»Entwicklung, die mich beunruhigt«: Tim Döller in der Bottmühle, dem Sitz der »Falken«

»Junge Menschen ­wurden nicht gefragt«

Tim Döller vom Kölner Jugendring erklärt, warum er den neuen Wehrdienst ablehnt

Tim, Du bist 21 Jahre alt und musst demnach nicht mehr zur Musterung. Glück gehabt?

Ja, da bin ich schon froh. Mein Bruder ist aber Jahrgang 2008, ihn trifft es ab dem kommenden Jahr. Das ist schon eine Entwicklung, die mich beunruhigt, auch wenn ich weiß, dass mein Bruder keinen Wehrdienst machen wird. 

Was hast Du nach der Schule gemacht?

Ich habe ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Wohnungs­losen­hilfe am Haupt­bahnhof gemacht. Da habe ich arbeiten gelernt und meinen Bereich gefunden. Ich studiere jetzt Soziale Arbeit. Aber es war auch ein Privileg, dass ich das machen konnte. Einen Lohn von 400 Euro im Monat für 40 Wochen­stunden muss man sich leisten können. Das ging nur, weil meine Eltern mich unterstützt haben.

Die Musterung ist der erste Schritt, um Menschen in den Krieg zu schickenTim Döller, Kölner Jugendring

Der Kölner Jugendring hat zum Protest gegen das neue Wehrdienst­gesetz aufgerufen. Warum lehnst Du den Wehrdienst ab?

Niemand sollte dazu ausgebildet werden, zu töten. Selbst wenn zurzeit viel auf die Freiwilligkeit verwiesen wird — damit kann es ganz schnell vorbei sein. Die Musterung ist der erste Schritt, um Menschen in den Krieg zu schicken. Die Bundes­wehr lockt die Menschen mit einem hohen Lohn und der Möglichkeit eines Studiums. Auf der Gamescom wirbt sie mit VR-Shootern für sich — aber das zeigt doch nicht das, was man dort wirklich tut. In einem Spiel ist es das Eine, aber in der Realität ist es kein Spaß, andere auf Befehl zu töten.

Lehnst Du eine militärische Verteidigung denn per se ab?

In einem Staat, der das Wohl seiner Bürger wirklich an die erste Stelle stellt, würde ich zur militärischen Verteidigung vielleicht beitragen. Aber gerade das neue Wehr­dienst­gesetz zeigt ja, dass der Staat das eben nicht tut. Es geht nicht um Freiheit, denn eine Wahl wird uns im Ernst­fall gar nicht gelassen. Das Gesetz betrifft junge Menschen, ist ein Riesen­eingriff in ihr Leben, aber es wurde mit keinem jungen Menschen darüber geredet. Das finde ich undemo­kratisch. Die Betroffenen konnten bisher meist nicht einmal wählen.

Der Staat interessiert sich nicht für die Belange junger Menschen?

Ja, denn das gleiche gilt ja auch fürs Klima: Wenn junge Menschen über Umweltp­olitik entscheiden könnten, sähe es in diesem Land ganz anders aus, beim Schul­system genauso. Und die Wehr­pflicht wird, sollte sie kommen, vor allem arme Menschen treffen. Den guten Lohn und die Studien­möglich­keiten brauchen vor allem arme Menschen, die vielleicht auch schlechter informiert sind. Kinder aus reichem Eltern­haus werden das eher nicht machen, denn die wissen, was bei einem Auslands­einsatz passieren kann, dass man dort sterben kann oder traumatisiert zurück­kommt. Und sie haben eben Alternativen.

Du selbst hast ein Freiwilliges Soziales Jahr gemacht, aber einen sozialen Pflicht­dienst lehnst Du auch ab.

Wenn man die Jugend und ihr Engagement genug fördern würde, bräuchte man keinen Pflichtdienst. Ein Recht auf einen sozialen Dienst wäre viel sinnvoller. Es gibt ja auch total viel Engage­ment, das komplett freiwillig ist. Bei selbst­organisierten Gruppen machen Jugendliche — wie ich bei den Falken — das, was sie möchten, voll­kommen ehren­amtlich, mit Riesen­arbeits­aufwand. Bevor man nach einer Pflicht ruft, müsste man das fördern.

Aber viele Projekte im Jugendbereich werden doch auch gefördert.

Stimmt. Noch. Da wird die Luft aber sehr dünn. Das Programm »Demokratie Leben« wird zum Beispiel zusammen­gestrichen. Bei vielen Projekten wird gekürzt, wir haben in Köln eine Haus­halts­sperre. Alles, was sozial ist, steht vor Riesen­problemen — und die kommen primär daher, dass der Staat das Geld in die Auf­rüstung steckt.

Siehst Du keine Notwendigkeit, mehr in die Verteidigung zu investieren, angesichts der russischen Aggressionen und der US-amerikanischen Sicherheits­strategie?

Dazu habe ich noch keine hundert­prozentige Meinung, aber ich denke schon, dass vor allem mehr in Verhandlungen investiert werden sollte. Verhütung ist das wichtigste — und nicht Aufrüstung