alle ­lieben Turnstile! Die fünfköpfige Band aus Baltimore explodier­te und wurde nicht nur zur größten Hardcore-Gruppe der Welt, sondern zu einem der prägendsten Rock-Acts der 2020er Jahre. Fernsehauftritte, Grammy-Nominierungen, immer höhe Platzierungen auf Festivalplakaten; das passiert heute nur noch wenigen Rockbands. Selbst Leute, die eigentlich Machine Gun Kelly hören, sprachen mich auf Turnstile an. Sie wurden zu Hardcore-Superstars — und blieben weiterhin cool. Wunder geschehen ja ­bekanntlich immer wieder.


Groß waren die Erwartungen an ihr frisch erschienenes Werk »Never Enough«, sogar Popstar Charli XCX rief kürzlich einen Turnstile-Sommer aus. Klar, für viele Fans ist »Never Enough« nicht die vierte, sondern gefühlt erst die zweite Platte der Band, weil sie beim Drittwerk »Glow On« an Bord kamen — eine Neuveröffentlichung ihrer Hardcore-Helden ist für jüngst dazugekommene Fans Neuland. Man überlegte im Vorfeld fieberhaft: Wie werden Turnstile auf den Erfolg von »Glow On« aufbauen? Wollen sie ein noch größeres Publikum erreichen? Oder war »Glow On« bereits ihr Äquivalent zu Nirvanas »Nevermind«, sodass die nächste Platte eine antikommerzielle Stinkefinger-Reaktion à la »In Utero« ­werden könnte?

›Never Enough‹ ist nichts davon — weder ein Sellout-Move noch ein Abservieren neuer Fans —, sondern genau der richtige Schritt

»Never Enough« ist nichts ­davon — weder ein Sellout-Move noch ein Abservieren neuer Fans —, sondern genau der richtige Schritt. Turnstile klingen weiterhin wie Turnstile, groovy und hüpfend; sie sind bewaffnet mit brachialen Powerchord-Riffs, von denen sie unendlich viele in petto haben. Vor allem aber ist »Never Enough« stilvoll, was auch im dazugehörigen, das Album visualisierenden Musikfilm deutlich wird. Wenige Ausschnitte des Films reichen aus, um deutlich zu machen, wie erhaben die Präsentation von ­»Never Enough« ist.

Jedenfalls: Die Formel von »Glow On« haben sie nur leicht ­variiert. Insgesamt klingt »Never Enough« noch sphärischer, durchgestalteter. Es scheint, als wären die Songs zwar in Proberaum geschrieben, anschließend aber synthetisiert worden. In Kom­bination ergeben sie ein — ja! — perfektes Album, das keinerlei Unebenheiten aufweist. Die »Glow On«-­Ästhetik wurde auf ein neues ­Level gehoben; »Never Enough« ist ein richtiges Album-Album. Wenn Radiohead eine Hardcore-Band wären, wären sie dieser ­Platte nicht unähnlich.


Turnstile waren immer schon mehr als eine Hardcore-Band. Durch den Kopfnicker-Vibe ihrer Rhythmen, das gelegentliche Halb-Rapping des Frontmanns Brendan Yates und den Kleidungs­stil aller Mitglieder hat die Band längst Berührungspunkte mit der HipHop-Welt, doch die Genreoffenheit von Turnstile wird auf »Never Enough« noch breiter angelegt als zuvor. Der Song »I Care« hat gitarrenmäßig mehr mit Johnny Marr zu tun als mit Hardcore-acts wie Minor Threat oder Bad Brains; in »Dreaming« tauchen die Bläser der Jazz-Band BadBadNotGood auf; das aggressiv startende Highlight »Sunshower« endet mit einem Panflöten-Solo. Außerdem: Club-Outros, Chipmunk-Soul, ­verrückte Elektro-Spielereien von Hyperpop-Produzent und Charli-XCX-Partner A.G. Cook. Natürlich.


Experimentell ist »Never Enough« allemal, doch keineswegs in dem Sinne, dass der ­Zugang zum Album schwierig ist. Nein, im Kern handelt es sich bei den Stücken um Popsongs, immer und in fast jeder Sekunde. Hooks, Hooks, Hooks, die ganze Zeit. Die allerbesten Momente zeichnen sich genau dadurch aus: »Light Design« hat eine großartige Gesangsmelodie, die Brendan Yates ebenso energisch wie unpathetisch vorträgt; »Time Is Happening« genauso. Eben deshalb wird »Never Enough« als Hardcore-Meilenstein in die Popgeschichte eingehen, als clever gelöster Level-­Up-Moment einer herausragenden Band. Die Platte ist offen, integrativ, voller Zauber und unendlichen Möglichkeiten.


Turnstile haben genau den richtigen Weg gefunden, in einer Welt, die rockiger Gitarrenmusik kaum noch wohlgesonnen ist, ­voranzuschreiten. Nicht durch Flirt mit dem Mainstream oder langweiligen Rückzug in puristische Hardcore-Ästhetiken, ­sondern durch ein Meisterwerk der modernsten Art. Alle lieben Turnstile — es ist ein Satz, der Schritt für Schritt realer wird.