Rechte Väter

Bonner Netzwerk verbindet Antifeministen

Ihre Forderungen scheinen auf den ersten Blick plausibel: Eine Gruppe von Vätern setzt sich für geteilte Elternschaft nach einer Trennung ein. Radikale Väterrechtler wollen die gemeinsame Kinderbetreuung zum Standard machen. Dafür aber verharmlosen oder leugnen sie gar häusliche Gewalt. Hinter ihren Organisationen stehen Männer, die einen Statusverlust als »Familienoberhaupt« befürchten. Ein Verein in Bonn vernetzt sie international. Katarina Machmer hat sich die Verbindungen angeschaut — und eine Männerrechtsbewegung entdeckt, die Justiz und Politik beeinflussen will. In Teilen ist das bereits gelungen.

Es waren Sätze wie »Ihr sollt nicht reden, sondern ge­horchen«, oder: »Ich werde meinem Sohn zeigen, wer das ­Sagen hat!«. Sätze, auf die oft weitere Gewalt folgte: Schläge, Schubsen, Schreien. Emilia, die eigentlich anders heißt, hat die Angriffe ihres Ex-Partners gegen sie und ihr Kind jahrelang ertragen. Niemand kam ihr zu ­Hilfe. Vor Gericht und im Jugendamt sei ihr nicht geglaubt worden, erzählt die junge Mutter aus Köln im ­Gespräch mit der Stadtrevue. So kam es, dass ihr Ex-­Partner nach der Trennung das Recht auf Umgang mit seinem Sohn behalten konnte.

»Wenn ich die Gewaltausbrüche meines Ex-Partners zur Sprache brachte, hieß es, ich sei überfürsorglich und übertreibe«, sagt Emilia. Vom Jugendamt sei sie zwar zu einem Gespräch eingeladen worden. »Aber in der Sitzung ging es nicht um die Gewalt, sondern um den Verdacht, dass ich ein zu großes Misstrauen gegenüber dem Vater hätte.« Emilia sei gesagt worden, sie lasse eine Bindung ihres Kindes zu seinem Vater nicht zu und beeinflusse ihr Kind dadurch negativ. Mit diesem Narrativ, wird sich zeigen, wurden nicht nur Emilias Gewaltvorwürfe beiseite geschoben. 

Ihre Geschichte ist die einer Mutter, die als unglaubwürdig und als Täterin dargestellt wird. Sie ist kein Einzelfall. Sondern möglicherweise ein Resultat der gut orchestrierten Lobbyarbeit verbitterter Trennungsväter, die mit gewaltverharmlosenden Thesen versuchen, Einfluss auf Justiz und Politik nehmen. Diese Männer steuern gezielt zurück zu alten Geschlechterrollen, die ihnen den Platz als Familienoberhaupt sichern sollen. Auch Emilias Anwältin, erzählt die Kölnerin, habe sie vor einem »Syn­dikat von Vätern« gewarnt, gegen das man kaum ankämpfen könne. Die Aktivisten sind weltweit vernetzt. Und so führt die Reise, die Emilias Erfahrung erklären könnte, zunächst zu einer internationalen Konferenz in Portugal.  

Am 5. Dezember 2025 gibt der Amerikaner Edward Bartlett einen Workshop an der Universität von Lissabon. Darin geht es laut Programmheft um »globale Entwicklungen zur Beseitigung von Missbrauchsvorurteilen gegen Männer und Väter«. 

Bartlett ist Gründer der US-amerikanischen Organi­sa­tion Stop Abusive and Violent Environments (SAVE), die sich nach eigenen Angaben um »Fairness und Chancen­gleichheit für Männer« bemüht. Auf der Website stößt man auf die Kampagne Men’s Equality Network, kurz MEN. Unter dem Hashtag »Geschlechtergerechtigkeit für Männer« steht dort, Männer seien das »Rückgrat der Zivilisation«, unter anderem als Väter. Als solche seien sie unabdingbar für das Wohlbefinden von Kindern und leisteten einen »ein­zigartigen und wichtigen« Beitrag zu ihrer Entwicklung. 

