Selbstbewusst in die Krise
Als der Rat der Stadt Köln Anfang November erstmals nach der Wahl zusammentritt, ist die Stimmung gelöst. Sitzungsleiter ist zunächst der langjährige FDP-Politiker Ralph Sterck als Altersvorsitzender, bis er Torsten Burmester von der SPD seinen Amtseid als neuer Oberbürgermeister leisten lässt. Sterck macht ein paar Scherze, Burmester versucht es auch, man ist um gute Stimmung bemüht.
Dem Rathaus und der gesamten Stadt stehen jedoch keine heiteren Zeiten bevor. Stadtkämmerin Dörte Diemert hat eine Haushaltssperre verhängt. Zunächst bis Ende Dezember dürfen keine neuen Ausgaben getätigt werden, die nicht unbedingt notwendig oder vertraglich zugesagt sind. Der neuesten Prognose zufolge steigt das Defizit für das Haushaltsjahr 2025 von geplanten knapp 400 Mio. auf 582 Mio. Euro. Diemert nennt als Gründe steigende Kosten im sozialen Bereich und fehlende Gewerbesteuereinnahmen. Viele Städte und Kommunen ächzen unter den finanziellen Lasten, die ihnen vor allem durch Bundesgesetze aufgebürdet werden.
Niemandem dürfte entgangen sein, dass die Mehrheitsverhältnisse in diesem Rat nicht einfach sindOB Torsten Burmester (SPD)
In seiner Antrittsrede gibt sich Burmester »selbstbewusst, wie es meine Art ist« und beteuert, bei Bund und Land stärkere Unterstützung einzufordern. Ansonsten wirbt der neue OB für Kooperationsbereitschaft in Köln. »Niemandem dürfte entgangen sein, dass die Mehrheitsverhältnisse in diesem Rat nicht einfach sind«, so Burmester.
Inhaltlich wiederholt Burmester seine Wahlkampfthemen: Sicherheit und Sauberkeit, bezahlbares Wohnen sowie »wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen«, denn neue Arbeitsplätze sollen in Köln entstehen und die Gewerbesteuereinnahmen wieder steigen. Burmesters Rede, ebenso eindringlich wie floskelhaft, schärft dennoch das Profil seiner Partei. Er vertritt eine klassische sozialdemokratische Linie. Verkehrswende, Klimaschutz oder auch identitätspolitische Debatten — all das, womit man sich bei den Grünen bevorzugt beschäftigt — tauchen bei Burmester nicht oder allenfalls am Rande auf. Auch aktuelle Diskurse über die Transformation der Arbeitsgesellschaft oder klimaresiliente Stadtplanung sind seine Sache nicht, sondern vor allem Industriearbeitsplätze und schneller Wohnungsbau. Wie sich hier
SPD und Grüne annähern können, ist unklar. Die CDU ist nach den Verlusten bei der Wahl und dem Scheitern ihres OB-Kandidaten Markus Greitemann mit sich selbst beschäftigt — wieder einmal. Ein zehnseitiges Thesenpapier analysiert Fehler, soll aber zugleich den Aufbruch markieren. Wohin, ist offen. Ebenso, ob sich daraus personelle Folgen ergeben. Das macht die CDU als möglichen Partner für SPD und Grüne nicht gerade attraktiv. Dass es zu einem rot-grünen Kernbündnis kommen wird, gilt derzeit als wahrscheinlich. Für die nötige Mehrheit im Rat könnte statt der CDU die fünfköpfige Volt-Fraktion hinzustoßen — eine denkbar knappe Mehrheit; ein Bündnis mit der Linken wird offenbar nicht mehr in Erwägung gezogen.
Neben Burmester als OB sind auch wieder die mit repräsentativen Aufgaben betrauten Stellvertreter, die Bürgermeister, gewählt worden, dieses Mal allesamt Frauen. Weiter im Amt ist die Grüne Brigitta von Bülow, dazu ihre Parteikollegin Derya Karadag sowie von der CDU Teresa De Bellis-Olinger und von der SPD Maria Helmis-Arend. Dass die Vize-Posten rein weiblich besetzt sind, ist neu — aber ist es tatsächlich ein Erfolg für den Feminismus, wie in manchen Kommentaren zu lesen war? Man kann es auch so deuten, dass gerade jene Politikerinnen, die sich in den vergangenen Jahren profilierten, nun überwiegend repräsentative Aufgaben übernehmen. Und überhaupt: Dass es den Interessen benachteiligter Frauen hilft, wenn ein Mann als OB sich bei Terminproblemen durch eine der Bürgermeisterinnen vertreten lässt, ist nicht sofort einzusehen.
Nach Burmesters Amtseinführung wurden auch die Vorsitzenden der Ratsausschüsse gewählt. Durch ihren Wahlerfolg erhält erstmals die AfD einen Vorsitz, im Wirtschaftsausschuss. Wie die demokratischen Ausschussmitglieder damit umgehen sollen, wird über die Fraktionsgrenzen hinweg noch diskutiert. In der ersten Sitzung geht es unter anderem um eine Studie mit dem Titel »Gesellschaftliche Vielfalt und kommunales Diversity-Management als Standortfaktor«.
Ratssitzung
16.12., 14 Uhr
Erste Sitzung nach Konstituierung des Stadtrats
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