»Die Leute suchen schon neue Wohnungen«: Proteste an der Wilhelm-Hoßdorf-Straße

»Wo bleibt die ­Menschlichkeit?«

Die Wucht der Proteste gegen das geplante ­Suchthilfezentrum überrascht die Stadtspitze

Dort, wo in einem Jahr Kölns erstes Suchthilfezentrum in Betrieb gehen soll, sind an diesem Nachmittag drei Anwohner mit ihren Hunden unterwegs. An den Zäunen zum vierspurigen Perlengraben hängen Transparente, ebenso an den Häusern gegenüber an der Wilhelm-Hoßdorf-Straße, wo das Panta­leons­viertel beginnt. »Spielen statt Dealen« steht darauf, oder »Toben statt Drogen«. ­Eigentlich sollte auf der kleinen, vom Verkehr umtosten Grünfläche ein Spielplatz entstehen.

Doch kurz vor Weihnachten fanden die Anwohner Flyer in ­ihren Briefkästen, auf denen die Stadt Köln ihnen mitteilte, dass dort ein Sucht­hilfe­zentrum entstehen soll, mit Drogen­konsum­raum, Aufenthaltsräumen, Beratung, medizinischer Versorgung. Es sei der einzig mögliche Standort in einem Radius von einem Kilometer um den Neumarkt, was als Voraussetzung dafür gilt, dass das Zentrum von der Szene auch angenommen wird. »Die Leute sind überzeugt, dass es hier bald so aussehen wird wie am Neumarkt«, sagt ein Hundehalter. »Die suchen schon neue Wohnungen.«

Von einer gemütlichen Plauder­stunde geht hier niemand aus. Doch auf das, was sich dann abspielt, war man auf dem Podium nicht gefasst 

Am Berufskolleg am Perlengraben, nur wenige Meter entfernt, haben sich Hunderte Menschen versammelt. Viele haben Plakate mitgebracht, »Bur­mesters Crack-Olympiade« steht auf einem. Ober­bürger­meister, Polizei­präsident und Sozial­dezernent sind ins Viertel gekommen, um sich den Fragen der Anwohner zu stellen. Von einer gemütlichen Plauder­stunde geht hier niemand aus. Doch auf das, was sich dann in der Aula abspielt, war man auf dem Podium wohl doch nicht gefasst. Als OB Torsten Burmester von den Zuständen am Neumarkt spricht, von weinenden Anwohnern und Sucht­kranken mit offenen Beinen, geht der Rest in höhnischem Gelächter unter. Harald Rau, der Sozialdezernent, kann kaum einen Satz zu Ende führen, ohne dass jemand pfeift oder dazwischenbrüllt. Beide wirken sicht­lich mitgenommen.

Einen anderen Ton schlägt der Polizeipräsident an. Er habe eigentlich zu Beginn sein Verständnis für die Sorgen der Anwohner ausdrücken wollen, sagt Johannes Hermanns. Nun habe er es sich anders überlegt. Da wird es ruhig im Saal. Drogensüchtige seien in erster Linie krank, nicht kriminell, sagt Hermanns. »Aber wenn wir jetzt nicht handeln, können wir auf Dauer für Ihre Sicherheit nicht mehr garantieren.« Die Lage mit der offenen Drogen­szene sei dramatisch, es kämen ständig neue Drogen auf den Markt, sagt er.

An die hundert Menschen sollen im Suchthilfezentrum arbeiten, und in seiner »Fünf-Jahres-­Vision« gebe es zumindest ein zweites Zentrum in Kalk, ergänzt der Sozialdezernent. Insgesamt sollen in Köln drei Suchthilfezentren entstehen, nach Züricher Vorbild. Diese Zentren seien die einzige Chance, verlautet es vom Podium. »Wenn wir keinen Ort haben, wo wir die Menschen ­abgeben können, verdrängen wir die Menschen mit unseren Kontrollen nur in die Wohnge­biete«, sagt der Polizeipräsident. ­Niemand aber wolle so ein Zentrum in seiner Nachbarschaft. »Egal, wo man fragt, man stößt auf Ablehnung.«

Da meldet sich eine Schülerin zu Wort, sie besucht eine der insgesamt fünf Schulen im Umkreis. »Alle sorgen sich um uns, aber Obdachlose und Sucht­kranke ­sehen wir auch jetzt schon jeden Tag«, sagt sie. »Ich will, dass ­dieses Zentrum gebaut wird. Wo bleibt denn hier die Menschlichkeit?«