Die Konferenz, auf der Bartlett spricht, trägt den Titel »Geteilte Elternschaft in der Praxis — Herausforderungen und Chancen«. Dort referieren Anhänger der sogenannten Väterrechtsbewegung, die auch potenziell gewalttätigen Trennungsvätern vor Gericht wieder Zugang zu ihren Familien verschaffen will. Um ihr Ziel durchzusetzen, propagieren die Aktivisten das sogenannte Wechselmodell, nach dem Kinder aus Trennungsfamilien gleich viel Zeit bei beiden Elternteilen verbringen. Ein Modell, das für sich genommen plausibel erscheint. Doch die Väterrechtler möchten es zum Standard nach Trennungen machen. Ein Schritt, mit dem Vorwürfe häuslicher Gewalt institutionell übergangen werden könnten, warnen viele, die sich mit dem Thema auskennen.

In Deutschland engagiert sich besonders ein Verein für das Wechselmodell: der Internationale Rat für die ­Paritätische Doppelresidenz in Bonn. Er organisiert seit 2014 Konferenzen zum Thema, bisher in verschiedenen Städten Nordamerikas und Europas. Auch die Konferenz in Lissabon hat der Verein veranstaltet. Auf seiner ­Website präsentiert er sich mit seinem englischen Namen International Council on Shared Parenting (ICSP). Dahinter stehen Väterrechtler, die über ihre Konferenzen wohl Verbündete finden — und dabei vor radikalen Mitgliedern und Referent:innen nicht zurückschrecken. Auf Nachfragen der Stadtrevue dazu reagierte der Verein nicht. 

Der ICSP will »wissenschaftliche Erkenntnisse« zu den »Bedürfnissen und Rechten« von Kindern aus ­Trennungsfamilien verbreiten und weiterentwickeln. So steht es auf der Website. Weiter heißt es da, der ICSP wolle »evi­denzbasierte Empfehlungen zur rechtlichen, juristischen und praktischen Umsetzung der gemeinsamen Elternschaft« formulieren. Im Vorstand säßen Direktor:innen aus der Wissenschaft, aus »Familienberufen« und aus der »Zivilgesellschaft«.

Die Väterrechtler argumentieren, das Wechselmodell sei für das Kindeswohl am besten. Als Grund führen sie oft die Rolle des leiblichen Vaters an, dieser dürfe in einer »natürlichen« Familie nicht fehlen. Das Programmheft der Lissaboner ICSP-Konferenz zeigt ein kleines Mädchen, das sich an seinen mutmaßlichen Vater schmiegt. Die Mutter sieht man nicht. Das Bild von Vater und Kind taucht auf den Websites ­vieler Organisationen der Väterrechtsbewegung auf. Es ist ein Bild, das zunächst progressiv erscheint: Ein Vater, der Care-Arbeit übernimmt. 

Tatsächlich könnte die Väterrechtsbewegung laut ­Carola Wilcke von der Mütterinitative Löwenmamas aus einem Gleichberechtigungswunsch heraus entstanden sein. »Bis in die frühen 1980er Jahre gewannen meist die Mütter Sorge- und Umgangsrechtsverfahren vor Gericht«, sagt Wilcke im Gespräch mit der Stadtrevue. »Aus der Wut darüber haben sich Väter Strategien überlegt, wie sie nach der Trennung am Leben der Kinder beteiligt werden können.« 

Die biologistische Erzählung von der Notwendigkeit des leiblichen Vaters zum Beispiel ist anschlussfähig an die extreme Rechte und ihr Bild von der traditionellen Familie
Selina Alin

Das Radikalisierungspotenzial von Vätern, die sich mehr Teilhabe wünschen, wird jedoch als hoch eingeschätzt. Die Antifeminismus-Expertin Selina Alin von der Amadeu Antonio Stiftung sagt im Interview: »Wenn sich Trennungs­väter beraten lassen wollen, geraten sie schnell an das Netz­werk der Väterrechtler.« Manche Vereine der Bewegung, erklärt Alin, scheinen »kein Problem mit radikalen Mitglie­dern zu haben.«

