Backstage

Was in Köln hinterden Bühnen abgeht

Jörg Guido Klemenz (Text) und Thomas Schäkel (Foto) waren auf einem Streifzug durch Kölner Konzerthallen und Clubs. Aber nicht abends, sondern tagsüber. Und auch nicht, um über Musik zu schreiben und Bands zu fotografieren. Sie nahmen das in Augenschein, was eine zentrale Voraussetzung für den ­Konzertbetrieb 
ist — die aber den allermeisten Gästen verborgen bleibt: den Backstage-Raum.

 

Prolog

Normalerweise beginne ich meine Texte mit dem Satz »Ein Song kommt, wann er es will«. Keine Sorge, dieser Satz und der mit ihm verbundene Song wird kommen. Gleich.

Zuvor zu unserer Idee, die allein ist schon kurios: die Backstage-Räumlichkeiten von Kölner Konzert-­Locations abzuklappern, sie zu erleben und zu bestaunen, ihren Geschichten und Geschichtchen hinterher zu spüren. Einige dieser vielversprechenden Türen mit legendenhaft-vertrockneten Fingerabdrücken blieben für uns verschlossen, andere dagegen öffneten sich. Mal müde (C-Seite), mal überraschend (B-Seite), mal imposant (A-Seite). »In dust the story begins«, haucht Ada Morghe ins Mikrofon, während ich zu Hause noch Kaffee aufkoche. Ein Song kommt, wann er es will. »Begins«. Uhlandstraße. Köln.

 

A-Seite

Türen öffnete sich ... wie jetzt das riesige Aluminium-Tor im Hinterbühnen- bzw. Anlieferungsbereich der Lanxess-Arena: Ein 700 m2 großer Betonplatz samt einem Lade-Dock, in dem zwei LKWs gleichzeitig be- oder entladen werden können. Beeindruckend. Und ziemlich zugig. Weil sich die strammen Winde der Kölner Bucht hier ihren Sammelpunkt gewählt zu haben scheinen. Ein Wunder fast, dass sich Madonna, Elton John, Sam Smith und alle übrigen Superstars des Business hier bei ihrer Ankunft keinen Schnupfen zugezogen haben.  Carsten Heling — Head of Media & Public Relations für die Arena — demonstriert mit nur ­einem Knopfdruck, wie uns dieses monströse hochrollende Etwas einen atemberaubenden Einblick in das Innere der Multifunktionshalle gewährt, die mit bis zu 20.000 Plätzen die größte Veranstaltungshalle Deutschlands ist und in dieser Kategorie sogar zu den modernsten der Welt zählt. Thomas hält drauf, ich ­stehe daneben. Und sage nichts. 

Von Weitem erkennt man ein paar — ­Achtung! — Rigger. Das sind Fach-Frauen und Männer, die in Arenen für das sogenannte —Rigging, also das sichere Hängen von Lasten, Traversen, Licht, Lautsprechern etc., verantwortlich sind. Es wird geschraubt, gehämmert und getragen, was das Zeug hält. Die Rigger in ihren roten, gelben und weißen Schutzhelmen sehen von unserer Position ein bisschen wie fleißige Oompa-Loompas (Charlie und die Schokoladenfabrik!) aus. Aber fleißig müssen sie auch sein, denn schon am nächsten Tag wird die britische Folk-Rock-Band Mumford & Sons vor ausverkauftem Hause erwartet. Ob Sänger und Gitarrist Marcus Mumford von den Kölner Arena-Winden vor dem riesigen Aluminium-Tor im Hinterbühnen- bzw. Anlieferungsbereich der Lanxess-Arena weiß? Vielleicht. »But it was not your fault but mine / And it was your heart on the line / I really fucked it up this time / Didn’t I, my dear? / Didn’t I, my dear?«. Scheiße, ja, ein Song kommt, wann er es will. »Little Lion Man«.  

Aber weil die Tour durch die heiligen Hallen neben den schmutzigen Gleisen der Deutz-Mülheimer Straße an dieser Stelle noch nicht zu Ende ist, hier drei weitere emotionale Arena-Backstage-Höhepunkte: Da sind zum einen die »Sign Here«-Tafeln. Diese etwa 1,5 Meter mal 1,5 Meter großen Kunstharz-Tafeln hängen in einem der unzähligen Gänge, die sich wie Ameisenfurchen um das Oval des Inneren der Kölner Bogenträger-Konstruktion schlängeln. Das künstlerisch interessante Autogramm von Benson Boone, dem 23-jährigen US-amerikanischen Sänger aus Monroe (Washington), der erst kürzlich mit der Single »­Beautiful Things« seinen internationalen Durchbruch erfuhr, sticht im Lichte des Beinahe-Alleinstellungs-Merkmals in goldener Edding-Schrift auf der aktuellsten Signier-­Tafel hervor. Aber: »Viele Künstler:innen lassen jemanden aus ihrem Team unterschreiben, das hat sich irgendwie so etabliert«, fällt Heling dazu noch spontan ein, während meine Augen versuchen, die unzähligen Unterschriften und Einträge — Ethan Tumbler, Jordan McCormick, Il Volo — einzuordnen.

