Feiern im Freien
Ein Freitagabend Ende Mai, kurz nach neun. Die Temperaturen sind hoch, der Brüsseler Platz ist voll. Vor den Kneipen und Restaurants sind alle Tische besetzt, unter den hohen Bäumen auch die Blumenbeete, Treppenstufen und Bänke. Immer wieder verirren sich Autos mit auswärtigem Kennzeichen von den Ringen hierher und fahren über die Brüsseler Straße in Richtung Norden. Überall sitzen kleine Grüppchen zusammen, die AWB wartet schon auf ihren Einsatz. Die Müllkehrer sind entspannt, in der Altstadt sähe es schlimmer aus, meint einer. Ein lautes, vielstimmiges Rauschen aus Gesprächsfetzen, Deutsch, Spanisch, Englisch, erfüllt die Luft vor der Kirche St.Michael. Im Norden und Westen des Platzes ist es ruhiger, sodass die tiefe Stimme eines Ordnungsamtsmitarbeiters sofort Eindruck schindet. Jemand ist mit Bierflasche auf den Spielplatz gelaufen. »Macht normalerweise 25 Euro,« sagt er.
Gegen zehn Uhr gehen die Mitarbeiter des Ordnungsamts über den Platz und sprechen die Menschen an. Seit Mitte Mai herrscht auf dem Brüsseler Platz nach 22 Uhr ein Alkoholverbot. Die Kellner der Cafés und Bars beginnen, die Tische abzubauen. »Die Leute vom Ordnungsamt sind immer freundlich«, erzählt uns eine junge Frau, die an der Brüsseler Straße wohnt und mit ihren Freundinnen und Freunden vor der Kirche sitzt. Etwa eine Viertelstunde später ist der Platz so gut wie leergefegt. Manche haben sich Richtung Ringe aufgemacht, andere in Richtung Stadtgarten. Nun ist es am Kreisverkehr an der Brüsseler Straße lauter, oder auch am Mäuerchen am Stadtgarten. Auch die Außengastronomie und der Verkehr bilden das Grundrauschen eines lauen Frühlingsabends in einer Großstadt. Nur am Brüsseler Platz ist es still geworden.
An diesem Abend sind auch Lennart und Tom am Brüsseler Platz, sie haben sich hier schon getroffen, als sie noch Schüler waren. »Es gibt genug Sitzmöglichkeiten, der Platz ist ein guter Knotenpunkt und für jeden gut erreichbar«, sagt Lennart, der 24 Jahre alt ist und in der Nähe wohnt. Wenn es später wird, treffen er und seine Freunde sich inzwischen lieber woanders. »Diese Verbote machen das alles irgendwie kaputt. Wir gehen jetzt an Orte, wo man entspannter sitzen kann.« Meist sei das dann in einer Bar, so Lennart. Er verstehe, dass man nachts seine Ruhe haben wolle. Aber ob das unbedingt am Brüsseler Platz sein müsse, da sei er sich nicht sicher. »Schon klar, dass es im Belgischen früher ruhiger war, aber die Zeiten ändern sich eben«, sagt er. »Und wo sollen die Leute denn hin? In den dunklen Grüngürtel?«
Das Alkoholverbot am Brüsseler Platz soll das »mildere Mittel« sein, nachdem es zuvor für einige Wochen sogar ein »Verweilverbot« gab: Niemand durfte sich am Wochenende abends mehr am Platz aufhalten, selbst die Anwohner nicht. Diese klagten dann auch dagegen und bekamen Recht: Die Maßnahme sei unverhältnismäßig, so das Verwaltungsgericht Köln.