Dadurch entstehe eine »Scharnierfunktion«, die Bewegung docke an extreme Ansichten und Strömun­gen an. »Die biologistische Erzäh­lung von der Notwendigkeit des leiblichen Vaters zum Beispiel ist anschlussfähig an die extreme Rechte und ihr Bild von der traditionellen Familie als angebliche Keimzelle der Nation«, sagt Alin.
Von anderen Alleinerziehendenverbänden heißt es, die Väterrechtler-Szene habe sich von Anfang an als Gegenbewegung zur Frauenrechtsbewegung verstanden. Denn diese habe die Gleichberechtigung der Geschlechter auch im Familienrecht vorangetrieben. In Deutschland zählt dazu etwa, dass 1976 die sogenannte Hausfrauenehe abgeschafft wurde. Beide Ehepartner waren nun gleicher­maßen zur Arbeit im Haushalt verpflichtet und zur Er­werbs­tätigkeit berechtigt. In dieser Zeit entstanden auch die ersten Gruppen der Väterrechtsbewegung.

Der Kölner Politikwissenschaftler Thomas Gesterkamp beschreibt die Gesinnung der Väterrechtler der Stadtrevue gegenüber wie folgt: »Väterrechtler haben ein traditionelles Familienbild und wollen in Zeiten einer angestrebten Gleichberechtigung der Geschlechter die vermeintlich typische Männerrolle zurück.« Es ärgere die Aktivisten, dass sie als Trennungsväter »nicht mehr die Macht haben, über ihre Kinder zu bestimmen«. 

Die Gesinnung der Väterrechtler: »Rechtsideologische Entscheidungsträger«

Sind aber wirklich alle Väterrechtler zutiefst patriarchal? Selina Alin von der Amadeu Antonio Stiftung nennt die Bewegung ein »großes Sammelbecken für legitime und radikale Ansichten«. »Erst einmal ist der Wunsch von ­Vätern, für ihre Kinder da zu sein, ja etwas zu befürwortendes«, sagt Alin. Auch eine Sprecherin des österreichischen Vereins Feministische Alleinerzieherinnen (FEMA)erklärt im Interview mit der Stadtrevue: »Nicht alle Väterrechtler sind radikal.« Es gebe Vereine von Vätern, die sich tatsächlich für ihre Kinder engagierten und kein frauenfeindliches Gedankengut propagierten. »Aber die Entscheidungsträger der Szene sind meist rechtsideologische Menschen.« Aus Angst vor Anfeindungen möchte die Sprecherin nicht namentlich genannt werden. 

Mit FEMA gibt es in Österreich eine institutionalisierte und öffentlich präsente Gegenbewegung zur Väterrechtler-Szene. In Deutschland scheint die wichtigste Vereinigung für alleinerziehende Mütter, MIA, nicht mehr aktiv zu sein. Zwar existiert noch die Mütterinitiative Löwenmamas von Carola Wilcke, die in Koope­ration mit MIA gegründet wurde. Doch deren Selbsthilfegruppe auf Facebook ist laut Wilcke nicht öffentlich einsehbar — aus Schutzgründen: »Wir müssen sozusagen im Untergrund arbeiten, damit unsere Facebook-Gruppe nicht von den Väterrechtlern unterwandert wird«, sagt die Aktivistin der Stadtrevue. Betroffene können sich per Mail an die Löwenmamas wenden und um »Einlass bitten«. Für Wilcke eine notwendige Vor­sichtsmaßnahme. 