Ob Sänger und Gitarrist ­Marcus Mumford von den Kölner Arena-­Winden vor dem ­riesigen Aluminium-Tor  im Hinterbühnen­bereich der ­Lanxess-Arena weiß? 

Ein paar Meter weiter wird es sakral in der Profanität. Naja, zumindest für ein paar Sekunden, wenn wir vorbeischlendern an den Backstage-Herzstücken, den Aufenthaltsräumen von Green Day, Dave Grohl, Lionel Richie und Co. Schlicht-schwarze Ledersofas, die ein oder andere Stehlampe, und nicht zu vergessen: Duschen. Das alles sieht eher nach modernen Jugendherberge als nach Fünf-Sterne-Deluxe-Suite aus. Dass bisher noch keiner die Duschwasser-Plörre von Justin Timberlake oder Katy Perry in Einmachgläsern heimlich nach draußen verfrachtet und via Ebay-Kleinanzeigen zu unverschämt hohen Preisen versteigert hat: niemanden wundert’s.

Höhepunkt Nummer drei: das Kleinkrankenhaus. In dem würden meistens Moshpit-Verletzte behandelt. Einmal ­allerdings sei darin auch schon eine Geburt eingeleitet worden, erzählt Heling. Und zwar während des Handball-Champions-League-Finales 2010, als der KC Kielce (POL) gegen den KC Veszprém (HUN) spielte. Die Spannung der Partie habe, so Heling, wohl zum Platzen der Fruchtblase beigetragen. Nach ­einer kurzen Erstversorgung im Arena-Krankenhaus sei die Frau dann in eine »richtige« Klinik gebracht worden. By the way: Die Frau — bekennender KC Kielce-Fan — brachte ihr Kind schließlich gesund in Köln zur Welt. Und: Kielce gewann den Pokal am Ende sogar noch.  »Hör mir zu, wenn ich schweige, ich hab so viel zu erzählen / Und das Reden fällt oft leichter, wenn mir die Worte… / Wenn mir die Worte fehlen«. Ja, —Wincent Weiss war auch schon zu Gast in der Arena. Ein Song kommt, wann er es will. »Wenn mir die Worte fehlen«. Lanxess-Arena.

 

B-Seite

Ein paar Tage zuvor: Oskar-Jäger-Straße, Ecke Lichtstraße. Die unteren Fensterscheiben des Sonic Ballrooms, dieses »zwanglosen Musikclubs mit Konzerten von Punk- und Rockbands in dunklem Raum mit graffitibedeckten Wänden« (so steht es im Netz), sie sind von tausenden Bandaufklebern bedeckt, oder wird die Scheiben-Statik gar von diesen gehalten? Man weiß es nicht. Auf der Rückseite des senfgelben Gebäudes jedenfalls gibt’s eine unscheinbare Tür mit einer Klingel. »Brrrrriiiiiing, Brrrrriiiiiing, Brrrrriiiiiing«. Etwa eine Minute später öffnet uns Antje Buchhorn mit den Worten »Hi, ich wusste gar nicht, dass die Klingel überhaupt noch funktioniert. Das überrascht mich jetzt«. Sachen gibt’s. 

Ein Stockwerk höher begrüßen wir zudem Chris Linder und Roman Pauels. Die Drei leiten seit mittlerweile über 25 Jahren die Geschicke dieses Kölner Kultclubs. Und »die allermeisten Bands nächtigen hier bei uns«, erzählt Linder. Um die 5000 werden es wohl schon gewesen sein, z.B. Black Box Pilot, Steakknife, The Jancee Pornick Casino, Rantanplan, Bambix, The Typhoons, Spermbirds, Knochenfabrik, Chefdenker, Angelika Express, Sedlmeier, Hathors, Skin Of Tears, Human Toys... 

Ich wusste gar nicht, dass die Klingel ­überhaupt noch ­funktioniert. Das ­überrascht mich jetztAntje Buchhorn, Sonic Ballroom

Pauels nickt bestätigend. Wandelt man durch die zwei Schlafzimmer und das Wohnzimmer — mit Kronleuchter! — der Location, quillen Bilder in mir auf, die längst, zumindest glaubte ich es wohl, in den Tiefen meines Hippocampus hätten versackt sein müssen: Mit der eigenen Band durch die Clubs der Republik touren — mit ein bisschen Glück liehen die ­Eltern einem dafür ihren VW T4 für ein paar Wochen aus — und nach der Show musik-, bier- und whiskeytrunken voller Glückseligkeit in eben solch ein »Sonic Ballroom-Bett« fallen. Unser Bassist (Sascha Becker, ruhe in Frieden! Er liebte den Sonic Ballroom) hatte inzwischen irgendwo den geeigneten Platz für den Bandaufkleber gefunden. Ganz bestimmt. Eine geile Zeit war das, Mann!

