Marktversagen
Viele haben aufgegeben. Einige sind umgezogen. Wieder andere machen weiter, als wäre nichts gewesen. »Es werden am Tag X noch etliche Unternehmen vor Ort sein«, sagt Michael Rieke von der Interessengemeinschaft Kölner Großmarkt. Tag X — das ist der 31. Dezember. Wenn der Großmarkt in Raderberg dann, wie an jedem Tag, um 14 Uhr schließt, wird er nie wieder öffnen. Es ist das Ende am bisherigen Standort nach 85 Jahren und überhaupt das Ende eines Großmarkts in Köln. Es ist auch das Ende einer der größten Possen der jüngeren Stadtgeschichte.
2007 hatte der Stadtrat beschlossen, den Großmarkt nach Marsdorf zu verlegen. Am bisherigen Standort sollte Platz gemacht werden für das Stadtentwicklungsprojekt Parkstadt Süd. Nur: Die Fläche an der Toyota-Allee in Marsdorf ist bis heute ein Acker, das »moderne Frischezentrum« kam dort nie an. Am Ende unzähliger Debatten steht schlicht: nichts. Im Oktober 2024 war es das damalige Ratsbündnis aus Grünen, CDU und Volt, das dem Großmarkt gemeinsam mit OB Henriette Reker endgültig das Verfallsdatum verpasste: Höchstens haltbar bis Ende 2025.
Der Ärger der Händler ist groß. »Die Stadt ist halsstarrig. Erst schmeißt sie die Händler auf die Straße, dann überlässt sie es ihnen auch noch selbst, eine Lösung zu finden«, sagt Michael Rieke. Sechzig, vielleicht hundert seien noch vor Ort, schätzt der Sprecher der IG. »Es gibt einige Händler, die sich selbst um eine Alternative bemüht haben.« Doch geeignete Standorte seien rar und der Vorlauf von kaum mehr als einem Jahr knapp. Wenigen sei ein nahtloser Übergang in eine neue Existenz gelungen. Viele, gerade ältere Händler, hätten aufgegeben, ihre Betriebe liquidiert und ihre Mitarbeiter entlassen. Zudem müssen etliche Händler für den Rückbau ihrer gepachteten Flächen aufkommen, an denen sie Umbauten vorgenommen hatten. Es handelt sich um mitunter sechsstellige Summen.
Von der Stadtverwaltung fühlen sich die Händler alleingelassen. »Die Stadt Köln«, sagt Rieke, »hat den Großmarkt schon lange aufgegeben.« Im Angesicht des Endes kocht der angestaute Frust aus zwei Jahrzehnten Großmarkt-Debatte hoch. »Uns wurde über Jahre immer wieder versichert, dass der Großmarkt verlagert wird. Irgendwann haben wir gemerkt: Das wird nie passieren«, sagt Rieke. Stattdessen hätten Stadt und Politik eine Hinhalte-Taktik gefahren. »Wenn man vor fünf Jahren Tacheles mit uns gesprochen hätte, hätten wir das Projekt selbst in die Hand genommen und es gäbe künftig noch einen Großmarkt«, glaubt Rieke. Dass als Nachfolger des Großmarkts ein sogenannter Foodhub, in dem vor allem Lebensmittel aus der Region vermarktet werden, entstehen wird, wie es sich Teile der Politik wünschen, bezweifelt Rieke hingegen.
»Das ist eine Utopie.« Über Jahrzehnte gewachsene Strukturen seien unwiederbringlich zerstört worden. Auch wenn einige Händler womöglich erst am 31. Dezember realisieren, dass wirklich alles aus ist. »Die Leute hier haben lange gedacht: Die Stadt Köln wird doch den Großmarkt nicht einfach schließen, das wird nicht passieren.«