Die Väterrechtler scheinen im Vergleich viele aktive Gruppen zu führen — und sie sind gut organisiert. Das macht den misogynen Teil ihrer Bewegung laut Selina Alin zu einem »Paradebeispiel für Antifeminismus«. 
Ein Vertreter des radikalen, frauenfeindlichen Teils der Szene ist Franzjörg Krieg. Thomas Gesterkamp bezeich­net ihn als »Daueraktivisten« und einschlägige Figur der Bewegung, auch Expert:innen im Ausland ist er bekannt. Welche Einstellung der Trennungsvater von sieben Kindern zu Gewalt gegen Frauen hat, zeigt seine Website »Vatersein. Allen Kindern beide Eltern!«. Dort bezeichnete Krieg Femizide kürzlich als »politisch ideologisch gesetztes Schlagwort, um Stimmung zu machen«. Frauenhäuser seien ein »Horrorkabinett«, in das Frauen mit ihren Kindern gingen, um »Kindesentzug« zu betreiben, durch den »dem Kind der Vater und dem Vater das Kind vorenthalten wird«.

Krieg hat den Bonner ICSP nach eigenen Angaben mitgegründet, seine zweite Frau Angela Hoffmeyer ist Generalsekretärin des Vereins. Vorher war sie lange Zeit Bundesvorstandsvorsitzende des Väteraufbruch für Kinder, der als wichtigste Vereinigung der Väterrechtler in Deutschland gilt. 

Frauenfeindlichkeit und das Verkennen oder Verharm­losen von geschlechtsspezifischer und häus­licher Gewalt ziehen sich durch die gesamte radikale ­Szene. Ein Konzept hilft der Bewegung besonders dabei, ihre Ansichten zu legitimieren. Es ist die Theorie eines mutmaßlich Pädophilen aus den USA, die die Referent:in­nen und Gründungs­mitglieder des Bonner Vereins ICSP vertreten, wie ihre Vor­träge zeigen. Auch die Gewaltvorwürfe der Kölner Mutter Emilia wurden offenbar mit ­dieser Theorie abgetan. 

Väterrechtler wollen in Zeiten einer angestrebten Gleichberech­tigung der Geschlechter die vermeintlich typische Männerrolle zurückThomas Gesterkamp

Im Zentrum der Bewegung: Die Theorie eines Pädophilen

Wie sieht diese Theorie aus? Um von Müttern erho­­bene Vorwürfe häuslicher Gewalt zurückzuweisen, beziehen sich Väterrechtler auf das Parental Alienation Syndrome (PAS). Der Gedanke dahinter besagt, dass ein Kind aus einer Trennungsfamilie von einem Elternteil so sehr beeinflusst werden kann, dass es den anderen Elternteil ablehnt und von diesem »entfremdet« wird. In den Augen der ­Väterrechtler meint das meist: Die Mutter denkt sich ihre Gewaltvorwürfe aus und redet ihrem Kind ein, dass sein Vater ein schlechter Mensch sei, bis das Kind den Vater nicht mehr sehen will. Fachleuten zufolge ist PAS ein Pseu­dokonzept, auch das Bundesverfassungsgericht bezeichnete die Theorie 2023 »fachwissenschaftlich als widerlegt«.

Dass die Väterrechtsbewegung PAS nutzt, um Gewaltvorwürfe als falsch zu bezeichnen oder klein zu reden, verwundert mit Blick auf den Ursprung der Theorie nicht. Sie geht zurück auf den amerikanischen Kinderpsychiater Richard Gardner (1931–2003), der Kindesmissbrauch als »Hysterie« von Müttern abtat. 

In seinem 1992 erschienenen Buch »True and false accusations of child sex abuse« (»Wahre und falsche Anschuldigungen wegen sexuellen Kindesmissbrauchs«) schreibt Gardner, er habe in den 80er Jahren begonnen, den Vorwurf des Kindesmissbrauchs als Teil einer PAS-bedingten »Verunglimpfung des angeblich verhassten Elternteils« zu entlarven. Welcher Elternteil das im Regelfall sein soll, lässt sich Gardners Buch schnell entnehmen: Ein Kapitel handelt vom »fälschlicherweise angeklagten Vater«, das andere von der »fälschlich anklagenden Mutter«. Im Fall von tatsächlichem Missbrauch solle man der Mutter erklären, dass die Vorfälle nur durch negative Bewertung zu etwas Schlechtem würden. Eine Therapie könne der Mutter helfen, ihre »Überreaktion auf Pädophilie« einzudämmen. Der Kontakt zum Täter soll in Gardners Augen »ungeachtet der Missbrauchsgeschichte« weiter stattfinden können, wenn vom betroffenen Elternteil gewünscht.