Beim Hinausgehen aus diesem Teil meiner Vergangenheit entdecke ich doch tatsächlich noch einen Aufkleber. Auf dem steht: »Uli Sailor. Punkrock Piano«. Ein alter Schulkollege. Was macht der eigentlich noch so? Heute singt er: »Weißt du noch als wir träumten, dass mal alles gut wird / Jetzt sitzen die Faschos wieder im Reichstag«. Ein Song kommt, wann er es will. »Weißt Du Noch«. Sonic Ballroom.

 

C-Seite

»Jazz in Köln nach dem Krieg war untrennbar eingebunden in die Geschichte des Jazz in Deutschland«, schreibt Robert von Zahn in seiner Dokumentation »Jazz in Köln seit 1945 — Konzertkultur und Kellerkunst«. Und weiter: »Es gab keinen Sonderweg, doch gab es spezifische Kölner Schwerpunkte.« Ja, man kann abtauchen in die Kölner Jazz-Szene. Das Loft zum Beispiel im Stadtteil Ehrenfeld ist auch heute noch »Szene-Backing« für die Jazzmusiker:innen in der Stadt. Viele der kreativen Projekte der Kölner Szene sind dort entstanden, viele Jazzstudierende spielen auch heute noch dort ihre Abschlusskonzerte. Im Jahr 2021 wurde das Loft von den Mitgliedern der Deutschen Jazzunion zum Deutschen »Club des Jahres« gewählt.

Urs Benedikt Müller — promovierter Biologe, im Musikbetrieb von allen Benni genannt — kommt noch in der erlaubten akademischen Viertelstunde um die Ecke der Wissmannstraße 30 geflitzt. Mit ihm zusammen gehen wir die 64 Stufen hoch in den Club. Von dort oben hat man einen wunderschönen Blick über die Dächer Ehrenfelds. Spannend: Das Essener Jazz-Quartett Grounding — Fabian Deschler (Altsaxofon), Daniel Sauer (Tenorsax), Olle Lannér Risenfors (Kontrabass) und Malte Wiest (Schlagzeug) —, das sich musikalisch in einem Spannungsfeld zwischen zeitgenössischem und avantgardistischem Jazz bewegt, »besetzt« just an diesem Morgen das Backstage gelegene Studio des Lofts samt Kaffeebar und Schlafräumen. Die Band sitzt verstohlen auf dem Sofa hinterm Mischpult und lauscht den Aufnahmen des Vortags. Olle, der Bassist, macht uns einen Kaffee. Endlich wach. Wach für die Geschichten von Benni, der uns in die Schlafgemächer führt. Ein Doppelbett — ganz nett — und weiter durch: Dusche und WC. »Bei den aktuellen Kölner Hotelpreisen sind die Musiker:innen sehr dankbar, wenn sie hier pennen können«, sinniert Benni, Sohn des Gründers und Betreibers Hans Martin Müller. Die ­allermeisten jungen Künstler:innen würden ­sowieso am unteren Ende des Existenzminimums leben, fügt er hinzu. Dann stelle er eben die Wäsche aus den beiden hinteren Räumen raus und mache Platz für Genies an Piano, Bass, Gitarre oder Schlagzeug.

Bei den aktuellen Kölner Hotelpreisen sind die Musiker:innen sehr dankbar, wenn sie hier pennen könnenUrs Benedikt Müller, Loft

Pablo Held, Kölner Aushängeschild einer jungen Generation von Jazzmusikern aus ganz Deutschland, der regelmäßig im Loft die Konzertreihe »Pablo Held Meets« kuratiert (das nächste Mal am 9.12.), wird das liebevoll eingerichtete Kabüffchen à la Benni-Loft wohl nicht in Anspruch nehmen (müssen), denn er lebt in Köln und wird in die Wissmanstraße 30 radeln und dabei die Melodie seiner Eigenkomposition »Investigations« pfeifen. Höchstwahrscheinlich. Loft.  

 

Epilog

Letzter Backstage-Abend für Thomas Schäkel und mich — im King Georg. Das geht ganz schnell, es ist ein Raum im Kellergeschoss — direkt neben den Frauentoiletten. Nur so viel: Das wird hier eng für die King Georg Bigband (12 Musiker:innen). Aber egal. die Atmosphäre zählt. Und noch wichtiger: Das Jazz-Trio open excess — Lucca Keller (Piano), Torben Schug (Bass), Till Menzer (Schlagzeug) samt Gastmusiker:innen Anna Reizbikh (Gesang), Jordan White (Gitarre) und Luise Volkmann (Altsax) — spielt oben. Über dieses außergewöhnliche Trio und sein Netzwerk demnächst mehr in der Stadtrevue. Anna singt »Well sometimes I go out by myself / And I look across the water / And I think of all the things, what you’re doing / And in my head I paint a picture«. Ein Song kommt, wann er es will. »Valerie«. King Georg.