Tina Banse ist 62 und lebt seit 16 Jahren am Brüsseler Platz. Alle Zimmer liegen zur Hofseite hin, sie kann nachts gut schlafen, sagt sie. Aber auch wenn einige Menschen, die am Platz wohnen, unter der Lautstärke leiden würden, sagt Banse, seien das Verweilverbot sowie die damaligen Pläne, einen Zaun um den Platz zu ziehen, völlig überzogen gewesen: »Eine Art Freiheitsberaubung für uns Anwohner«, sagt Banse. »Dabei hat die Stadt das Problem für die Anwohner selbst erst groß gemacht, durch massive Werbung für den Platz, für die Stadt als Feierzone.«
Beschwerden der Anwohner seien lange ignoriert worden. »Dann kamen nach einem verlorenen Prozess der Stadt die härtesten Maßnahmen, anstatt niedrigschwellig anzusetzen«, findet sie. Außerdem würden Hinweisschilder fehlen, die klarmachten, was erlaubt ist und was nicht: »Vermüllung, Wildpinkeln oder Hunde unangeleint auf die Grünflächen laufen zu lassen — das alles wurde kaum verhindert.«
Der Platz sei ein »Treffpunkt für viele unterschiedliche Zielgruppen«, deshalb müssten »klare Regeln gelten und eingehalten werden«, sagt Banse. »Dann ist der Brüsseler Platz ein toller Treffpunkt für viele Anwohner und Besucher, ein Vorzeigestück städtischen Lebens.« Es gebe hier große, alte Bäume, und es sei kühler im Sommer. »Ein wunderschöner Ort, den alle nutzen sollten — über alle Altersgruppen hinweg.«
Banse pflegt seit Jahren mit anderen Anwohnern die Beete. Es sei nicht zu leugnen, dass vor allem im Sommer abends laut gefeiert werde. So wie neulich, als einige Abiturienten gefeiert hätten. Aber: »Woanders wohnen Menschen an vierspurigen Straßen oder Bahntrassen in der Stadt. Wir haben es hier doch wunderschön«, sagt sie.
Tina Banse beschreibt, wie sich das Viertel aus ihrer Sicht gewandelt hat: »Früher waren wir hier mehr Leute mittleren Alters.« Heute sei das Publikum jünger, vielfältiger. Sie findet das gut — trotz gelegentlicher Ärgernisse. »Natürlich nervt es, wenn jemand in die Beete pinkelt.« Und dann ist da der Müll in den Beeten, oft Essensverpackungen und viele Plastikbecher, häufig von den Geschäften und dem Kiosk am Platz, so Banse.
Das neue Alkoholverbot ab 22 Uhr hält Banse für eine gelungene Maßnahme. Sie hofft, dass die Außengastronomie bald wieder bis 23.30 Uhr öffnen darf, wie es der Rat der Stadt im Mai forderte. »Die Leute in der Außengastronomie sind leiser als die großen Gruppen am Platz, wo auch mal gegrölt wird.«
»Ich glaube nicht, dass der Konflikt in wirklich heißen Nächten mit mehr als 500 Besucher:innen durch ein kollektives Verbot gelöst werden kann«, sagt Detlev Wiener. Von 2008 bis 2010 engagierte die Stadt Köln den Mediator, um die Lage am Brüsseler Platz zu befrieden. Allerdings habe auch der mehrjährige Dialog das Lärmproblem nicht lösen können, gibt Wiener zu. »Ich muss leider eingestehen, dass seit 15 Jahren auch durch Mediation keine zufriedenstellende Lösung für den Brüsseler Platz gefunden wurde.«
Wo sollen dieLeute denn hin? In den dunklen Grüngürtel?