Die Väterrechtsbewegung knüpft an dieses Denken an. Antifeminismus-Expertin Selina Alin sieht im ­patriarchialen Verfügungswillen der Väterrechtler das Ziel der Bewegung. Sie sagt, es gehe um »Machterhalt, in der Familie und in der Gesellschaft«. »Mit dieser antiegalitären Einstellung«, erklärt Alin, »soll im Grunde das Patriarchat verstärkt werden.«

Gardners Thesen ziehen sich durch die Bewegung

Gardners Ansichten, das beobachtet auch die Sprecherin der österreichischen Organisation FEMA, ziehen sich wie ein roter Faden durch die Väterrechtlerszene. Zu sehen ist das zum Beispiel bei Markus Witt, der neben Franzjörg Krieg als einschlägiger Vertreter der Szene in Deutschland gilt und bei der Jubiläumskonferenz des Bonner ICSP 2024 eine Rede hielt. 

Auf Nachfrage der Stadtrevue, ob Witt das Wechselmodell auch in Fällen häuslicher Gewalt vertrete, schreibt dieser, es sei zunächst »zu prüfen, ob die häusliche Gewalt tatsächlich stattgefunden hat oder nur behauptet wird«. Letzteres sei »leider auch ein häufiges, taktisches Mittel in hochstrittigen Fällen.« Habe es tatsächlich häusliche Gewalt gegeben, müsse geprüft werden, ob »Kontakt mit dem Täter oder der Täterin« dem Kindeswohl schade. Sei dem nicht so, sei festzustellen, ob der Kontakt begleitet oder unbegleitet stattfinden könne. 

Witt schreibt ebenfalls, er spreche sich »seit langem« für eine »verpflichtende Mediation« zwischen getrennten Eltern aus. Auch Richard Gardner pochte auf solche Sitzun­gen. Artikel 48 der 2011 vom Europarat verabschiedten ­Istanbul-Konvention verbietet Zwangsmediation jedoch aus Gewaltschutzgründen. Denn viele Frauen, die sich wegen häuslicher Gewalt getrennt haben, berichten von psychischer Belastung oder andauernder Bedrohung durch das regelmäßige Zusammentreffen mit ihrem Ex-Partner. Auf unsere Nachfrage verweist Markus Witt darauf, dass im Sinne der Istanbul-­Konvention eine Ausnahme von der verpflichtenden Mediation gemacht werden könne. Auf seiner Website fabuliert er allerdings davon, dass die Konvention »missbraucht« werde, um »den Gewaltbegriff im Zusammenhang mit familiengerichtlichen Verfahren […] einseitig geschlechtsbezogen auszulegen«. Die Istanbul-Konvention, schreibt Witt dort weiter, war »nie dazu gedacht, Täterinnen zu schützen und ihnen rechtsfreie Räume für Missbrauch zu schaffen.« 

Therapie für eine »gesunde Familienhierarchie«? 

Welchen Missbrauch Witt vermutlich meint, wird beim Blick auf das Workshop-Programm einer anderen Referentin des ICSP deutlich: Die New Yorker Sozialarbeiterin Linda Gottlieb spricht auf der Konferenz in Lissabon über »entfremdendes Verhalten« von Eltern und häusliche Gewalt. Für Gottlieb sind das zwei identische Dinge: Auf ihrer Website definiert sie häusliche Gewalt unter anderem als die »Entfremdung« eines Kindes von einem Elternteil. Diese sei Kindesmisshandlung. 

Zur »Heilung« bietet Gottlieb in den USA eine »Wieder­vereinigungstherapie« über ihr Programm »Turning Points for Families« an. In den Sitzungen sollen »entfremdete« Kinder und die von ihnen abgelehnten Elternteile einander wieder nähergebracht werden. Inzwischen erwachsene Betroffene sprechen in Medienberichten davon, dass sie während der Therapie weiterhin »vom Vater missbraucht« und zum Umgang mit ihm gezwungen wurden. Gottlieb verteidigt ihr Konzept auf ihrer Website unter anderem damit, eine »gesunde Familienhierarchie« wiederherstellen zu wollen. Dort beschreibt sie sich auch als Expertin für »Eltern-Kind-Entfremdung«. 

Warum eine umstrittene Rednerin wie Linda Gottlieb zu Konferenzen des Bonner ICSP eingeladen wird, hat uns der Verein nicht beantwortet. Dass das Konzept der Entfremdung (PAS) in Deutschland offiziell vom Bundesverfassungsgericht als empirisch nicht belegbare Theorie abgelehnt wurde, lässt die Väterrechtler wohl unbeeindruckt. »Die Szene vernetzt sich, um PAS trotzdem durchsetzen zu können«, mutmaßt die Antifeminismus-Expertin Selina Alin. Das Netzwerken beschränkt sich jedoch nicht auf die Konferenzen der Szene. Um die Thesen der PAS-Theorie zu verbreiten, hätten sich Väterrechtler sogar einen »Einfluss an der Öffentlichkeit vorbei auf die Gerichte« erkämpft. Denn sie bieten Seminare an für Menschen, die in Entscheidungen vor dem Familiengericht eingebunden sind. 

Es geht um Macht­erhalt, in der Familie und in der Gesellschaft. Mit dieser anti­egalitären Ein­stellung soll im Grunde das Patriarchat ­verstärkt werdenSelina Alin

Eine Ausbildungsindustrie mit Einfluss

Im ostwestfälischen Lemgo sitzt das Institut für lösungsorientierte Arbeit im Familienrecht. Es bildet nach eigenen Angaben Richter:innen, Verfahrensbeistände, Rechts­an­wält:innen, Mitarbeitende in der Jugendhilfe und Sachverständige aus. Auch eine vielfache ICSP-Referentin und PAS-Vertreterin namens Silvia ­Danowski-Reetz hat hier nach eigenen Angaben eine Ausbildung gemacht. Zwar distanziert sich das Institut vom Parental Alienation Syndrome nach ­Richard Gardner. Doch der Institutsgründer und Psychologe Uwe Jopt ist ein vehementer Verfechter der PAS-Theorie. Das zeigen viele seiner Vorträge: Etwa auf einer Tagung in Frankfurt im Jahr 2002, zu der der PAS-Erfinder Gardner aus den USA kam, oder beim Männerkongress 2012 in Düsseldorf, den auch Franzjörg Krieg besuchte. 

Krieg bietet auf seiner Website ebenfalls Seminare zur Ausbildung an. Sie tragen Namen wie »Coaching für die Kooperation mit dem Beistand«, »Coaching für den Gewaltvorwurf« und »Diskriminierung von Vätern«. 
Die Essener Rechtsanwältin Jennifer Nadolny hält die Aus- und Weiterbildungsangebote der Väterrechtler für »eines der größten Probleme« an Familiengerichten. »Die Fachtagungen der Väterrechtler sind nicht auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft«, sagt Nadolny im Gespräch. »Wenn ein junger Richter dort von den Thesen der Bewegung hört, glaubt er die erst einmal und wird nicht mehr unvoreingenommen an ein Verfahren herangehen.«

Nadolny ist als Anwältin bundesweit tätig. Sie sagt, in den Familiengerichten kursierten »alte Narrative davon, dass die Mütter den Vätern um jeden Preis ihre Kinder vorenthalten würden«. Mütter, die Gewaltvorwürfe vor Gericht anbrächten, würden schnell verdächtigt, die Bindung des Kindes zum Vater nicht zu »tolerieren«. »Wenn Mütter Gewalt erfahren haben«, berichtet Nadolny, »wird ihnen oft eine Therapie empfohlen, damit sie dem Umgang des Vaters mit seinem Kind wieder unvoreingenommen gegenüber stehen.« 