Lennart, Besucher am Brüsseler Platz
Wiener ist ins Café Hallmackenreuther gekommen und bestellt eine warme Milch. Beim Weltjugendtag 2005 habe es begonnen, dass sich junge Menschen auch spätabends auf dem Platz trafen und feierten, erzählt Wiener. Mit der Fußball-WM 2006 habe sich der Platz weiter als Treffpunkt etabliert. Als die Stadt ihn auf Beschluss der Bezirksvertretung Innenstadt engagiert habe, seien die Fronten bereits verhärtet gewesen, sagt Wiener. Einerseits habe er »wirkliche Schicksalsschläge« erlebt: Anwohner zogen weg, weil sie es nicht mehr aushielten, sie verloren ihr vertrautes Umfeld. Andere weigerten sich kategorisch, Schallschutzfenster einbauen zu lassen oder ihr Schlafzimmer nach hinten zu verlegen. »Einige haben sehr drastisch gesagt: Wir möchten bei offenem Fenster schlafen. Das macht die Sache natürlich schwierig.«
Über mehrere Jahre wurde mit Maßnahmen versucht, die Lage zu entspannen: öffentliche Toiletten, Ansprechpartner, das »Kulturdeck« am Aachener Weiher als Ersatz-Location. Nach einer ersten Klage 2013 wurden Mitarbeiter des Ordnungsamts an den Platz geschickt, Kiosk und Supermarkt sollten um 23.30 Uhr keinen Alkohol mehr verkaufen. Aber auch dieser »Modus Vivendi« konnte die Lage nicht beruhigen, so dass das Oberverwaltungsgericht Münster im September 2023 schließlich die Stadt Köln dazu verpflichtete, endlich für Nachtruhe zu sorgen. »Als letztes Mittel müsste sie sogar eine Sperrung des Platzes in Betracht ziehen«, heißt es im Urteil.
Nun will das Ratsbündnis von Grünen, CDU und Volt an vier Wochenenden im Sommer einen Pop-up-Biergarten an der Vogelsanger Straße ausschreiben, um die Menschen vom Brüsseler Platz wegzulocken. Detlev Wiener ist skeptisch: »Die Idee gab es bereits mit dem Aachener Weiher, doch das zusätzliche Angebot hat die Lage am Brüsseler Platz kaum beeinflusst«, sagt er. »Weder Lärm noch Müll wurden dadurch wesentlich weniger.« Auch die von vielen Anwohnern und Platzbesuchern geforderte »Lärm-Ampel« kommt Wiener allzu bekannt vor. Ein Dezibelanzeiger habe bereits eine Zeitlang in einem Baum am Platz gehangen, erzählt Wiener. Mehrmals habe er erlebt, dass »die Leute sich extra druntergestellt und Lärm gemacht haben, damit die Zahlen nach oben gehen«.
Einige Anwohner haben sehr drastisch gesagt: Wir möchten bei offenem Fenster schlafen. Das macht die Sache natürlich schwierigDetlev Wiener, Mediator
Detlev Wiener hat andere Städte besucht, Berlin, Freiburg — alle haben mit dem Dilemma zu tun, sagt er. Eine Lösung aber sei nirgends gefunden worden. »Man kann versuchen, solche Plätze abzusperren, aber dann wird es Verdrängungseffekte geben. Und man wird jungen Leuten nicht verbieten können, sich nachts zu treffen«, so Wiener. Doch trotz aller Skepsis hält er eine Mediation weiterhin für sinnvoll, allein schon, um eine bessere Atmosphäre zu schaffen. Die sei aber ohnehin besser geworden als früher, findet Wiener. »Die Leute gehen nicht so aggressiv aufeinander los, wie ich das von früher gewohnt bin«. Vielleicht, so Wiener, liege das daran, dass man offenbar einen gemeinsamen Feind ausgemacht habe: die Stadt Köln. »Da kann man gemeinsam drüber schimpfen und die Konflikte untereinander zurückstellen«, so Wiener.
Die Stadt Köln wiederum gewährt zum Brüsseler Platz derzeit keine Interviews. Mitarbeiter des Ordnungsamts, die den Konflikt seit Jahren verfolgen und ihre Einschätzung gern mit der Stadtrevue geteilt hätten, erhalten keine Erlaubnis dazu. Offenbar weiß die Stadtspitze nach 20 Jahren Streit um den Platz noch immer nicht, wie sie mit dem Thema umgehen soll. Dabei drohen inzwischen auch an anderen Orten Klagen. An der Schaafenstraße, einer Kneipenmeile der queeren Community im Mauritiusviertel, aber auch am Aachener Weiher, am Stadtgarten, dem »Mäuerchen« an der Zülpicher Straße, dem Eierplätzchen in der Südstadt oder dem Heumarkt wählen die Anwohner regelmäßig die Nummer des Ordnungsamts, um sich über den Lärm zu beschweren, vor allem an warmen Abenden. Auch außerhalb der Innenstadt feiern die Menschen zunehmend unter freiem Himmel, etwa am Gottesweg in Sülz oder am Alpener Platz in Ehrenfeld. Auch wegen der Autoposer an der Alfred-Schütte-Allee in Poll oder der auf dem Rhein kreuzenden Partyschiffe gibt es immer wieder Lärmbeschwerden.
»Der Brüsseler Platz kann ein Präzedenzfall sein für andere Orte mit ähnlichen Konflikten«, glaubt Isabella Venturini, die für Volt im Stadtrat sitzt. Das Alkoholverbot gehe in die richtige Richtung, allerdings nehme man den Menschen dadurch Räume weg — vor allem jungen Menschen, »die nicht in jede Bar gehen und 12 Euro für einen Aperol zahlen können«, sagt sie. »Es gibt nur wenige Orte in Köln, die frei von Konsumdruck sind, wo man sich einfach aufhalten kann und sich sicher fühlt.« Deshalb sei es wichtig, Ersatzräume wie auf der Vogelsanger Straße anzubieten. Ein Patentrezept sei das aber nicht, so Venturini »Die Situation wird sich immer wieder ändern, deshalb müssen wir flexibel bleiben.« Das sei nicht nur Aufgabe der Verwaltung, sondern »ein gemeinsames Doing.«
Allerdings nützen alle gemeinsamen Anstrengungen, alle Runden Tische, Pop-Up-Biergärten oder Lärm-Ampeln nichts, wenn geklagt wird. Dann muss die Stadt für Ruhe sorgen. Deshalb hofft Venturini auf eine Änderung der gesetzlich erlaubten Lärmwerte. »Die Grenzen des Erlaubten werden ja schon mit normalen Gesprächen und Großstadtgeräuschen überschritten.« Natürlich müsse die Nachtruhe im Großen und Ganzen eingehalten werden. »Aber man muss in der Großstadt einfach mit einem anderen Lärmpegel rechnen als auf dem Land.« Darüber sei man sich im Stadtrat weitgehend einig und versuche, auf die Bundesebene einzuwirken, um die entsprechenden Gesetze an die Realität in Großstädten anzupassen, so Venturini. Allerdings fehle eine verlässliche Datenlage, für den Brüsseler Platz genauso wie für die Schaafenstraße und andere »Hotspots«. Die Stadt habe die Lärmwerte nie systematisch gemessen. »Dann kann man auch schlecht beurteilen, welche Maßnahmen helfen.«
Schaafenstraße, derselbe Freitag Ende Mai, 23 Uhr. Die Tische vor den Kneipen sind voll besetzt. Die Eckkneipe Ex-Corner ist zusammen mit dem Schampanja der Grundstein von »Kölns schwulster Meile«. Draußen liegt das Rauschen vieler Gespräche in der Luft, und wenn sich die Tür des Ex-Corners öffnet, hallen kölsche Tön auf die Straße. Irgendwann kommt der Türsteher und spricht die Leute an: Mit »Fremdgetränken« solle man nicht vor den Kneipen stehen.