Auch eine Studie des Soziologen Wolfgang Hammer besagt, dass die Narrative der Väterrechtler »regelmäßig« für Entscheidungen in familiengerichtlichen Verfahren herangezogen werden. Laut der Studie sind die Aus- und Fortbildungsangebote der Väterrechtler in eine Lücke neu­traler Anbieter gestoßen. Einer dieser neutralen Anbieter ist Clemens Lübbersmann mit seinem Bonner Weiterbildungsinstitut Verfahrensbeistandschaf. Er distanziert sich auf unsere Anfrage deutlich von den Thesen der Väterrechtler. Viele andere Verbände in NRW seien ebenfalls neutral. Lübbersmann, der selber Verfahrensbeistand ist, sagt aber auch: »Dass die Gerichte häuslicher Gewalt oft nicht nachgehen, kann ich bestätigen.« 

Rechtsanwältin Nadolny hat die­selbe Erfahrung gemacht. Sie sieht ein Wechselmodell als Standard kritisch: »Man kann nicht pauschal sagen: ›Umgang um jeden Preis‹«. Stattdessen müsse der Einzelfall eruiert werden. Studien zeigten, dass bei hochstrittigen Elternschaften das Wechselmodell »ganz und gar nicht gut« sei. In der Praxis aber stehe das Umgangsrecht oft »über allem«.

Die Kölner Mutter Emilia hat das Wechselmodell vom Gericht nicht verordnet bekommen — »dem Himmel sei Dank«, entfährt es ihr. Aber ihrem Ex-Partner wurde ein geregelter Umgang mit seinem Sohn zugesprochen: Zwei Wochenenden im Monat und jeden Mittwoch nach der Schule darf er ihn sehen. Während der Umgänge sei der Vater dem Sohn gegenüber wieder gewalttätig geworden, sagt Emilia. Das Kind habe zum Beispiel berichtet, wie es vom Vater auf den Boden gestoßen worden sei. »Oft erzählt mein Sohn auch, wie er von seinem Papa angeschrien und eingeschüchtert wurde«, berichtet die Kölnerin. »Und ich kann nichts dagegen tun. Ich fühle mich so ohnmächtig.«

Wenn es nach den Väterrechtlern ginge, müsste Emilia ihr Kind noch häufiger zu seinem Vater geben. Denn das Wechselmodell sieht vor, dass sich getrennte Eltern die Betreuung gleichermaßen aufteilen. Diese Regelung wollen die Väterrechtler länderübergreifend zum Standard machen, wenn sie Trennungen überhaupt noch tolerieren. 

Ihr großes Ziel ist es, nicht nur die Justiz jeweils vor Ort zu beeinflussen. Sondern auch die Gesetzgebung. Dafür knüpfen sie Kontakte in die Politik.

Wenn Mütter Gewalt erfahren haben, wird ihnen oft eine Therapie empfohlen, damit sie dem Umgang des Vaters mit seinem Kind wieder unvorein­genommen gegenüber stehenJennifer Nadolny

Der nächste Schritt: Lobbyarbeit in der Politik

Es ist das Jahr 2014, der Bonner Verein ICSP hat sich gerade gegründet. Zur ersten Vereinskonferenz in Bonn kommt Simone Pillon, ein italienischer Anwalt und späterer Senator der rechtsextremen Partei Lega Nord. Der katholische Ultra ist Teil einer christlich-fundamentalistischen Bewegung, die Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen will. 

Pillon selbst hat es zunächst auf die italienische Legis­lative abgesehen. Ein paar Jahre nach der Bonner Konferenz erarbeitet er einen Gesetzesentwurf, der Scheidun­gen nur nach einer kostenintensiven und ­verpflichtenden Familienberatung zulässt. Hat die keinen Erfolg, sollen die Kinderbetreuungszeiten nach der Trennung gleichmäßig zwischen den Eltern aufgeteilt werden, wie beim Wechselmodell.