»Die Party geht um eins erst richtig los«, sagt Judith Schmitt, die seit 2019 in einer Seitenstraße der Schaafenstraße wohnt. Sie sitzt am Esstisch von Martina Hancke, ebenfalls Anwohnerin, sie lebt seit 2016 im Viertel. »Das Geschehen der Schaafenstraße breitet sich auch in die Nachbarstraßen aus«, erzählt Hancke. Besonders ein Spielplatz in ihrer Straße werde zum Feiern genutzt. »Die Party geht hier immer die ganze Nacht durch, bis zum Sonntagmorgen.« Neben den Gästen der Schaafenstraße würden dort jedoch auch Menschen feiern, die in einem der Hostels im Veedel übernachten. Sie anzusprechen bringe wenig, meint Hancke: »Da kamen dann Sprüche wie: ›Ich habe ein Recht zu feiern.‹« Auch vor Judith Schmitts Wohnung im Hochparterre treffen sich am Wochenende die ganze Nacht Menschen. »2020 war es wegen Corona ruhiger, aber ab 2021 ging dann die Sau ab.« Im gleichen Jahr gründeten die beiden die IG Mauritiusviertel, nahmen Kontakt zu Lokalpolitik und Stadtverwaltung auf und hatten damit auch ein wenig Erfolg: Am CSD oder an Karneval wird der Spielplatz nun eingezäunt. Hancke wäre ein dauerhafter Zaun lieber: »Das Tor könnte man mit Zeitschloss sichern.« So könnten dort tagsüber Kinder spielen, und abends sei der Spielplatz nicht mehr zugänglich. Schmitt und Hancke sehen besonders die Stadtverwaltung in der Pflicht, für Ruhe zu sorgen. »Wir haben eine Stadtordnung, und die muss das Ordnungsamt durchsetzen und Verstöße auch sanktionieren«, meint Hancke. Jedoch sei das Amt kaum erreichbar für sie. »Erst als das Urteil zum Brüsseler Platz gefällt worden ist, ist Bewegung in die Sache gekommen.«
Denn auch in der Schaafenstraße drohte ein Rechtsstreit. Ein Anwohner, der im nördlichen Teil der Straße auch Eigentumswohnungen besitzt, hat schon vor der Pandemie gegen die Stadtverwaltung geklagt, weil es dort zu laut sei. Die Stadt schloss einen Vergleich mit ihm. Der beinhaltete, dass die Verwaltung im Sommer 2024 den Schallpegel an der Schaafenstraße messen ließ und ein Gutachten erstellte. Gesetzlich toleriert werden einzelne Spitzen bis 65 Dezibel, gemessen wurde laut Presseberichten ein Wert bis zu 89 Dezibel. Solche Spitzen wirken besonders dann störend, wenn kein Grundlärm durch die Außengastronomie oder den Verkehr herrscht, also spätnachts oder in den sehr frühen Morgenstunden. Bislang ist das Gutachten nicht öffentlich, aber die Wirte auf der Schaafenstraße kennen es.
»Wir achten darauf, die Türen möglichst geschlossen zu halten«, sagt Matthias Eiting. Er ist Sprecher der Wirtegemeinschaft Schaafenstraße und betreibt zwei Lokale. In einem davon, der Kneipe Mumu, erzählt Eiting: »Hier ist alles schallgedämpft umgebaut. Selbst der Anwalt des Klägers hat dezidiert betont, dass die Gastronomie nicht das Problem sei.« Woher kommt dann aber der Lärm auf der Straße? Mit dem Rauchverbot 2013 sei der Trend gekommen, sich auch an der Schaafenstraße häufiger vor den Lokalen aufzuhalten, die Corona-Pandemie habe dann eine Generation daran gewöhnt, beim Ausgehen oft draußen zu feiern, meint Eiting.
Wir wollen ein Safe Space sein — auch für schwule junge Männer, die keine acht Euro für unsere Longdrinks übrig habenMatthias Eiting, Wirtegemeinschaft Schaafenstrasse
Hinzu komme, dass rund um die Schaafenstraße eine Reihe von Kiosken eröffnet habe, die auch dann noch geöffnet sind, wenn die Außengastronomie der Kneipen schon schließen muss — um 24 Uhr. Martina Hancke von der IG Mauritiusviertel macht besonders diese Kioske für den Lärm in ihrer Straße verantwortlich und möchte, dass auch sie früher schließen. Obwohl ihm durch die Büdchen Einnahmen entgehen, hat Matthias Eiting einen anderen Blick darauf. »Wir wollen in der Schaafenstraße ein Safe Space sein — auch für junge schwule Männer, die keine acht Euro für unsere Longdrinks übrig haben — aber die sollen natürlich trotzdem draußen nicht laut sein«, sagt Matthias Eiting. »Und was ist mit meinem Safe Space als Anwohnerin?«, fragt Martina Hancke. Sie denkt, dass die Kneipen mehr Einfluss auf das Verhalten ihrer Gäste ausüben könnten. Eiting sagt hingegen, dass das Sicherheitspersonal eben nur direkt vor der jeweiligen Kneipe tätig werden dürfe.
Im Mai gab es einen ersten »Interessensausgleich« mit der Stadtverwaltung. Vertreterinnen und Vertreter der zuständigen Ämter, der Gastronomieverbände, der IG Mauritiusviertel und die Wirte waren anwesend, ebenso der Anwalt des Klägers. Nur von den Kioskbesitzern sei niemand aufgetaucht, erzählen Eiting und die IG Mauritiusviertel. In Erinnerung geblieben sind beiden die Ausführungen des Umweltamts, wie man mit technischen Mitteln den Schallpegel dämpfen könne. Hilfreich könnten Stoffmarkisen an den Hauswänden sein, die bis über die Fahrbahn reichen. Sie sollen den Schall in Höhe von etwa vier Metern dämpfen, damit er nicht wie ein Ping-Pong-Ball von der Fassade gegenüber zurück an die Stockwerke über die Kneipen oder in die Seitenstraßen geworfen wird. Nur wer für die Kosten aufkommen würde, ist noch unklar. Matthias Eiting führt schnell den Denkmalschutz an und fragt, ob nicht die Stadtsparkasse an der Seite zur Schaafenstraße eine schallschluckende Fassade anbringen könne. Deren Gebäude wird gerade aufwändig saniert. Die Kneipen aber könnten das Geld dafür nicht aufbringen.
»Es gibt Gemeinsamkeiten mit den Anwohnern«, sagt Matthias Eiting und erwähnt den Müll und die zerbrochen Flaschen, die alle Beteiligten stören würden. »Wir sind zum Kompromiss verdammt«, meint der Wirt. Auch Martina Hancke von der IG Mauritiusviertel erkennt an, dass es legitim sei, dass die Wirte ihre Kneipen betreiben »auch mit Außengastronomie und Außerhausverkauf«. Aber es stört sie, wenn in Treffen mit der Stadt von einem »Interessensausgleich« die Rede sei. »Das bedeutet für mich, dass wir Anwohner Kompromisse schließen müssten. Wir sind aber die Leidtragenden.«
Ein ganz anderes Bild bietet sich am Lenauplatz in Neuehrenfeld. »Ich bin erst seit kurzem hier im Viertel, und jemand meinte zu mir, das sei hier wie Brüsseler Platz 2.0«, sagt eine junge Frau, die mit zwei anderen am Lenauplatz auf einer Bank sitzt. »Aber die Leute sind hier viel gemischter und auch die Stimmung ist ganz anders — und so überfüllt ist es ja auch nicht.« Der Brüsseler Platz sei eher ein Treffpunkt, wo sich Menschen aus anderen Stadtteilen träfen, um dann weiterzuziehen, sagt ihre Freundin. Hier am Lenauplatz kämen die meisten aus der Nachbarschaft.
Etwa ein Dutzend Bänke stehen auf dem Lenauplatz, schnell sind sie besetzt. Wie am Brüsseler Platz gibt es auch hier rundherum Restaurants und Kneipen, einen Supermarkt und auch einen Kiosk. Doch es ist längst nicht so voll wie dort und längst nicht so laut. Dennoch wird bei der Stadt Köln auch der Lenauplatz auf der Liste jener Plätze geführt, an denen es zu Beschwerden wegen Lärm kommt.