Ein Verbündeter Pillons ist Gründungsmitglied des Bonner ICSP und hat oft auf den Vereinskonferenzen referiert: Der italienische Kinderarzt Vittorio Vezzetti. Laut Medienberichten half er Pillon bei seinem Gesetzesentwurf. Vezzetti hat eine Organisation namens Colibri als »europäische Plattform« für gemeinsames Sorgerecht und geteilte Elternschaft gegründet. Colibri sitzt in Brüssel. Für die Alleinerziehenden-Initiative FEMA ist das kein Zufall, da sich Vezzetti in der Vergangenheit auf EU-Ebene für das Wechselmodell eingesetzt habe. Im Umfeld des Bonner ICSP wäre er nicht der Einzige mit diesem Vorhaben. 

Im Vorstand des ICSP zum Beispiel sitzt ein anderer Väterrechtler, dessen Organisation sich politischen Einfluss in Brüssel verschaffen will: Peter Tromp, Präsident der Initiative Platform for European Fathers. Die Organisation schreibt auf ihrer Website, sie wolle »Väterinteressen im europäischen Parlament und auf der politischen Ebene in der EU vorantreiben«. Unter anderem möchte die Plattform die »Doppelresidenz« zum »Grundsatz« der europäischen Gesetzesgebung machen. Auf X postet Tromp Inhalte, die Männer als benachteiligt gegen­über Frauen darstellen — zum Beispiel ein Pamphlet mit Inhalten der rechten US-Kampagne Men’s Equality Network (MEN).

Auch in die deutsche Politik hat die Szene Verbindungen: Nach Recherchen von Correctiv lud das Justizministerium unter dem damaligen Minister Marco Buschmann (FDP) das Lobby-Bündnis »Genug Tränen« Anfang 2023 zum Gespräch ein. »Genug Tränen« wird vom Väteraufbruch für Kinder unterstützt, dem die Generalsekretärin des Bonner ICSP, Angela Hoffmeyer, lange vorstand. Bei der FDP waren die Väterrechtler offenbar an der richtigen Adresse: Die Partei tritt dafür ein, das Wechselmodell als Regelfall festzulegen.

Bisher ist dieses Vorhaben noch keine Realität ge­worden. Für Emilia ist das nur ein schwacher Trost. Obwohl sie vom Wechselmodell »verschont« geblieben sei, sagt sie: »Ich lebe in ständiger Angst«. Angst davor, wie ihr Sohn vom Umgang mit dem Vater zurückkommen werde. Ihr Ex-Partner habe sogar noch mehr Umgang ­zugesprochen bekommen, nachdem Emilia Gewaltvorwürfe erhoben habe. Doch den radikalen Väterrechtlern reichen Umgangsregelungen nicht, nach denen Kinder hauptsächlich bei der Mutter leben. Diese Aktivisten ­wollen den größtmöglichen Einfluss auf die Familie — ungeachtet potenzieller Gewaltvorwürfe. Also haben sie sich zusammengeschlossen, über Länder- und Kontinentgrenzen hinweg. Trotzdem geben sie sich schmal­lippig. Auf unsere Fragen hat der Bonner Verein bis ­Redaktionsschluss nicht reagiert. Klar ist jedoch: Der ­Verein bietet mit seinen Konferenzen die Infrastruktur für die Vernetzung einer teils radikalen Bewegung. Die macht von ihren Verbindungen in Justiz und Politik Gebrauch, um den Gewaltschutz von Frauen und Kindern zu untergraben. Viel Gegenwind bekommen die Väterrechtler in Deutschland aktuell nicht. Für die Aktivisten dürfte das vor allem eins sein: ermutigend.

 

Glossar
FEMA: Verein Feministische Alleinerzieherinnen 
ICSP: International Council on Shared Parenting
MEN: Men’s Equality Network
PAS: Parental Alientation Syndrome