Wenn man den Jugendlichen verbal ein Öhrchen langzieht, dann hören die auch
Kenan Genel, Kiosk Lenauplatz
Eine kleine Gruppe Mittdreißiger hat eine große Decke auf der Schotterfläche ausgebreitet für ein abendliches Picknick, ein paar Meter weiter sitzen zwei Männer auf dem Boden, spielen zwischen Bierflaschen Karten und rauchen irgend etwas. An der Tischtennisplatte wird gespielt, später sitzen zwei darauf und trinken Limo. Etwas lauter wird es kurz, als eine Gruppe aufgekratzter Schülerinnen aus dem Supermarkt kommt, sich giggelnd mit ihren Handys knipst und dann auf Jungs trifft, die betont lässig und etwas ziellos mit einem Energydrink in der Hand herumstehen. Eine Gruppe älterer Menschen sitzt derweil auf einer Bank, die von der Abendsonne beschienen wird. Synchron recken sie mit geschlossenen Augen die Gesichter in die Sonne. Einer der Rentner hat einen Klappstuhl mitgebracht, auch Musik ist zu hören, wenn man näher tritt.
»Ich bin fast jeden Tag hier, mich kennt hier jeder«, sagt der Rentner. Ein bisschen Stolz schwingt dabei mit. Er wohne gern hier, ein echtes kölsches Veedel sei das — und der Lenauplatz eben der Treffpunkt für die Menschen in der Nachbarschaft. »Man kennt sich doch, hier ist es friedlich.« Seit Jahrzehnten schon komme er hierher. »Die Kinder, die hier früher Laufen gelernt haben, das sind jetzt die Jugendlichen, die hier ihre Freunde treffen.« Ja, manchmal bringe er einen Klappstuhl mit zum Platz und auch Musik. »Aber so, dass es keinen stört. Wir nehmen hier Rücksicht aufeinander.«
Das bestätigen auch Affan und Kenan Genel. Die beiden Brüder betreiben seit 2020 den »Kiosk Lenauplatz«. Mehrere Zeitschriftenständer stehen davor, darunter Fachzeitschriften und internationale Presse. Es gibt Snacks, Süßigkeiten und eine gute Getränkeauswahl. Man habe viele Stammkunden, sagt Kenan Genel. »84,7 Prozent der Leute auf dem Platz sind quasi Familie«, sagt er, soll heißen: »Man kennt sich, und man hat automatisch Respekt voreinander und soziale Verantwortung, dass man sich zusammenreißen muss. Es sind ohnehin die Menschen hier, die den Platz attraktiv machen. Wir haben hier alles: bis hin zum Sporthochschulprofessor und Doktor Doktor der Philosophie.«
Aber woher kommen dann die Lärmbeschwerden, die bei der Stadt Köln eingehen? »In den Schulferien ist es an den Freitagen hin und wieder ein bisschen kritisch«, sagt Kenan Genel. »Dann kommen Jugendliche aus der näheren Umgebung, sprich Ossendorf und Bickendorf, die machen hin und wieder Mist, streiten sich untereinander, sind manchmal zu laut, das kommt leider vor«, erzählt Genel. »Aber die werden von uns dann auch gar nicht mehr bedient. Und wenn man denen verbal ein Öhrchen langzieht, dann hören die auch.«
Genal und sein Bruder engagieren sich auch im Verein »Wir in Neuehrenfeld«, einem Zusammenschluss von Geschäftsleuten im Veedel. »Der eine kauft im Supermarkt, der andere bei uns. Aber das Schwätzchen dabei, das gibt es halt im Supermarkt nicht. Wir spielen Seelsorger, wir sind auch Kummerkasten — man weiß über alles Bescheid.« Auch wenn Anwohner unzufrieden seien, weil es vielleicht mal lauter geworden sei. »Wir sind abends um zehn Uhr weg, aber wenn danach noch etwas los war, bekommen wir das am anderen Tag mit«, sagt Kenan Genel. »Wir kennen ja die Berichte vom Brüsseler Platz, da wollen wir nicht auch in den Fokus geraten, sondern Verantwortung übernehmen, auch was die Lautstärke betrifft. Wir respektieren die Nachtruhe der Nachbarn und übertreiben’s nicht. Jeder muss hier zufrieden sein.«